SaschaSalamander
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Die Flut

Damals las ich >DER TRAKT< von Arno Strobel. Es hat mich sehr gut unterhalten, und seitdem beobachte ich den Autor. Er hat danach verschiedene Titel veröffentlicht, als zweites >DAS WESEN<. Zwar freue ich mich über neue Veröffentlichungen von ihm, doch immer mehr driftete er mir ab in den Bereich "zu abgedreht, Auflösung unbefriedigend". Zumal die Brutalität oft immer mehr in den Vordergrund rückte und mir die Handlung nur noch Mittel zum Zweck schien. Deswegen habe ich mir nach dem für mich schwächsten Teil >DAS DORF< nicht wirklich Hoffnung auf einen guten Titel gemacht. Umso mehr war ich positiv überrascht von von DIE FLUT.


Zwei Paare machen gemeinsam Urlaub auf Amrum. Da passiert ein tragischer Mord: eine Frau wird brutalst im Meer getötet, während ihr Mann hilflos dabei zusehen muss. Die Paare überlegen nach Hause zu fahren, doch sie wollen sich den Urlaub nicht verderben lassen und bleiben. Der Mörder schlägt erneut zu, und einer der beiden Männer gerät in Verdacht. Alle Indizien weisen erstaunlich offensichtlich auf ihn. Und der Kommissar verbeißt sich sofort in diese nahezu perfekte Spur. Die Taten werden immer brutaler, die Spuren immer deutlicher, und der Täter spielt ein perfides Spiel. Sein Ziel: die perfekte Mordserie ... 

Zwar sind die Morde äußert brutal, doch in diesem Roman ist endlich wieder einmal die Handlung im Vordergrund, nicht die Darstellung der Taten. Und die Handlung ist wirklich sehr schön gestrickt, auch die Auflösung ist gelungen und in sich stimmig. Ich war rundum zufrieden, nicht nur im Vergleich zu den schwächeren anderen Titeln des Autors sondern ganz für sich betrachtet. Aber alles der Reihe nach: 

Die Charaktere sind nicht tiefgründig ausgefeilt, keiner agiert als Identifikationsfigur. Aber das ist wohl auch nicht Ziel des Autors. Denn in diesem Roman macht sich im Laufe der Handlung nahezu jeder verdächtig. Einmal gibt es die Sichtweise des Täters, er scheint / ist (ich werde natürlich nicht spoilern) männlich und wohl in der Gesellschaft perfekt angepasst, wodurch es so ziemlich jeder sein könnte, welcher als Akteur in der Geschichte auftritt. In seinen Passagen ist das Crescendo der Morde zu ahnen: wie weit wird er gehen können, bevor man ihn stoppt? 

Dann gibt es weiterhin: Ein Kommissar mit Spitzname "Pitbull", der sich in den mutmaßlichen Täter verbeißt und keine Zweifel zulässt. Die beiden Paare: der Erfolgsgeile, die Zicke, das Mäuschen, der von der Polizei verdächtigte Mann. Ein Psychologe, der etwas schmierig scheint. Ein Polizist außer Dienst, der zuviel Interesse an dem Fall zeigt. Ein Polizist, dem Pitbull zur Seite gestellt, der ihn bändigen sollte aber sich immer wieder unterbuttern lässt. Nein, wirklich sympathisch ist niemand. Aber sie alle sorgen dafür, dass immer neue Verdachtsmomente die Handlung drehen und bis zum letzten Moment die Spannung erhalten bleibt.

Die Charaktere gehen auch nicht in die Tiefe, man erfährt sehr wenig über sie, der Autor begleitet ihre Handlungen und Interaktionen. Dadurch kann der Leser sich wie gesagt wenig in sie hineinversetzen, aber dadurch erscheint alles sehr seltsam, weil viele Aktionen unklar bleiben und der Hintergrund des Handelns verborgen bleibt. Am Ende fügt sich alles wunderbar zusammen. 

Die Handlung gefiel mir sehr. Sie beginnt mit dem Mord, schwenkt den Blick auf die Charaktere, und dann beginnen die Ermittlungen. Zwischendurch immer wieder kurz unterbrochen von den Gedanken und Planungen des Täters, dann ein kurzer Höhepunkt mit einem weiteren Mord, und wieder zurück zu den Ermittlungen. Ein optimaler Spannungsbogen, der mir außerordentlich gut gefiel.

Das Motiv und die Auflösung waren sehr gelungen. Wie gesagt, der Täter konnte jeder sein. Ich habe mir ziemlich schnell gedacht, wer es sein würde (die Frage ist klar: "wer kann auf welche Weise den perfekten Serienmord begehen", und dies auf der Metaebene eine Stufe weitergedacht gab es für mich nur einen Schluss. Klasse gemacht, Herr Strobel, wirklich genial eingefädelt!), und ich freute mich bestätigt. Abgesehen von der tatsächlichen Lösung fielen mir natürlich viele weitere Möglichkeiten ein, und es war die Frage, worauf er abzielen würde. Ich hatte ja zwischendurch die Befürchtung, dass er dann doch wieder auf eine krude Erklärung abdriften würde, und ich bin ihm sehr, sehr dankbar, dass er diesmal auf dem Teppich geblieben ist. Dadurch gewinnt das Buch an Qualität, weil der Leser am Ende zufrieden ist und vielleicht sogar Lust hat, mit dem nun neuen Wissen bald ein zweites Mal zu lesen. 

Also, kurz gesagt: so enttäuscht ich von den letzten Titeln waren, sosehr hat mich nun DIE FLUT begeistert. Ich wünsche mir sehr, dass sein neues Buch wieder so gut wird. Lieber weniger abgefahrene Wendungen, weniger Gewalt und Blut, weniger Mindfuck, dafür aber eine solide Handlung mit einer tollen Idee und einer klaren Struktur. Das ist nicht minder spannend und hat wenigstens Hand und Fuß. Herr Strobel kann schreiben, das beweist er mit diesem Buch eindeutig! :-)

SaschaSalamander 14.03.2016, 07.37

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