SaschaSalamander
RSS 2.0 RDF 1.0 Atom 0.3




Ausgewählter Beitrag

Eine Spur aus Frost und Blut

Scheinbar haben die Menschen ihren Vertrag vergessen: jedes Jahr ein Mädchen zu Frau Holle zu schicken, das der alternden Frau bei ihren Aufgaben hilft. Also muss die Dame sich selbst auf den Weg machen und eine neue Marie suchen. Gold- und Pechmarie, die zu ewigem Leben verdammt wurden, spüren das Kommen der Alten und machen sich bereit für die Begegnung. Denn sie wollen sich rächen für das Leid, das sie seitdem ertragen müssen.


Eine kurze Geschichte, eine kurze Rezension. Aber EINE SPUR AUS FROST UND BLUT hat mir die Wartezeit beim Arzt mehr als schaurig versüßt und dabei durchaus überrascht. 

Sehr schön erzählt, im märchenhaften winterlichen Tonfall, der Leser kann sich sofort in die winterliche Stimmung versetzen. Und das, obwohl nicht einmal wirklich Schnee liegt, seit Frau Holle auf sich alleine gestellt ist. Entgegen diesem beschaulichen Erzählstil steht die teils sehr direkte, gar brutale Handlung. 

Da die Geschichte sehr kurz ist, möchte ich nicht spoilern. Ich kann also schlecht erklären, worin der Horror dieser Geschichte liegt. Nur soviel: Wo kommen eigentlich der sprechende Baum und das sprechende Brot ursprünglich her? Und was passiert, wenn ein Mensch komplett mit Gold übergossen wird und in einer Umwelt der Armut leben muss? Wie ergeht es einem Menschen, der mit magischem Pech übergossen wird und von der Gesellschaft gemieden wird? Die Unsterblichkeit kann zur Hölle werden, alles Gold hin oder her. 

Das Büchlein hat einen sehr schönen Spannungsaufbau: Vorstellung der Charaktere, kurzer Ausblick auf den kommenden Horror und ein Blick hinter die Fassade, dann die Reise der Figuren zu ihrem gemeinsamen Zielort, Begegnung mit einem zukünftigen Opfer, Aufeinandertreffen, gewaltiger Showdown - Ende.

So ungern ich im Wartezimmer sitze, die Dreiviertelstunde verflog im Nu, die Autorin hat da einen richtigen Pageturner gezaubert. Sie hat einige herrlich morbide Ideen in das Märchen einfließen lassen, und die Sprache sitzt perfekt. Der Widerspruch aus märchenhafter Szenerie, unerwartet bösartigen Charakteren, bildreicher Sprache und dem Horror der Unsterblichkeit ist eine kongeniale Mischung, die in dieser Art sehr originell ist. Ich wünschte, es gäbe mehr davon!

Mir hat der Stil so gut gefallen, dass ich gerne ein komplettes Buch von ihr lesen möchte. Neben einer Anthologie konnte ich nur BLINDE SEKUNDEN finden. Mal sehen, wann ich Zeit dafür finden werde ;-)

SaschaSalamander 07.12.2015, 08.41

Kommentare hinzufügen

Die Kommentare werden redaktionell verwaltet und erscheinen erst nach Freischalten durch den Bloginhaber.



Kein Kommentar zu diesem Beitrag vorhanden



 






Einträge ges.: 3428
ø pro Tag: 0,7
Kommentare: 2748
ø pro Eintrag: 0,8
Online seit dem: 21.04.2005
in Tagen: 4986