SaschaSalamander
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Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Drama

Ethische Fragen für Jugendliche

klaas_laufen_150_1.jpgHeute fing ich an mit "Wenn er kommt, dann laufen wir". Ein Jugendbuch, allerdings aufgrund des Storyaufbaus und der Erzählweise erst für ältere Kids, die jüngeren dürften sich vermutlich langweilen, ist mehr Gedankengang als Handlung. Ich finde es soweit jedenfalls sehr spannend bisher. Ein Jugendlicher, verurteilt nach Erwachsenenstrafrecht auf lebenslänglich. Kommt nach fünf Jahren wegen diverser Verfahrens- und sonstiger Fehler wieder in Freiheit. Zurück in seine Familie. Und erzählt wird die Geschichte aus Sicht seines jüngeren Bruders, der nun die Freundin verliert, Ärger mit seinem besten Freund bekommt und von allen Seiten stigmatisiert wird. Die Story reißt mich richtig mit, und die Fragen nach Schuld, Sühne, Vorurteil, dem prinzipiell Guten und Bösen lassen mich nicht los. Da ich zuvor bisher nichts weiter über das Buch gelesen habe, bin ich mal gespannt, wie es weitergeht. Keine Ahnung, wohin es mich führen wird. Das habe ich am liebsten ...

SaschaSalamander 18.08.2008, 22.29 | (0/0) Kommentare | PL

Boot Camp

rhue_bootcamp_150_1.jpgNachdem meine Schülerin so begeistert war von der Welle, von "ich knall Euch alle ab" und momentan dem Asphalt Tribe, kaufte sie sich auch "Boot Camp". Und wenn sie schon mal liest, dann möchte ich das gerne tatkräftig unterstützen und lese bzw höre mit, um mich später mit ihr darüber austauschen zu können. So hörte ich nun also "Boot Camp", und war wie immer von den Büchern dieses Autors begeistert ...

Connor ist ein Einserschüler, intelligent und lebhaft. Aber er liebte seine Lehrerin, und weil er es sich von seinen Eltern nicht verbieten ließ, schickten diese ihn in ein Erziehungsheim. Ein BootCamp. Für 4000 Dollar im Monat. Und nun hat Connor keinerlei Rechte mehr, muss schweigen, andere verpfeifen, zusehen, wie andere verprügelt werden, wird selbst verprügelt. Ein Erziehungscamp für Minderjährige, das vor allem Kriminelle vor dem Knast bewahren soll und die Jugendlichen umerziehen soll für die Gesellschaft. Wie lange sie dort bleiben müssen, hängt ab von ihrem Erfolg. Davon, wann ihr Willen gebrochen ist und sie sich komplett den Anweisungen ihrer Anführer unterwerfen. Aber nicht alle Jugendlichen sind straffällig. Manche, wie Connor, Pauli oder Sabrina sind dort, weil sie ihren Eltern zu schwächlich waren, zu frühreif, weil sie sich nicht deren Religion anschließen wollen. Und so schmiedet Pauli einen Fluchtplan, der sogar funktioniert. Doch dann geschieht etwas, das heftig an Connors Gewissen rüttelt und ihn vor eine dramatische Entscheidung stellt ...

Wie alles von Rhue Morton fesselnd, sodass man es nicht mehr beiseite legen kann und wenn möglich in einem Zug beenden muss. Und wie alles von ihm ist auch dieses Buch basierend auf realen Fakten, aber dennoch agieren fiktive Charaktere. Schockierend und grausam, man möchte wünschen, dass es solche Camps nicht gäbe, man möchte gerne die Augen schließen und sagen "das ist nur erfunden". Aber so, wie auch Amokläufe von Jugendlichen oder drogensüchtige Straßenkids auf dem Strich leider grausame Realität sind, ist es auch dieses Buch. Ich habe anschließend einiges im Internet recherchiert, um herauszufinden, was es mit diesen Camps auf sich hat. Eigentlich für Einheiten der Marines gedacht, aber dann auch für Straffällige als Ersatz für eine Freihheitsstrafe angewendet, 120 Tage Boot Camp anstelle der Haftstrafe, die Insassen empfinden das Camp schlimmer als die weitaus längere Haft. Denn dort sind sie körperlichen Strapazen bis ans Limit ausgesetzt, ihr Wille wird gebrochen, sie verlieren jegliche Würde, jeglichen Selbstwert, jegliche Persönlichkeit. Jugendliche, die in solche eigenen "Erziehungsheime" gelangen, sind nicht auf 120 Tage begrenzt, sondern auf Gutwill ihrer Eltern so lange dort, bis sie deren Wünschen und Anforderungen genügen und wieder ein "braves Kind" sind. Das kann wenige Monate dauern, aber auch viele Jahre bis hin zur Volljährigkeit ...

Ein erschütterndes Buch, das sich Jugendliche und Erwachsene nicht entgehen lassen sollten! Es liest sich rasant und liefert viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren ...

SaschaSalamander 18.08.2008, 09.49 | (0/0) Kommentare | PL

Lang vor mir hergeschobener Autor

nightlistener_150_1.jpgEndlich konnte ich via Tauschticket den Film "The Night Listener" ergattern. Keine Ahnung, worum es geht, aber ist egal, ist mit Robin Williams. Und ist gerade recht spannend. Sehr im Stil seiner neueren, dramatischen Filme, die mir eh besser gefallen als die alte Comedy. Und da lese ich im Vorspann doch in der Tat den Namen des Autoren der Romanvorlage: Amistead Maupin. Na sowas ... wie oft schon habe ich von ihm gehört, wie oft wollte ich ihn schon lesen und habe es dann immer wieder aufgeschoben ... mal sehen, was der Film mir bringt und ob ich mich dann in seine Romane stürze ...

SaschaSalamander 08.07.2008, 22.11 | (0/0) Kommentare | PL

Alleine das Vorwort

rhue_asphalt_150_1.jpgBald gehen die Ferien los, meine Schülerin hat Nachhilfe auch während dieser Zeit, und jetzt die letzten Wochen ist in der Schule kein neuer Stoff. Da möchte ich es also etwas lockerer angehen mit einer für sie spannenden Lektüre. In der Bib griff ich ein paar Bücher, die ihr gefallen könnten. Fantasy, Abenteuer, das ist nicht so ihr Ding. Dafür mag sie sehr die authentischen Geschichten von was auch immer. Authentische Erzählungen oder zumindest Geschichten, die wahr sein könnten, um Jugendliche und deren Probleme im Alltag oder in besonderen Lebenslagen.

Ich habe knapp acht oder neun Bücher geschnappt, die ich heute mit ihr mal durchging. Klappentexte studiert, Schreibstile verglichen, Inhalt überflogen. Und von allen Büchern gab es eines, das ganz klar aus der Masse hervorstach. Da ich weiß, wie "wählerisch" die Schülerin ist, achtete ich nur auf den Inhalt, auf nichts weiter. Aber was auch zählt, sind natürlich die Verständlichkeit der Sprache, und vor allem auch, ob das Buch bewegt und zum Weiterlesen anregt. Erst, als wir uns eindeutig entschieden hatten, fiel mein Blick auf den Autor. Morton Rhue. Hätte ich das vorher gesehen, hätte ich alle anderen Bücher zu Hause lassen können! Morton Ruhe, Autor von "die Welle", "Boot Camp" und "Ich knall Euch alle ab". Seine Bücher bewegen Jugendliche überall auf der Welt. Und gibt es eigentlich einen Erwachsenen, der "die Welle" noch nicht gelesen hat und davon begeistert, aber auch erschüttert war?

Um in die Sprache reinzukommen, lasen wir die ersten Seiten, und wir waren bereits eifrigst am Diskutieren. Auch ich war begeistert und gefesselt. Und das alleine vom Vorwort! Außerdem bin ich mächtig stolz auf "meine Kleine". Letztes Jahr lasen wir ein Buch Deutsch-Englisch mit einfacher Sprache extra für Schüler zum Lernen, später hörten wir einen Deutsch-Englischen Jugendroman (Hören ist schwerer als Lesen), und jetzt lesen wir gemeinsam ein komplett englisches Buch eines amerikanischen Autoren, geschrieben für Muttersprachler.

"Asphalt Tribe" beschreibt das Leben einiger Kinder auf der Straße. Ich weiß selbst noch nichts Genaueres, aber das wird sich bald ändern. Wie gesagt, bisher nur das Vorwort. Es handelte in flüssigem Stil davon, weshalb Jugendliche von zu Hause ausreißen oder wieso sie von ihren Eltern hinausgeworfen werden. Wie sie sich auf der Straße durchkämpfen mit Prostitution und Drogen, dem allgegenwärtigen Risiko von HIV und ohne Hoffnung auf eine Zukunft. Vier Seiten, nur ein einfaches Vorwort, aber mein Mädel war erschüttert, und auch mir wurde dieses Thema, das ich in der Schule wie auch während meines Studiums immer wieder gehört hatte, wieder sehr deutlich nahegebracht. Wie gut mag dann erst das Buch sein ...

Bald werde ich Euch mehr darüber erzählen ... oder vielleicht habt Ihr es schon gelesen und möchtet mir darüber berichten? ;-)

SaschaSalamander 03.07.2008, 18.16 | (0/0) Kommentare | PL

Gute Nacht Zuckerpüppchen

hassenmueller_zuckerpueppchen_150.jpgEs ist die Zeit nach Kriegsende. Gaby und ihr Bruder Achim leben zusammen mit der Mutter, ihr Vater starb auf dem Feld. Da klingelt eines Tages ein Fremder an der Tür, er sei ein Kamerad des Vaters, und der Vater habe ihn gebeten, sich um die Familie zu kümmern. Bald heiratet er die Mutter, und für die Kinder beginnt eine schlimme Zeit. Achim sei verweichlicht, er solle ein richtiger Mann werden, er muss die schweren Kohlen schleppen und sich morgens eiskalt waschen. Gaby dagegen ist "Pappis", wie sie ihn nun nennen müssen, Zuckerpüppchen. Er erzählt ihr Geschichten, spielt mir ihr und ... beginnt sie zu missbrauchen. Die Mutter hat es schwer, und Gaby kann sich ihr nicht anvertrauen, sie weiß, dass sie ihr nicht glauben würde. Außerdem sagt Pappi, dass Gabi dann ins Heim müsse. Als Mutter erfährt, dass ihr Mann ein  14jähriges Nachbarmädchen geschwängert hat, begeht sie einen Selbstmordversuch. Und Gaby fühlt, dass sie ganz alleine ist mit ihrer Angst ...

Das Buch ist schrecklich. Ein Jugendbuch, mag sein, aber ich denke, auch und erst recht für Erwachsene. Ich hatte einen derart dicken Kloß im Hals, und doch konnte ich es nicht weglegen. Von der ersten Seite an ist der Leser von dem einfachen, eindringlichen und ergreifenden Schreibstil gefesselt. Die Beschreibungen sind der Zielgruppe entsprechend gehalten, und doch sind die Bilder so klar vor Augen, dass das Atmen schwerfällt. Man fiebert mit Gaby, wenn die Zimmertür aufgeht und sie sich fürchtet, und man leidet mit ihr, wenn der Stiefvater eifersüchtig ihre Treffen und Termine überwacht. Ständig möchte man schreien "sag doch was", vor allem, wenn der freundliche Arzt oder die engagierte Lehrerin mit ihr reden. Doch leider ist das Buch sehr real. Und die Täter wissen, wie man Kinder zum Schweigen bringen kann. Und aus den Kindern werden junge Frauen, und die Scham wächst, die Angst wird ein ständiger Begleiter.

Am Ende des Romanes sind ein paar Seiten Information. Ich finde das gerade für die Jugendlichen, die diesen Roman lesen, sehr wichtig. Näheres darüber, wie Fälle von Missbrauch ablaufen, beschrieben anhand von Beispielen aus der Geschichte um Gaby. Anlaufstellen für Betroffene sind genannt.

Ich halte es für sehr wichtig, dass die jugendlichen Leser danach mit Freunden oder Verwandten über dieses Buch reden, denn es muss verarbeitet werden. Keine Lektüre, die man schnell mal so nebenbei lesen kann und dann weglegt und es vergisst ...

"Gute Nacht, Zuckerpüppchen" hat zu Recht den Buxtehuder Bullen als Jugendbuch 1989 verdient. Es ist ein Buch, das man, finde ich, auf jeden Fall gelesen haben sollte, ob Jugendlicher oder Erwachsener. Ein Buch, das man nicht so schnell vergisst ...

SaschaSalamander 05.05.2008, 18.02 | (0/0) Kommentare | PL

Wunderschöne Bilder

zusak_buecherdiebin_150_1.jpgDie Bücherdiebin lese ich nun schon seit einiger Zeit. Ein wunderschönes Buch, aber ich kann nicht zuviel davon auf einmal lesen. Habe erst ein knappes Sechstel davon beendet. Es handelt von Kriegszeiten, und auch, wenn es nicht voller Gewalt und Angst ist, muss ich bei Krieg vorsichtig sein. So etwas beschert mir Albträume. Und dazu kommt, dass die Sprache wunderschön ist. Aber sehr intensiv, sehr bildhaft. Würde ich zuviel auf einmal davon lesen, würden die Worte nicht mehr wirken. Vor allem sehr viel Personifizierungen sind es. Das Buch wird erzählt aus der Perspektive des Todes, und er haucht mit seiner Sprache auch den unbelebten Dingen Leben ein. Eine sehr gute Idee. Aber auf Dauer auch ein wenig anstrengend. Unten ein paar Beispiele.

Jedenfalls finde ich das Buch sehr schön. Ich sehe die Figuren gut vor mir, kann mich sehr gut in sie hineinversetzen, habe meine Charaktere bereits liebgewonnen, fiebere mit ihnen. Es gibt sehr viele Exkurse zu anderen Leuten, die entweder nur so kurz beleuchtet werden oder vielleicht später noch wichtig werden könnten. Egal, es ist nett zu lesen. Aber durch die vielen Wechsel von einer Person zur nächsten fehlen auch die Cliffhanger, die bei anderen Büchern dazu verleiten, "nur noch eine Seite", "nur noch ein Kapitel" zu lesen.

Die Worte trotteten aus ihr heraus.
Das Flugzeug hustete noch. Rauch trat aus seiner Lunge.
Die Leiche verharrte, hartnäckig und still.
Das Echo folgte ihm die Straße entlang.
Die Worte fielen vom Bett und ergossen sich auf den Boden.

SaschaSalamander 08.04.2008, 10.07 | (0/0) Kommentare | PL

Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung

claudel_linh_150.jpgGestern auf dem Weg zu meiner Arbeit habe ich dieses Buch begonnen, habe sogar eine Bushaltestelle verpasst (passiert mir auf dieser Strecke allerdings auch ohne Buch, wirklich eine seltsame Linie) und auf dem Nachhauseweg von der U-Bahn bis zur Wohnung während des Laufens weitergelesen und dann zu Hause endlich das letzte Kapitel gelesen ... dieses Buch hat mich gefseselt wie schon lange keines mehr ...

Ein alter Mann flüchtet nach dem Krieg in seiner Heimat in ein fremdes Land. Er heißt Linh, aber niemand erinnert sich an seinen Namen, denn alle Menschen seines Dorfes sind tot. Nur seine sechs Wochen alte Enkelin Sang diû hat er bei sich, und einen alten Koffer mit Kleidung, einem verbleichten Foto und einem Säckchen Heimaterde ... er kommt in die fremde Stadt, ist einsam, wird verlacht, findet sich nicht zurecht. Aber für die kleine Sang diû muss er stark sein, für sie bleibt er am Leben, denn sie braucht ihn. In der Stadt auf einer Parkbank begenet ihm ein einsamer alter Mann, dick, freundlich, warm. Die beiden verstehen kein Wort, das der andere sagt, und Monsieur Linh redet auch nicht, doch das macht nichts, dafür redet Herr Bark, zeigt Linh die Stadt, lädt ihn zum Essen ein, ist ihm Freund und Vertrauter. Doch bald wird Monsieur Linh in ein neues Gebäude gebracht, fort aus dem alten Wohnheim. Er hat Angst alleine, er beherrscht die fremde Sprache nicht, und er kennt nicht den Namen seines Freundes. Wie soll er ihn nur im Gewirr dieser großen Stadt wiederfinden?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, dieses Buch zu preisen, ich könnte ein Loblied nach dem anderen singen. Schon lange hat mich kein Buch mehr so bewegt. Klar, mir gefallen viele Sachen, ich liebe die Abwechslung, und vieles ist gut. Aber dieses hier hat mich wirklich bewegt. Tief innen berührt. Und das schaffen tatsächlich nur sehr wenige Werke.

Monsieur Linh ist ein Buch, das sparsam an Wort und Information ist. Nur 127 Seiten im Kleinformat. Dabei jedoch soviel Inhalt und Aussage, als wäre es ein dicker Wälzer. Wie auch Baricco ("Oceano Mare", "Seide", "Novecento", etc) lässt Claudel die Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Er braucht keine emotionalen Worte, um Gefühle zu beschreiben, er beschreibt nur das Äußere. Und dadurch, finde ich, kann der Leser selbst empfinden. Diese Art des Schreibens liebe ich, solche Bücher lese ich so gerne. Natürlich könnte Claudel sagen "das Heimweh schnürte ihm die Kehle" oder "er fühlte sich einsam und verlassen". Phrasen. Ausgelutscht. Nicht mein Ding. Kleine Gesten, Beobachtungen sind soviel lebendiger! Im nächsten Beitrag heute Nachmittag werde ich dagegen ein paar Passagen zitieren, die wunderbar Gefühle erzeugen, den Leser die Verzweiflung, Einsamkeit, Freude des Alten selbst spüren lassen ...

Die Figuren wachsen ihm sehr schnell ans Herz, man fühlt sich mit Monsieur Linh verbunden. Er ist ein wenig verschroben, aber er will das Beste für seine Enkelin, er ist stark, und er kämpft, auch wenn er am liebsten aufgeben möchte. Und dann der lebendige, aufgeschlossene Herr Bark, er redet und redet und redet und redet. Er hat eine warme Stimme, und in seiner Stimme liegen Gefühle, wie die anderen Menschen sie stets unterdrücken nach außen. Er ist groß, und er kann Monsieur Linh beschützen, niemand wird Sang diû in seiner Gegenwart etwas antun. Herr Bark ist traurig, denn er hat seine Frau verloren, aber das weiß Monsieur Linh nicht. Und es ist auch egal. Die beiden Männer verstehen sich auch ohne Worte, eine Freundschaft, die weit über gemeinsame Interessen hinausgeht. Und demgegenüber die kalte, leere, trostlose Stadt mit den hastenden Menschen, den ihn verlachenden Mitbewohnern im Heim, der unbeteiligten Dolmetscherin, den kalten Wärtern im Heim. Der Leser empfindet die Enge zwischen den grauen Häusern, als wäre es seine eigene, und gemeinsam mit Monsieur Linh träumt er sich auf die Reisfelder, atmet den Duft von Zitronengras, fühlt den Wind auf der Haut ...

Und dann plötzlich ... eine drastische Wende. Auf der vorletzten Seite. Der Leser hat es die ganze Zeit schon geahnt, und nun die Gewissheit. Nebenbei, in einem kleinen Nebensatz, wie zufällig nur in den Raum geworfen, ein einziges kleines Wort. Und daraufhin das offene Ende. Happy End? Trauriges Ende? Das darf der Leser selbst entscheiden, Tränen werden ihm auf jeden Fall ohne Zweifel in den Augen stehen, denn das Schicksal des alten Mannes kann niemanden unberührt lassen.

Spannung, Thrill, komplexe Handlungsstränge, anregende Dialoge, das gibt es nicht, dieses Buch ist wirklich sehr karg gehalten, nur das Notwendigste wird gesagt, und dadurch gewinnt jedes Wort an Bedeutung. Wer solche ruhigen, knappen Bücher voll Inhalt und Wärme mag, kommt an Monsieur Linh nicht vorbei.

SaschaSalamander 23.05.2007, 12.05 | (0/0) Kommentare | PL

Das Geheimnis des Weinbergs

lenoir_weinberg_150.jpgEin Buch, das mich in der Bücherei sofort ansprach, obwohl ich noch nie davon gehört hatte, obwohl auch der Autor mir fremd war. Während ich mich sonst gerne auf aktuellere oder bekanntere Werke beschränke, hatte ich das Bedürfnis, dieses hier sofort zu hören. Und es hat mich sehr bewegt. Schade, dass dieses Buch nicht bekannter ist, vielleicht trägt ja wenigstens meine Rezension dazu bei, dass es ein wenig mehr von der verdienten Aufmerksamkeit erhält ... aus meiner Begeisterung heraus werde ich auch ein wenig über eine knappe Inhaltsangabe hinausgehen, aber keine Angst, gespoilert wird natürlich nicht ;-)

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Frankreich, ein kleines Dorf im 19. Jahrhundert. Wie Dörfer in ihrem Alltagsleben und ihrem Hunger nach Neuigkeiten eben sind. Und dort lebt der junge Mann Pierre Morin, dessen Mutter nach einer geheimen Liebschaft mit einem Fremden von ihren Eltern verstoßen und vom Pfarrer als "junge Witwe" in die Dorfgemeinschaft aufgenommen wurde. So war Pierre schon immer ein Außenseiter gewesen. Doch auch sonst war er anders als die anderen Kinder. Er liebt die Natur, beobachtet die Tiere, seine Freizeit verbringt er im Wald, auf den Feldern und am Fluss. Die Kinder ziehen ihn damit auf, quälen ihn, verspotten ihn, die Erwachsenen beäugen ihn kritisch und verdrossen. Nur der Lehrer und der Pfarrer erkennen, dass er ein ganz besonderer Mensch ist, dem die wahren Werte des Lebens wichtiger sind als alles Hab und Gut der Welt. Und auch das Mädchen, das von allen nur "die Stumme" genannt wird, genießt seine Gegenwart und folgt ihm oft hinaus in die Natur ...

Eines Tages wird Pierre für einige Tage vermisst, man findet ihn auf dem brachliegenden Acker des alten Weinberges. Seitdem hat er einen Glanz in den Augen, den nur seine Mutter, die selbst ein wunderbares Geheimnis in sich trägt, erkennen kann. Immer wieder besucht Pierre den Acker, übernachtet sogar dort, verbringt seine Zeit auf dem wertlosen Stück Land. Als er später sogar bereit ist, 10 Goldstücke zu opfern, um den Weinberg zu kaufen, wird er nur mit noch mehr unverhohlenem Spott betrachtet. Auch seine Liebe zu dem Bäckersmädchen Pauline verläuft sehr unglücklich. Doch bald darauf erbt Pierre von einer reichen Witwe, der er damals in seiner Selbstlosigkeit einen großen Gefallen getan hat, ein prächtiges Haus mitsamt Mobiliär, Gehöft, Land und Vieh. Vergessen der Spott, nun wird er von allen Mitgliedern des Dorfes umgarnt und verwöhnt, die Mädchen liegen ihm zu Füßen, und auch Pauline erhört ihn. Aber Pierre kümmert sich nicht um das falsche Geschwätz der Dörfler, und endlich bekommt er, was er sich sosehr ersehnt: er tauscht all seinen Besitz gegen das kleine, wertlose, karge Stück Land, ...

Neid, Missgunst, Verleumdung, die Dorbewohner werden immer mehr von ihren eigenen Intrigen zerfressen und verbünden sich gegen Pierre. Was will er mit dem Land? So unterstellen die Bewohner ihm in ihrer eigenen Bosheit allerlei Dinge. Trifft er sich dort mit einer Geliebten? Hat er gar einen so großen Schatz gefunden, dass er ihn nicht des nachts heimlich davontragen kann? Ein fremder Reisender schürt neue Gerüchte, und dann geschieht das Unvermeidliche, das schon lange in den Honoratioren des Dorfes gärte, sich machen sich auf, Pierre das Geheimnis notfalls mit Gewalt zu entlocken ...

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Dieses Buch hat mich sehr begeistert. Ich fand nur wenige Rezensionen darüber im Netz, aber sie unterscheiden sich jeweils sehr voneinander. Manche bezeichnen es als "hochspannend, man könne kaum durchatmen", was ich nicht wirklich unterstreiche, denn gerade der ruhige, sanfte Erzählstil hat es mir angetan. "Schlecht übersetzt, farb- und kraftlos", nein, ich fand es gewaltig in seinem Stil. Sehr simpel, einfache Sätze, aber gerade dadurch so ansprechend und bewegend, spiegeln sie doch Pierres Naturell so wunderbar wieder.

Was macht den Zauber dieses Buches für mich aus? Hm, in der Fassung als Hörbuch natürlich ganz besonders die Stimme des Sprechers, Friedrich Schoenfelder. Ein bekannter Synchronsprecher, den bestimmt jeder schon in Film und Werbung gehört hat, eine weiche, angenehme Stimme, zu der man sich so richtig wohlfühlt.

Auch die einfache Sprache hat es mir sehr angetan. Kurze, einfache Sätze ohne besondere Fremdwörter, ohne Verstrickungen, ohne komplizierte Gebilde. So schlicht und natürlich Pierres Naturell, so einfach und unkompliziert ist auch der Erzählstil der Geschichte. So simpel es auch sein mag, vermag der Text sofort zu fesseln. Ich sah nur allzu lebhaft die Bilder vor mir: die neidvollen Blicke der Dorfbewohner, das ruhige Erdulden der Mutter, der Glanz in Pierres Augen, die schüchternen Blicke der Stummen, der fruchtlose Weinberg, das Misstrauen fast greifbar, als wäre ich mitten unter ihnen, beengt und erdrückt von den Menschen um mich. Es fällt nicht schwer, sich schon nach wenigen Sätzen in Pierre hineinzuversetzen, mit ihm zu fühlen, und am Ende mit ihm zu leiden ...

Was natürlich auch das gesamte Buch hinweg die Spannung trägt, ist die Frage nach Pierres wundersamem Geheimnis. Vielfach stellte ich mir die Frage, ob es überhaupt gelüftet werden würde, denn es hätte auch gut gepasst, es dem Leser freizustellen mit offenem Ende. Denn ich bin sicher, jeder Leser trägt seinen eigenen Weinberg in sich, und jeder Leser wird seine eigene Version davon haben, was Pierre nun gesehen, gefunden oder erlebt haben mag. Doch das Geheimnis wird gelöst, ich freute mich, wie nah ich mit meiner Vermutung lag, wie gerne hätte auch ich dieses Geheimnis mit ihm geteilt ...

Das Ende wird von manchen Rezensenten als schwach bezeichnet, denn in der Tat ist es kein großer Knall, keine besondere Wende, nichts, das all das Getue der Dorfbewohner gerechtfertigt hätte. Doch ich finde, es passt, und auch der Schluss, so traurig er sein mag, ist für mich wundervoll und bewegend ...

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Ein kleiner Gedanke zum Abschluss: manche von Euch haben vielleicht das Buch >"Dichterfreunde und Schreiberlinge"< gelesen, in welchem auch meine Geschichte "Aaron" veröffentlicht ist. Mir bedeutet diese Geschichte, dieser kleine Junge darin sehr viel. Und wäre Aaron erwachsen geworden, so wäre er wie Pierre Morin ... es war mir, als hätte ich eine Fortsetzung gelesen, in der Aaron noch lebte ...

SaschaSalamander 02.04.2007, 10.58 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Apocalypto

An dieser Stelle sollte eigentlich eine recht lange und ausführliche Rezension zu Apocalypto stehen. So lang, dass sie eh kaum jemand gelesen hätte. Aber ich hab keine Lust mehr *grummel*. Zwischenspeichern schön und gut, aber auch ich bin nur ein Mensch. Beim ersten Mal schloß ich versehentlich mit einem falschen Klick das Fenster, wo der Text stand. Beim zweiten Mal stürzte sich (was er sogut wie nie tut!) mein Rechner ab. Zweimal ein langer, ausführlicher Text mit Hintergrundinfo, eigener Meinung, objektiven Gedanken und ein paar Hinweisen. Neeeee, keine Lust mehr. Einen Text zweimal tippen ist lästig, aber dreimal tu ich mir nicht an!

Kurzfassung:
Großartiger Film, der jedoch zu Recht ab 18 ist, da er stellenweise sehr blutig ist. Ich halte ihn nicht für gewaltverherrlichend, die Bilder sind bombastisch, die Kameraführung genial, die Sprache gefiel mir sehr, die Handlung ist zwar minimalistisch udn fast schon etwas platt, aber die Umsetzung grandios. Wer den Film ansieht, sollte sich auf jede Menge Blut gefasst machen und zu Beginn mit einer recht grausamen Darstellung des überfallenen Dorfes umgehen können. Es gibt jede Menge schöner Körper zu sehen und wundervolle Landschaften, aber auch jede Menge offener Wunden, abgeschlagener Köpfe und geschundener Menschen. Die Musik ist spitze, die Untertitel fallen - da der Film eher bild- als dialoglastig ist nicht negativ ins Gewicht.

Manche halten Gibson für wahnsinnig, aber mir gefiel sein neues Werk, sofern "gefallen" das richtige Wort für dieses ungewöhnliche Meisterwerk ist. Statt der langen Rezi eine kleine Aufforderung an alle, die den Film bereits gesehen haben: Feuer frei zur Diskussion um dieses umstrittene Werk :-)

>Hier< gibt es einige Interessanten Infos zum Film
>Hier< die offizielle HP mit einer herrlichen Gallerie

SaschaSalamander 27.12.2006, 09.17 | (3/1) Kommentare (RSS) | PL

Aufstieg der Info Partei

Da denk ich, ich hätte Zeit, aber ich komme doch erstaunlich wenig zum Lesen. Lesen muss ich, um mich abzulenken, und wenn ich Zeit habe, muss ich mich nicht ablenken, also fällt mir auch das Lesen schwer. Na, dafür habe ich am Wochenende drei Zugfahrten von insgesamt 10 h anstehen, da dürfte ich den >"Stern der Brüder"< auf jeden Fall beenden können ;-)

Inzwischen hat sich schon einiges ergeben. Berts Leben wurde näher beleuchtet, auch seine Freundschaft zu einer älteren Dame, von der er viel über Musik und das leben lernt. Und Fred, der zu Beginn wie ein verhärmter, sturer "Untertan" wirken mag, erhält langsam auch Kontur. Es ist nachvollziehbar, wie er zum Sympathisanten der Info-Partei wurde. Auch, wenn ich wohl einer der Menschen in diesem Buch wäre, welche als minderwertige Kategorie eliminiert werden sollten, kann ich nachvollziehen, warum Fred in reinem Gewissen und Glauben handelt.

Schon einige Male kochte die Wut in mir hoch beim Lesen. Diese schrecklichen Mechanismen! Eine genetisch "bessere" Rasse, Vererbung und Ausrottung der "schlechteren" Menschen. So töricht, und wer heute lebt, fragt sich oft, wie es damals so weit kommen konnte. Doch wie auch in dem Buch "die Welle" kann man nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte, warum die Beteiligten sosehr an ihr Tun glaubten.

Mal sehen, ob ich dieses Wochenende noch den genaueren Aufstieg und Niedergang der Info-Partei erleben werde, um Euch am Montag davon zu erzählen, ...

SaschaSalamander 14.12.2006, 21.25 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL



 






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