SaschaSalamander
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Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Schräg

Wer früher stirbt ist länger tot

werfrueherstirbt_1.jpgInzwischen finde ich hier und da ein paar Minuten zum Lesen, fürs Rezensieren fehlt mir aber noch die Zeit. Die nächsten Tage wird es etwas ruhiger, und ich kann es kaum erwarten, Euch meine aktuellen Titel vorzustellen. Aber bis dahin noch ein bisschen Knabbern am Vorrat. Diesen Film habe ich zweimal gesehen, und ich werde ihn wohl bald ein drittes Mal sehen, ich kann einfach nicht genug davon kriegen. Sobald die DVDs da sind, möchte ich mir ALMANYA - WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND und SUMMER IN ORANGE holen von den gleichen Machern!

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Auf die Gefahr hin, mich zum unzähligsten Male zu wiederholen: deutsche Filme liegen mir nicht. Aber ich bin nicht prinzipiell dagegen. Es gibt manchmal ein paar Glanzlichter, die mir ausgesprochen gut gefallen und sogar zu meinen Favoriten zählen. Und schon wenige Minuten nach Beginn war klar, DIESER Film würde auf jeden Fall dazugehören!

Der 11jährige Sebastian ist ein echter bayerischer Lausbub. Während eines Streits wirft sein älterer Bruder ihm vor, die Schuld am Tod seiner Mutter zu tragen, die bei seiner Geburt verstarb. Und wer Schuld auf sich läd, der wird nach seinem Tod im Fegefeuer büßen. Sebastian hat nun Angst, denn abgesehen von dem Tod seiner Mutter hat er viele weitere Dinge angestellt. Etwa die Hasen des Bruders getötet, möglicherweise den Tod von Evis Oma verursacht, er hat einem Gast in der Wirtschaft ins Essen gespuckt und viele bösen Dinge mehr. Der Junge sieht nur eine Möglichkeit, wie er dem Fegefeuer entgehen kann: er muss unsterblich werden! Und wenn das nicht klappt, dann muss er wenigstens seine Schuld bereinigen, indem er seinem Vater eine neue Frau sucht.

Ein wunderbarer Film! Vordergründig mag er aus vermeintlich platten Witzen bestehen: ein Junge baut jede Menge Unsinn, alles geht schief, und der Humor ist ziemlich derb. Wenn man jedoch zwischen den Zeilen liest, ist es ein sehr vielschichtiger Film, der auf ungewöhnliche Weise die Ängste eines Jungen aufzeigt. Geprägt von einer streng katholischen Erziehung, versucht er seine Seele reinzuwaschen. Er möchte Gutes tun, und je edler sein Ansinnen, desto schlimmer das Ergebnis. Es gibt auch keinen Erwachsenen, dem er sich anvertrauen kann, sodass er nach außen hin kindlich-naive Fragen stellt und eben die Antworten auf allein diese Fragen erhält, niemals jedoch für sein eigentliches Problem. Auf die Frage, wie man unsterblich wird, erfährt er also von Vampiren in Transsylvanien, von den sieben Leben einer Katze, von der Fortpflanzung zwischen Mann und Frau, von legendärer Musik. Doch seine Versuche als Casanova, Vampirfreund, Katzenlebentester, Rockmusiker sind leider zum Scheitern verurteilt, denn woher soll er die Gitarre nehmen, wie soll er nach Transsylvanien kommen, etc?

Ich habe den Film gebannt gesehen, ständig die Hand vor dem Mund. Sei es, um erschreckte Aufschreie zu unterdrücken, die sich anbahnten, sobald ich eine schlimme Situation kommen sah, etwa wenn er der Lehrerin eine wichtige Frage ins Ohr flüstern wollte oder bei laufendem Radiosender seinen Gruß formulierte. Und doch endete es alles in einem Lachen, teils erleichtert, teils um sich irgendwie Luft zu machen. Ein wenig erinnerte es mich an Michel von Lönneberga, wo ich zwar auch ständig lachen musste aber das Kind im Grunde doch von den Erwachsenen verkannt wurde in vielen Situationen.

Allein schon der Beginn! Nein, kein Spoiler, es sind gerade einmal die ersten zwei Minuten des Filmes: der Junge fährt wild mit dem Rad durch das Dorf, man sieht einen Laster heranfahren, es ist klar, was passieren wird, man mag gar nicht hinsehen. Ein metallisches Scheppern, ich saß da mit geweiteten Augen, fassungslos. Szenenschnitt, das Fahrrad eingekeilt unter dem Laster, der Fahrer guckt irritiert und fährt weiter, der Junge wie tot auf der Straße. Nächste Szene, der Junge steht auf, "Glück gehabt" sagt er, und dann geht er zu dem geparkten LKW (dessen Fahrer ein Kumpel seines Vaters ist und den Laster vor seinem Haus parkte), versucht sein Rad herauszuholen, es klappt nicht. Schnitt, ein Scheppern, der Laster landet im Hasenstall, der Junge wollte doch nur sein Fahrrad hervorholen und dafür den LKW ein wenig vorrollen. Man möchte schreien, dass der Junge überlebt hat und sie ihn gefälligst in den Arm nehmen sollen, aber es hatte ja niemand den Unfall bemerkt, statt dessen Vorwürfe für die toten Hasen. Und der Junge schweigt, denn er ist ja schließlich schuld an den toten Hasen und hätte nicht ans Steuer des LKW gedurft.

Skurill, absurd, absolut schwarzer Humor. Und einige Szenen sehr unwirklich, eben Traumsequenzen, entsprungen der seltsamen Phantasie des 11jährigen Jungen, welcher sich vor dem Fegefeuer fürchtet. Die Träume erinnern an Hyronimus Bosch, und man muss schon einen Sinn für schräge Komik haben, gebe ich zu. Wenn man den Film nur nebenbei sieht, entgehen einem die vielen Kleinigkeiten, die ihn aus der Masse der schwarzen Komödien hervorheben.

Auch die Kameraführung ist genial! Normalerweise fällt mir so etwas wie Schnitt und Kameraführung gar nicht auf, ich bin ein Filmbanause. Aber in diesem Fall ist es auffällig und so genial, dass sogar ich es bemerke. Es werden beispielsweise zwei, einmal sogar drei Szenen miteinander verknüpft, immer wieder hin- und hergesprungen zwischen drei Parteien, alle unterhalten sich bzw agieren, jeder für sich und doch zeitgleich zusammen. Auch die Kameraführung, die Bilder. Die Bilder sind ein Genuss: die Landschaft, die Gesichter, die Drehorte.

Es stimmt einfach alles. Sogar die Musik. Sie fällt nicht störend auf, sie drängt sich auch nicht brachial in den Vordergrund. Lautstärke und Musik sind perfekt abgestimmt (passiert selten in Filmen, normalerweise habe ich immer die Fernbedienung der Lautsprecher in der Hand, wenn ich einen Film sehe), und der Soundtrack ist es wert einzeln gehört zu werden. Sogar einen fiktiven Musiker haben sie gebracht und einen Song von ihm gespielt, der wirklich klasse ist! ;-)

Wäre es kein urbayerischer Dialekt, könnte man den Film glatt für eine britische Komödie halten. Der Humor kommt sehr derb daher, sehr bayerisch. Als Franke (irgendwie ja auch Bayer) kann ich leider nicht sagen, ob man selbst Bayer sein muss, um den Film zu verstehen, Lokalkolorit ist auf jeden Fall drin, und die Mentalität des kleinen Dorfes kommt schon sehr gut zur Geltung. Die DVD gibt es auch mit hochdeutschen Untertiteln, die sind für alle Nicht-Bayern unbedingt zu empfehlen!

Achtung allerdings, wer den Film kaufen möchte! Die DVD ist nur in reinen Playern abspielbar, nicht jedoch auf dem Laptop oder PC (Mac soll angeblich funktionieren). Für seltene Anlässe haben wir einen DVD-Player, aber ich gucke meine Filme in der Regel auf dem Laptop, von daher werde ich mir den Film vermutlich nicht kaufen, denn den Beamer / Player nutze ich normalerweise (außer wenn wie hier erforderlich) nur für unterhaltsame Filmabende mit Freunden, nicht jedoch alleine. Schade, denn wenn ein Film es verdient hätte, bei mir im Regal zu stehen, dann dieser! Doch diese Mentalität bestraft die ehrlichen Käufer, das mag ich nicht unterstützen :(

SaschaSalamander 29.09.2011, 21.02 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Franken Fran

kigitsu_frankenfran_1.jpgDiesmal möchte ich Euch einen Manga vorstellen, der es gewaltig in sich hat. Ich weiß gar nicht so recht, wo man ihn einordnen sollte. Eigentlich gibt es da nur den Begriff "Guro", und damit wäre dann auch schon alles gesagt. Ich wüsste jetzt nicht, wie ich diesen Begriff, den es im Deutschen nicht gibt, erklären sollte. Wer mag, kann ja mal nach dem Begriff googeln und sich ein paar Bilder ansehen, dann dürfte klar sein, was gemeint ist. Aber: nur suchen, wer schon über 18 ist, das ist nämlich nicht gerade was für Kinder ;-)

Hier würde man es wohl in "Gothic Horror" oder "Medical Horror" einordnen (auch wieder englische Begriffe, aber dafür weitgehend bekannt), verkauft wurde es als "medical horror". Darunter fallen also medizinische Abartigkeiten wie Frankenstein, oder von Lovecraft und Poe einige Geschichten von postmortal entfernten Gehirnen, die dann draußen weiterleben und ähnliches. Oder Sachen wie Sweeney Todd, Repo Man, Jack the Ripper, Jeykill und Hyde und ähnliche nette Zeitgenossen. Wobei das Randbereiche sind, denn Guro an sich gibt es bei uns nicht, und die Japaner haben da etwas geschaffen, an das sich unsere westliche Welt noch nicht herangetraut hat, einziger Film von ähnlichem Ekelfaktor fiele mir lediglich >BRAINDEAD< von Peter Jackson ein, aber der ist im Grunde auch kein Vergleich komplett anders  (aber ähnlich extrem) ...

Aber gut, ich bin in meinem Element, ich schweife ab. Jetzt sollte ich wohl trotzdem besser von FRANKEN FRAN erzählen ...

Professor Madaraki ist Wissenschaftler, und momentan ist er nicht zu Hause. Fran hütet in der Zwischenzeit das Haus. Fran ist seine neueste Schöpfung, und nicht sofort erkennt man, wer oder was sie eigentlich ist, die Gäste halten sie für einen Menschen. Fran hat sehr viel vom Doktor gelernt, und als nun die Gäste mit ihren Anliegen an den Doktor und in Vertretung nun an sie herantreten, hilft Fran gerne. Netter Slogan: "Keine Angst, sie wird Dich nicht töten. Sie repariert Dich nur". Und das ist oft schlimmer. Oder besser?

Der erste Band besteht aus verschiedenen Kurzgeschichten. So will ein Vater den verstorbenen Sohn lebendig machen lassen wegen des Familienerbes. Fran meint es gut und hilft, wenn auch anders als der Vater sich das vorgestellt hatte. Ein junger Mann bittet seine große Liebe um ein Date, sie lehnt ab, geht und wird prompt von einem Auto zerfetzt. Noch ist es nicht zu spät, Fran ist rechtzeitig am Ort des Geschehens und kann das Mädchen wiederbeleben. Nun wird sich zeigen, ob der junge Mann das Mädchen wirklich liebt, denn das Ergebnis ist typisch für Fran!

Ich würde zu gerne mehr erzählen, aber ich möchte nicht vorweggreifen. Der Manga ist einfach grandios gehalten. Wer dieses Genre mag, muss FRANKEN FRAN einfach lieben! Und wer noch nie zu einem Manga gegriffen hat aber blutigen Splatter - Goth - Abgefuckt - Horror mag, der sollte ausnahmsweise mal auf dieses Medium zurückgreifen. Storyline, Zeichnungen, Inhalt, es ist einfach ein kleines Meisterwerk.

Zugegeben, auf den ersten Blick könnte man sagen, es strotzt nur so vor Geschmacklosigkeiten. Blut spritzt, Gedärme liegen am Boden. Der Zeichner spart nicht an Details, wenn das zerfetzte Mädchen von der Straße gekratzt wird. Und als zu medizinischen Zwecken Fran ein Gehirn entfernen muss, zieht sich dieses Bild über eine ganze Zeite und zeigt in allen Einzelheiten den Glibber und Schmodder. Da braucht man schon einen kräftigen Magen oder aber einen recht schwarzen Humor.

Aber hinter diesen Bildern versteckt sich eine sehr gut erzählte Geschichte. Denn trotz der Abstrusitäten werden ethische Dilemmata angesprochen. Und so abartig und brutal Fran wirken mag, so hintergründig sind ihre Motive. Nein, sie ist nicht böse. Sie ist niedlich und lieb, und ihre Taten wirken vielleicht aufgrund der Art und Weise, wie sie Lebewesen miteinander verknüpft und tote Menschen wiederbelebt kalt und brutal. Aber sie hat sich jedes Mal etwas dabei gedacht, und am Ende hat der Leser ein Schmunzeln im Gesicht. Ja, Fran hat es richtig gemacht, sie hat damit Gutes gewirkt und den Menschen geholfen, auch wenn diese es im ersten Moment nicht erkennen konnten. Ich glaube, mit einer Fran wäre diese Welt ein kleines Stück besser. Absurder, aber ehrlicher ...

Die Figuren sind sehr schön gestaltet. Fran ist hübsch gezeichnet, und es gibt tolle Momente, wie ganz nebenbei, wenn sie im wahrsten Sinne kopflos durch das Labor huscht oder sich ihre Arme abschraubt, repariert, beiseitelegt. Sie hat gerne mal einen Ersatzkörper dabei, und wenn nicht, dann muss ihr Haustier herhalten, die Menschenkatze Oka, ein Katzenkörper mit Menschenkopf. Die Wortgefechte zwischen den beiden sind einfach niedlich und verleihen dem Manga eine ordentliche Portion Humor. Fran, die Katze, ihre Butler (lauter Horrorwesen, die nachts bei Vollmond auf Streifzug gehen, sich jedoch vor einem Horrorfilm gruseln), der Wissenschaftler, sie bekommen alle in nur wenigen Panels eine eigene Persönlichkeit, besser als es manchem Autor auf hunderten Romanseiten gelänge.

Die Storyline ist perfekt. Eine der Geschichten dauerte rund 20 Seiten, und auf diesen 20 Seiten hat der Autor es geschafft, drei Twists einzubauen! Und als man dachte, jetzt ist die Story aus, es kommt nichts mehr, schwupps hat sich noch einmal alles gedreht, und es gab noch eine Schlusspointe. Mensch, das finde ich wirklich außergewöhnlich, und das zeugt von der Erzählkunst des Schreibers / Zeichners! Dazu kommt, dass die Geschichten perfekt in die Panels eingearbeitet sind. Kigitsu wählt perfekt seine Einteilung, wofür er nur ein winziges Bildchen braucht, was er groß darstellen muss, und wofür er eine ganze Doppelseite benötigt, besser hätte man den Manga kaum zeichnen und erzählen können. Und das Beste: die überraschenden Wendungen haben perfekte Kunstpausen. Man muss nämlich immer erst umblättern, und dann wird man von einer neuen Monstrosität regelrecht erschlagen, man schluckt, ist schockiert, und dann beginnt man zu lachen, weil es einfach viel zu schräg ist.

Es gibt ein paar Dinge, die ich ungewöhnlich finde: erstaunlich, wie viele Dinge durch die Zensur rutschen. Gut, der Manga ist eingeschweißt und ab 16, aber wäre es ein Film, wäre er vermutlich indiziert. Und ich wette, falls man ein Höschen von Fran gesehen hätte, wäre es auch ab 18 gewesen. Naja, ich denke, ich muss die Zensur  oder Nicht-Zensur nicht verstehen, sollte mich einfach freuen, dass ich ihn ganz normal im Handel kaufen durfte. Klar, es ist fiktiv, das erkennt sogar ein Kind. Aber mal ehrlich, sind das einige anderen indizierten Filme nicht auch?

Eigentlich war der Manga ja als One-Shot gedacht, aber dann folgten weitere Bände. Ich bin froh darüber, denn schon jetzt hat FRANKEN FRAN einen Ehrenplatz in meinem Regal. Einer der Bände, die ich keinesfalls irgendwann verkaufe oder vertausche, der bleibt bei mir, den muss ich ab und zu mal wieder durchblättern, wenn ich gerade in Splatterlaune bin!

Ja, absolutes Special Genre. Normalen Lesern würde ich das nicht empfehlen. Ich glaube, man muss schon ein bisschen krank im Kopf sein, wenn man auf diesen Humor steht. Ich liebe diesen Manga, und Freunde des ungewöhnlichen Splatters werden ihn auch lieben.

SaschaSalamander 04.05.2011, 08.43 | (0/0) Kommentare | PL

Kühlfach zu vermieten

profijt_vermieten_1.jpgNun habe ich also auch den dritten Teil der Kühlfach-Reihe gehört: KÜHFACH ZU VERMIETEN. Im >ersten Band< verstirbt der kleinkriminelle Pascha, als ihn jemand von der Brücke stürzt. Seine Seele geistert umher und findet in dem Gerichtsmediziner Martin Gänsewein den einzigen Menschen, der ihn versteht. Und der ihm helfen soll, den Mord an Pascha aufzuklären. Im >zweiten Teil< findet Pascha endlich Gesellschaft. Dummerweise eine Nonne, aber immerhin. Auch sie fiel einem Verbrechen zum Opfer, das geklärt werden muss.

Und nun im dritten Band geht es drunter und drüber: die Leitung des Rechtsmedizinischen Instituts hat gewechselt, und keiner der Mitarbeiter mag den Neuen, Forch. Er stellt hanebüchene Regeln auf und spart an den unpassendsten Stellen. Die Leute sterben bei dieser Hitzewelle wie Fliegen, und der Chef kommt auf die Idee, die Kühlfächer an überlastete Bestatter und Polizei zu vermieten. Recht bald werden Leichen aus den Kühlfächern gestohlen oder aber verstümmelt. Herr Forch wird immer strenger in seinen Forderungen, sogar für den gewissenhaften Martin hagelt es Abmahnungen. Pascha verliebt sich rettungslos ist eine hübsche russische Ärztin, verlängt Hilfe von Martin, doch der hat mit seinem Job und der Wohnungssuche mit Birgit zu kämpfen. Ein heilloses Chaos eben, in das irgendjemand Ordnung bringen sollte.

Ach, auch dieser Band war wieder toll! Ich habe mich dann zwar entschieden, ihn mir auszuleihen statt zu kaufen, denn behalten werde ich die Reihe wohl doch nicht, es nutzt sich irgendwann ab. Aber einmal lesen ist auch gut, und ich habe mich prächtig unterhalten, viel gelacht und mit Martin, Birgit, Gregor, Katrin, Pascha und den anderen gelitten.

Was mir gefällt ist, dass die Bücher an sich zwar einzeln lesbar sind aber doch deutlich aufeinander aufbauen. Es ist erstaunlich, was Pascha vom ersten zum dritten Band hin für eine Entwicklung durchgemacht hat! Und auch Martin hat sich ganz schön verändert durch die Ereignisse der letzten Zeit. Ich bin gespannt, wie Pascha sich im vierten Band verhalten wird, denn im dritten Band hat er zwar nichts von seiner schnoddrigen Art eingebüßt, ist aber doch wesentlich erwachsener geworden in seinem Verhalten und Denken, alle Achtung! Für den nächsten Band stehen sehr viele Veränderungen in Martins Leben und somit auch für Pascha an.

Die Autorin versteht es, nicht einen Band einfach dem anderen folgen zu lassen. Klar, die Akteure und der Handlungsort sind stets gleich, aber das Muster des Romanes ist anders. Im ersten Band der Schwerpunkt auf Paschas Mord, im zweiten Band ein weiterer Geist mit einem Mordfall, im dritten Band ein kunterbunter Mix aus Verliebtsein, Wohnungssuche, Leichendiebstählen. Falls Proijt das so durchhält und stets neue Anreize bringt, werde ich die Serie gern lesen, egal wieviele Bände folgen werden! :-)

Sprachlich gibt es nicht viel zu sagen, das habe ich in den anderen beiden Rezensionen schon beleuchtet. Coole Sprüche, jede Menge Ironie, aber auch tragische Momente lassen KÜHLFACH ZU VERMIETEN keinen Moment langweilig werden. So gute Titel wie KÜHLFACH sind selten zu finden, absolutes MUSS für alle begeisterten Leser!

SaschaSalamander 11.03.2011, 09.01 | (0/0) Kommentare | PL

Der Monstrumologe

Ich habe mich also gestern entschieden: der MONSTRUMOLOGE soll das nächste Buch sein, das ich lese. Schon lange habe ich mich darauf gefreut, und jetzt endlich. Aber ich muss sagen, dass ich nicht so recht weiß, was ich damit anfangen soll.

Es erwarten den Leser 400 Seiten, und knapp über 100 habe ich bereits davon gelesen. Es ist nett und liest sich flüssig (ein wenig altmodisch, aber das gehört zum Inhalt. Einige Leser tun sich laut diverser Beschreibungen eher schwer damit, aber ich komme eigentlich recht gut klar. Sind sehr verschachtelte Sätze stellenweise, die ein wenig gewöhnungsbedürftig sind aber zum Buch passen, wie ich finde). Aber es reizt mich nicht wirklich. Hundert Seiten, aber wirklich viel passiert ist noch nicht, wenn ich das Revue passieren lasse.

Die Figuren haben recht viele Macken und Eigenarten, sowohl der schrullige Wissenschaftler als auch der schüchterne Waisenjunge. Aber außer einer dritten Person gab es noch keinerlei weitere Figuren. Anfangs war die Interaktion zwischen beiden recht witzig zu lesen, aber langsam habe ich das Gefühl, dass sich alles ständig wiederholt:

der Wissenschaftler ist ein wenig wahnsinnig, Forschung geht ihm über Menschlichkeit, ständig scheucht er Will Henry herum und hat kein gutes Wort, dafür aber ständig Belehrungen für ihn. Will Henry dagegen fühlt sich dem Wissenschaftler verpflichtet, da sein verstorbener Vater für ihn arbeitete und sein Werk unterstützte. Einerseits wäre Will Henry gerne ein ganz normales Kind, andererseits betont er doch gerne, dass er schon sehr erwachsen ist. Er versteht nicht wirklich, warum er all dies für den Doktor tun soll, er findet sein Handeln oft falsch und widersinnig, aber er tut es trotzdem, er ist ja nur ein Kind und nützlich für seinen Herrn.

Ich fasse mal kurz zusammen: ein fünfseitiger Monolog. Und dann knapp 100 Seiten darüber, wie ein Grabräuber ein Monster zu dem Doktor bringt, das Monster wird untersucht, sie fahren alle zusammen auf den Friedhof, eine weitere Horde Monster taucht auf, Heimkehr, der Doktor macht sich Gedanken über die Herkunft der Wesen.

Klingt eigentlich eher nach einer Novelle oder Kurzgeschichte, nicht nach 100 Seiten Roman.

Am liebsten würde ich abbrechen. Andererseits möchte ich schon gerne wissen wie es weitergeht. Ob noch andere Figuren die Handlung bereichern werden. Ob der Wissenschaftler sich weiterentwickelt und doch irgendwann einen kleinen Funken Zuneigung für seinen Dienstjungen empfindet. Ob Will Henry über sich hinauswächst und widerspricht. Aber ich habe die dumpfe Befürchtung, dass das Buch so bleiben wird, wie es im ersten Viertel begann ...

außerdem, ein paar gute Dinge hat das Buch dennoch: die beiden Figuren werden zwar nicht tiefgründig beschrieben, oberflächlich aber sehr gut beschrieben, sie wirken sehr plastisch, ich sehe die Szene recht gut vor mir. Viktorianische Elemente, die mag ich sowieso. Und die Splatterszenen sind recht nett. Schwer, die Szene ohne Spoiler zu beschreiben, ich versuche es: die Reste eines Gehirns kleben in Will Henrys Gesicht, und er beginnt zu grübeln. Ob dieser Teil, den er jetzt abwusch, vielleicht das Sprachzentrum war? Oder waren es die Emotionen, die ihm nun gerade über die Stirn auf die Nase rutschten? Die Liebe, Freundlichkeit des Verstorbenen, die ihm das vorhin das Auge verklebte?

Und dann natürlich die Zeichnungen, wie gesagt: Schwarz-Weiß, sehr liebevoll detailliert und stellenweise recht makaber und brutal, aber sehr kunstvoll. Der Umschlag mit seiner Prägung, die hübsche Gestaltung auch der Innenseite der Broschur und das beigefügte Lesezeichen machen das Buch zu einem kleinen Schatz im Regal.

Nichts für schwache Mägen, optisch wie sprachlich, aber nicht im üblichen Sinne. Sondern hintersinnig und ziemlich kurios. Nur leider kann das alleine keine komplette Handlung tragen :(


SaschaSalamander 10.03.2011, 17.04 | (2/2) Kommentare (RSS) | PL

Föhn mich nicht zu

serin_foehn_1.jpgNebenbei lese ich momentan FÖHN MICH NICHT ZU. Mal wieder ein Buch eines frustrierten Lehrers. Bücher von Eltern, die über die Lehrer frustriert sind. Bücher von Lehrern, die über Schüler und Eltern frustriert sind. Immer wieder das gleiche Gejammer. Allerdings finde ich dieses hier mal erfrischend anders.

Wenn ich mich bei den Rezis so umsehe (spoilern kann man hier nicht viel, also habe ich es gewagt), scheint vielen entgangen zu sein, dass es sich bei diesem Buch um eine Satire handelt. Zugegeben, der Übergang von der pointierten Darstellung der Realität hin zum Übertreiben ist manchmal nur schwer ersichtlich, aber der gesunde Menschenverstand hilft da enorm weiter.

Das Buch tut mir unglaublich gut, ich lache sehr viel, lese meinem Freund daraus vor. Eigentlich sollte man nicht lachen, denn die Realität ist leider zu traurig, aber Herr Serin hat das eben einfach treffend karikiert. Ich habe selbst schon vor solchen Klassen gestanden (gut, nicht gerade in Neukölln oder Kreuzberg, aber meine Schüler ohne jeglichen Abschluss auf eine Ausbildung vorzubereiten hat sich wohl in vielen Dingen ähnlich angefühlt). Und ich erkenne so manches wieder, das er schreibt.

Ja, unser Schulsystem krankt sehr. Aber man kann es nicht alleine auf die Lehrer schieben oder auf die mangelnde Erziehung durch die Eltern oder auf das Verhalten der Schüler oder auf die schlechten Lehrprläne oder ähnliche Dinge. Sondern es spielen viele Aspekte eine Rolle, und sehr schnell gerät man da in eine Spirale. Ich finde, das hat er hier super dargestellt: mit jeder Menge Humor (gerne auch auf seine eigenen Kosten), kritisch und doch ohne Zeigefinger.

SaschaSalamander 10.03.2011, 08.59 | (0/0) Kommentare | PL

Handbuch für Detektive

berry_detektive_1.jpgNun habe ich das HANDBUCH FÜR DETEKTIVE also beendet. Puh, was für ein Brocken! Und ich muss auch ganz direkt sagen, dass es mir nicht leicht fällt, eine Rezension zu schreiben. Wenn ein Buch mir sehr gut gefällt, mich innerlich bewegt und ich es in seiner Machart so gut finde, dass es etwas in mir auslöst, dann ist es fast nicht möglich, dies auch auf Papier zu bringen. Denn das, was ich empfinde, das passt einfach nicht in ein paar Worte, und eine Rezension, egal wie kurz oder lang, könnte nicht das widergeben, was gerade alles in mir vorgeht.

Ich gebe mir nun also Mühe, diesen persönlichen Aspekt außen vor zu lassen und einfach zu schreiben, was an diesem Buch so besonders ist und warum ich es so gut finde. Auf die Gefahr hin, dass ich am Ende unzufrieden sein werde, weil mir etwas fehlt, das ich jedoch nicht benennen kann ;-)

Es beginnt schon bei der Handlung. Wie sollte man diese beschreiben? Charles Unwin ist Schreiber einer Agentur. Seine Aufgabe ist es, die Texte des Detektives Travis T Sivart zu sichten, sortieren, das Relevante herauszufiltern und dann all dies in einer Akte zusammenzufassen. Unwin ist ein sehr pflichtbewusster, gewissenhafter Mensch mit festen Regeln und Strukturen. Eines Morgens jedoch gerät er aus dem Rhythmus, es geschehen unerwartete Dinge, und eines führt zum anderen. Der Detektiv Sivart ist verschwunden, und Unwin sei nun angeblich in dessen Position befördert worden, doch in der Agentur weiß man nichts davon, denn eine solche Beförderung ist schlichtweg unmöglich. Zudem ist Unwin nicht gerade glücklich mit dieser Entscheidung, er wäre viel lieber weiterhin Schreiber, weiß er ja nicht einmal, was ein Detektiv tun muss! Auch das Handbuch für Detektive, welches der Überbringer der Nachricht ihm in die Hand drückt, wirft mehr Fragen auf als Antworten zu geben. Und so macht Unwin es zu seiner ersten Amtshandlung, Sivart zu finden, die Beförderung rückgängig zu machen und seine kleine Welt wieder zu kitten. Wenn es nur so einfach wäre, ...

Aufmerksam wurde ich auf dieses Buch ausnahmsweise tatsächlich einmal wegen des Covers, was für mich sonst nie ein Kriterium ist. Hier jedoch sprang es mich regelrecht an, es berührte mich. Die warmen Farben, die auf den ersten Blick so schlichte Zeichnung mit ihren bei genauerem Hinsehen verwobenen und tiefgehenden Wurzeln, das angelehnte Fahrrad, der in ein Buch vertiefte Leser, im Hintergrund eine windschiefe Stadt, er zerfranste und nicht genau definierbare Rand / Übergang vom Buch ins Schwarz, ich hätte Stunden stehen können und nur dieses Bild ansehen. Sollte ich einmal ein Poster davon finden, wird es den Eingang meines Bücherzimmers zieren!
Ausnahmsweise die deutsche Variante mal besser, das Auge des Originales hätte mich dagegen eher abgeschreckt, muss ich sagen ;-)

Puh, soviel zum Cover, aber wo fange ich nun an?

Also, das Buch ist nicht gerade leicht zu lesen, es ist nichts für die Handtasche unterwegs, sondern man muss sich die Zeit nehmen, sich dafür hinzusetzen, sich darauf einzulassen, gegebenenfalls zurückzublättern und an manchen Stellen bewusst langsam zu lesen, um nicht den Faden zu verlieren und auch die Details zu erspüren. Das Buch selbst scheint ein kleines Stück Detektivarbeit: worauf kommt es an, was ist wichtig, was darf man überfliegen, welche Worte sind versteckte Andeutungen und Symbole, und was ist einfach nur, was es ist, nämlich ein Wort in einem Satz?

Von Beginn an wird der Leser ein eine surreale Welt geworfen, die unserer zwar gleich scheint, doch die Agentur an sich, in welcher Unwin arbeitet, ist sehr ungewöhnlich. Nicht ganz klar ist zu beginn, wer nun was macht, warum es so und nicht anders ist, und wo man anfangs noch sehr verwirrt ist und sich fragt, ob man richtig gelesen hat, nimmt man nach einiger Zeit die Dinge einfach hin, wie sie sind. Wenn man mit einem solchen Hut nicht in den 39ten Stock fährt, dann wird das nie erklärt, dann ist das einfach so. Solche Beispiele gibt es unzählige, die Seiten sind voll damit, und doch fällt es mir schwer, eine davon zu benennen, da sie wie selbstverständlich eingeworfen werden. Ach ja, beispielsweise die ungewöhnliche Art der Einsätze im Pokerspiel oder die Tatsache des Schlafwandelns und viele andere Dinge. Dies ist es, was das Lesen zu Beginn recht erschwert: surreale Dinge ohne Erklärung, dargeboten als wäre es eine Selbstverständlichkeit.

Was das Lesen später verlangsamt, ist die Verwobenheit der Figuren und Handlungen. Es wird bald recht verworren, die einzelnen Charaktere auseinanderzuhalten. Denn viele spielen doppeltes und mehrfaches Spiel oder sind tot und tauchen dann jedoch in Träumen als lebendig wieder auf. Oder sie gelten als tot, stellen sich aber als lebend heraus. Vermeintlich gelöste Kriminalfälle entpuppen sich als ungelöste Rätsel, scheinbar unwichtige Personen werden auf einmal zu Schlüsselfiguren. Was ist schräge Realität des Buches, was ist Traum, und vor allem: WESSEN Traum ist es gerade, und wann fand er statt? Wer befindet sich in wessen Traum und ist erträumt oder wandelt dort bewusst?

Eine äußerst reizvolle Geschichte, die dem Leser nicht gerade wenig abverlangt. Ich frage mich, wie der Autor beim Schreiben wohl vorgegangen ist? Ob er einen Plan, eine Struktur hatte, oder ob er sich selbst überraschen ließ, was nun als nächstes geschehen würde? Ich halte beides für durchaus möglich. Einerseits so durchdacht, alles hat seinen perfekten Platz in diesem Werk. Und andererseits so chaotisch, dass es durchaus möglich ist, dass er einfach drauflosschrieb und am Ende ein paar Dinge des Anfangs überarbeitete, damit sie dann ins Bild passen würden.

Ich möchte keine Vergleiche zu anderen Autoren oder bekannten Titeln ziehen. Denn in anderen unzähligen Rezensionen wurde dies schon getan, und während manche Namen wie Kafka immer wieder fallen, werden andere nur hier und dort genannt. Es ist ein Werk, das wohl jeder für sich interpretieren muss. Es entzieht sich der Realität, und vermutlich werden viele pseudointellektuelle Literaturkritiker Dinge in das Buch legen, die der Autor so gar nicht gedacht hatte, denn die Versuchung ist einfach zu verlockend, alles zu zerlegen. Jedes Symbol, jede Szene, ja sogar die einzelnen Namen, jeder Satz schreit geradezu nach einer psychologischen, literarischen, inhaltlichen Analyse! Ich nehme es so, wie es ist. Wie ich es empfand, wie es auf mich wirkte. Und ich will das gar nicht zerlegen diesmal. Auf diese Weise hat man in der Schule Bücher zerstört, und das will ich bei diesem nicht tun, dazu ist es mir zu kostbar.

Einzig was ich als Vergleich benennen möchte: ich muss immer wieder an die Hardboiled Detektive denken. Unwin ist definitiv kein solcher Held, im Gegenteil. Ja, er ist sogar ein sehr gewissenhafter Träumer, und der Belag des Sandwiches ist abhängig vom Wochentag. Korrekt, langweilig, keinerlei Risikobereitschaft, ganz akkurat, regelrecht spießig. Und ziemlich "uncool". Es kostet ihn viel Mühe, sich weiterzuentwickeln und den ungewollten Aufgaben nachzugehen. Zigarre, Weiberheld, Alkoholexzesse, das alles passt nicht zu ihm. Aber die Umgebung des Buches entspricht diesem Flair. Geheimnisvolle Ladies, Schriften an der Glastür des Büros, ständiger Regen über der Stadt, verruchte Kneipen und seltsame Figuren, Film Noir vom Feinsten. Würde man das Buch verfilmen (was ich für äußerst kompliziert halte), so wäre er wohl schwarz-weiß, mit jeder Menge Schattenspiel und haufenweise halbdurchscheinenden Jalousien vor den Fenstern. Hüte, Zigarren, Trenchcoats, die Ladies mit Wasserwelle, Hut und Schleier vor dem Gesicht, knallroter Lippenstift und ein Zigarettenhalter im Mund. Mmmh, ich liebe dieses Genre!

Bei all den vielen Rezensionen, die ich nun nach dem Beenden über dieses Buch gelesen habe (denn ich lese Rezensionen immer erst NACH dem Genuss eines Buches), fiel mir eine auf, die ich als absolut zutreffend fand. Sie spiegelt das Gefühl wieder, das auch mich beim Lesen packte, und sie vermag es sogar, den Zauber ein wenig zu beschreiben. Da ich nicht weiß, ob mein eigener Text das kann, möchte ich diese Rezension hier verlinken:


Eine Empfehlung ist das Buch auf jeden Fall! Es ist eines meiner liebsten Werke im Schrank, es bedeutet mir schon jetzt sehr viel. Aber ich drücke es nicht jedem beliebigen Leser in die Hand. Sondern dem, der sich die Zeit nimmt, sich auf eine ungewöhnliche Reise zu begeben, hinab in die verworrensten Träume, fernab der Realität. Es muss ein Leser sein, der bereit ist, das eigene Denken aufzugeben und dem Autor ganz zu folgen, weil er sonst an jeder Seite aneckt und nicht vorankommt. Doch wenn er dem Fluß folgt, dann wird er hinabgesogen und erwacht am Ende nach vielen Stunden aus einem spannenden Traum, der ihn noch lange begleiten wird, als wäre es ein Teil seiner selbst ...

SaschaSalamander 09.03.2011, 09.12 | (0/0) Kommentare | PL

Handbuch für Detektive

berry_detektive_1.jpgDas HANDBUCH FÜR DETEKTIVE habe ich vor ein paar Wochen begonnen, unterbrochen, und nun lese ich weiter. Es ist ein Buch, für das man Muse braucht, man kann es nicht nebenbei lesen. Aber auch jetzt stehe ich ihm irgendwie zwiespältig gegenüber, obwohl ich Zeit und Muse habe und mich dem Buch in aller Ruhe widme.

Das Kafkaeske ist eine Sache. Ich mag Kafka, er ist für mich einer der ganz Großen, er ist einer meiner Top Favoriten. Und ich habe kein Problem damit, wenn Dinge unwirklich und unrealistisch sind und Realität, Fiktion und Irrationalität ineinander übergehen. So etwas gefällt mir sehr. Wenn die Sprache dazu noch verschwurbelt und schräg ist, umso besser!

Hier aber will ich einfach nicht reinkommen. Mir ist klar, dass ich Vieles nicht verstehen muss, sondern einfach akzeptieren, wie es ist. Aber ich glaube, mir entgeht manches. Ich lese eine Szene und frage mich, ob ich sie nun in ihrem Sein akzeptieren muss, oder ob ich etwas nicht verstehe und begreife (das Buch ist voller Anspielungen).

Ich muss unglaublich oft zurückblicken, weil die Namen zwar sehr eindringlich, bedeutungsvoll und ungewöhnlich sind (ideal, dass man sie gut einprägt), aber trotzdem kann ich sie mir nicht merken (weil es eben keine "normalen" Namen sind.

Wie es weitergeht, weiß ich nicht, ich bin gerade einmal am Ende des vierten Kapitels.
Und doch habe ich das Gefühl, dass ich nichts verpassen darf, weil mir sonst alles entgleiten könnte. Es ist sehr anstrengend zu lesen. Das bin ich nicht gewohnt. Mag sein, dass andere Leser damit klarkommen, aber mir fällt es derzeit sehr schwer. Ich hoffe, dass ich irgendwie noch hineinkomme in den Fluß, denn das komplete Buch in diesem Tempo schaffe ich nicht, da würde ich in zwei Jahren noch dran lesen. Das Buch ist vollgepackt, dick gestopft, in jedem Satz steckt soviel Information, dass man eigentlich jeden Satz dreimal lesen müsste, bevor man zum nächsten übergeht.

Und ich frage mich bereits, wie verzwickt das Buch werden will. Es ist nicht ganz klar, ob das Buch, das ich gerade lese, eventuell nicht sogar das Buch ist, von dem in dem Buch die Rede ist? Und als es hieß, er solle im Kapitel auf Seite sowieso nachschlagen, und jenes Kapitel sei wichtig, da habe ich sofort selbst auf die entsprechenden Seiten und Kapitel geblättert. In dem Buch scheinen Realität, Träume, Fiktion sosehr verwoben zu werden, dass man kaum den Überblick behält. Manchmal wirkt es schon sehr, sehr befremdlich, und obwohl ich erst auf Seite 60 etwa bin, habe ich bereits so unendlich viele Fragen, von denen ich vermute, dass nur wenige davon sich klären werden und der Rest ist, wie er eben ist. Das Buch ist zum Haareraufen! Es ist genial! Es ist verrückt! Es ist kompliziert! Es ist irgendwie unbegreiflich, man kann es nicht greifen, es rutscht immer wieder durch die Finger ...

ehrlich gesagt, ich lese massig Vergleiche im Netz. Da fallen teilweise Autoren, Filme, Bücher, Werke, Genres, von denen ich noch nie gehört habe. Dabei halte ich mich eigentlich für nicht unbelesen. Ein wenig kommt es mir auch so vor, als wenn jeder in das Buch etwas hineininterpretieren will und wenn jeder etwas anderes darin sieht. Müsste ich es einordnen, wäre es für mich momentan eine ein Hardboilt mit kafkaesken Elementen mit ein wenig Lewis Carroll. Aber ehrlich gesagt, wenn ich jetzt anfangen würde, das alles auseinanderzuklamüsern, dann wärde ich vermutlich kirre werden vor lauter Interpretationsmöglichkeiten!

Ich lasse mich überraschen ... es ist seltsam, sehr seltsam. Ich fühle mich diesem Buch verbunden, und schon jetzt weiß ich fast sicher, dass ich es vermutlich nicht aus der Hand geben werde, sondern es ins Regal stelle (und ich hoffe, dass sich diese Einstellung sich nicht ändern wird). Ich mag es, obwohl ich es noch nicht gelesen habe. Und es flüstert mir zu, spricht mich an, zieht mich in sich, obwohl ich doch noch ganz außen stehe. Aber es lässt mich nicht. Es übt einen Zauber aus, den ich nicht zu beschreiben vermag ... und schon jetzt habe ich die Vermutung / Befürchtung / Hoffnung, dass es eines der wenigen Bücher ist, die man mehrfach lesen muss, um es auch nur annähernd zu begreifen.

SaschaSalamander 03.03.2011, 19.12 | (0/0) Kommentare | PL

Im Kühlfach nebenan

profijt_nebenan_1.jpgKÜHLFACH 4 hatte ich ja als Hörbuch zu mir genommen. War sehr schön, aber es dauerte, bis ich mich an die Stimme des Sprechers gewöhnt hatte. Den zweiten Band, IM KÜHLFACH NEBENAN, habe ich mir dann als Buch besorgt. Ich bin froh darüber, und es waren sehr kurzweilige Momente, in denen ich mich mit Pascha, Martin und Marlene vergnügte.

Marlene? Genau! Pascha hat nämlich Gesellschaft bekommen. Bei einem Brand im benachbarten Kloster wurde eine Nonne sehr schwer verletzt, eine andere kam zu Tode. Marlene. Und die kann mit Pascha Kontakt aufnehmen. Leider jedoch nicht mit Martin oder anderen Menschen. Außerdem ist so ein Pinguin nun das Allerletzte, was Pascha sich als Gesellschaft gewünscht hatte! Wenigstens bringt Marlene einen neuen Fall mit, denn der Brand scheint kein Unfall gewesen zu sein, es hat jemand nachgeholfen.

Wie schon der erste Band ist auch der zweite einfach genial. Die Idee ist noch frisch, die Sprüche sind zwar inzwischen bekannt (voll peino, total depriletto, etwas riffeln, usw), aber noch immer witzig. Und Marlene bietet ein hervorragendes Gegenstück sowohl zu dem sprüden Martin als auch zu dem rotzigen Pascha. Gut, sie betet und scheint anfangs recht heilig, aber recht bald erkennt man, dass Marlene schon damals mehr unter ihrer Kutte zu verbergen hatte, als man ihr ansah. Sie hat es faustdick hinter den Ohren und wird eine hervorragende Verbündete im Kampf gegen das Böse.

Die Szene gegen Ende, in der beide gemeinsam den Übeltäter mürbe machen und ihn mit Telefonterror und anderen techschnischen Spielereien quälen, ist einfach köstlich! Denn Pascha hat inzwischen gelernt, manche technischen Geräte zu beherrschen, und Martin hat unterschiedliche Abwehrmechanismen gegen Geister gebastelt, und zusammen treiben sie sich immer weiter voran in ihrem elektromagnetischen Know-How. Und Marlene zeigt, dass Nonne zu sein nicht zwangsläufig bedeutet, fernab von Technik und Realität zu leben.

Wohin es sich entwickelt, kann man sich zwar anfangs denken, aber es gibt dann auf einmsal sehr viele "roten Heringe", falsche Hinweise, und es ist der Autorin super gelungen, verschiedene Themen anzuschneiden und zu vermischen.  In dieser Hinsicht hat sie sich eindeutig gesteigert zum ersten Band, der Krimi ist hier nicht mehr nur Nebensache, sondern absoluter Pageturner. Wirtschaftsverbrechen und Baugrundstücke. Ein ordentlicher Versicherungsbetrug. Rassismus und rechte Politik. Prostitution, Obdachlosigkeit und Randgruppen. Viele Motive, die angeschnitten werden, sehr viele mögliche Täter. Ein herrliches Verwirrspiel, das den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt.

Wer Pascha nicht kennt, der hat etwas verpasst!

SaschaSalamander 21.02.2011, 09.57 | (2/2) Kommentare (RSS) | PL

Im Kühlfach nebenan

Und schon habe ich den zweiten Band begonnen: IM KÜHLFACH NEBENAN. Das Buch liest sich ja extremst flott, vermutlich habe ich es dieses Wochenende bereits beendet, falls ich nicht in den Musestunden das HANDBUCH DER DETEKTIVE dazwischenschiebe oder es mir mit einem erotischen Titel gemütlich mache.

Die Sprache kommt mir im Buch heftiger vor als im Hörbuch. Entweder, der Sprecher hat sie durch seinen sowieso schon schnoddrig-liebenswerten Klang in der Stimme entschärft, oder das zweite Buch ist deutlicher. Aber ich wusste ja, worauf ich mich einlasse, und ich finde es diesmal sogar recht witzig. Die Idee ist nicht neu, aber sie ist großartig umgesetzt, und es macht mir einfach Spaß, mal wieder etwas richtig Erfrischendes zu lesen ...

SaschaSalamander 12.02.2011, 08.59 | (0/0) Kommentare | PL

Kühlfach 4

profijt_kuehlfach_1.jpgNun habe ich "Kühlfach 4" also abgeschlossen. Geniales Buch, wenn auch mit einigen Startschwierigkeiten in der Audioversion ...

Sascha, genannt Pascha, ein kleiner Autodieb. Ein großer Coup, doch in dem gestohlenen Mercedes SL befindet sich leider eine Leiche im Kofferraum. Und ehe Pascha es sich versieht, wird er von der Brücke gestoßen und sieht auf einmal alles aus einer ganz neuen Perspektive. Beobachtet sich selbst, wie er in das Rechtsmedizinische Institut gebracht wird. Just, als Martin Gänsewein das Skalpell an seine edelsten Teile anlegen will, begehrt Pascha auf, und Martin kann ihn hören! Als einziger.

Was nun zu einigen vertrackten Situationen führt. Denn Martin scheint Selbstgespräche zu führen, er benimmt sich seltsam, weiß auf einmal Dinge, die er nicht wissen könnte, von dem misslungenen Schäferstündchen ganz zu schweigen. Seine Kollegen beginnen sich zu sorgen. Und auch Pascha sorgt sich, denn er würde gerne wissen, wer ihn umgebracht hat und warum. Den Nervenkrieg gegen Pascha kann er nicht gewinnen, also hat Martin gar keine andere Chance als in diesem Fall zu ermitteln.

Ein Buch, das mindestens so ungewöhnlich ist, wie es auch klingt. Hauptspielort das Rechtsmedizinische Institut mit seinen Stahlliegen und Kühlfächern, der Protagonist ein Kleinkrimineller mit frecher Klappe und ohne Manieren, die zweite Hauptfigur ein schüchternes, unsicheres Männchen. Doch beide entwickeln sich weiter, gehen aufeinander zu, und eigentlich sind sie ein tolles Team, das nur voneinander profitieren kann.

Ich liebe die Wortgefechte zwischen den beiden, der eine verklemmt spießig, der andere überzogen lässig. Zimperlich darf man nicht sein, denn da fallen auch mal Sätze wie "Er war so wenig zu fassen wie ein Phantom. Ja, Phantom. Das sage ich Martin zuliebe. Denn früher hätte ich gesagt, er ist so wenig zu fassen wie Wi*hse am Duschvorhang". Ja, Pascha hat eine verdammt große Klappe, daran muss man sich erstmal gewöhnen, und man schwankt doch sehr zwischen "hör endlich auf zu nerven" und "eigentlich ist er ja doch ganz nett". Grade das macht für mich einen großen Reiz des Buches aus, diese beiden gegensätzlichen Charaktere und ihre Kleinkriege untereinander. Erstaunlich, wie zickig Männer sein können *ggg*.

Die Handlung ist klar ein Krimi, wobei das aber eigentlich eher die Nebensache ist. Dem Leser ist recht bald klar, worauf es hinausläuft, eine große Überraschung bietet die Autorin nicht. Braucht es auch nicht, denn die Kriminalgeschichte ist eher Mittel zum Zweck, irgendein Ziel muss der Roman ja haben ;-)

Mir lag die Hörbuchvariante aus der Bibliothek vor. Dachte anfangs, das Gekürzte würde mich nicht stören (als Hörbuch lausche ich meist Büchern, die ich eher konsumieren denn genießen will), aber bald ärgerte ich mich, denn es wäre schade, auch nur einen Dialog zu verpassen. Und die Stimme des Sprechers, nun ja, die ist mindestens so gewöhnungsbedürftig wie Paschas Sprachstil. Die ersten eineinhalb CDs habe ich oft mit mir gerungen, ob ich weiterhöre, komplett abbreche oder zum Buch wechsle. Ich bin dann beim Hörbuch geblieben, inzwischen komme ich mit der Stimme klar und werde beim Lesen der folgenden Bände auch immer Ingo Naujoks im Ohr haben.

Den zweiten Band habe ich bei Tauschticket bereits angefordert, und den dritten werde ich auf jeden Fall kaufen, denn nun zähle auch ich zu den Pascha-Fans.

Ich kann die Bücher all denen empfehlen, die einen sehr schrägen, schwarzen Humor haben und auch ein paar sprachlich deftigere Momente vertragen. Profijt hat mit Pascha einen außergewöhnlichen Romanhelden geschaffen, wie man ihm nicht allzu oft begegnet :-)

SaschaSalamander 11.02.2011, 10.33 | (0/0) Kommentare | PL



 






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