SaschaSalamander
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Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen

ES GIBT DINGE, DIE KANN MAN NICHT ERZÄHLEN von Kirsten Boie liegt schon etwas länger in meinem Regal. Grund ist, dass ich schon einiges von der Autorin gelesen habe und weiß, dass sie nicht zimperlich ist, die Wahrheit zwar in kindgerechte Worte zu packen, sie aber dennoch unverblümt zu beschreiben. Mit den Geschichten um Geschichten aus Swasiland greift sie viele Themen auf, die harte Kost sind:

Thulani hat keine Eltern mehr und lebt bei seiner Großmutter. Er dürfte in der nahegelegenen Stadt in die Schule gehen, wenn er den Totenschein seiner Eltern vorlegt. Doch der Oberste im Dorf wird ihn nicht in die große Stadt begleiten, also bekommt Thulani keine Ausbildung. Sipho freut sich, dass diesmal er das Ei gefunden hat und wird wütend, als er es nicht selbst essen darf. Bei dem nachfolgenden Streit bricht ein Brand aus, doch Sipho hatte aus Trotz zuvor kein Wasser geholt. Sonto und ihre Geschwister sind Waisen und machen sich auf eine lange Reise, während der Sonto den jüngeren Kindern aus dem Erinnerungsbuch der Mutter vorliest. Und Thuli möchte neue Schuhe für die kleine Schwester kaufen, weil diese Voraussetzung für den Schulbesuch sind. Niemand möchte ihre handgefertigte Ware kaufen, doch die Trucker haben Arbeit für ein junges Mädchen ... 

Puh, noch immer läuft es mir kalt den Rücken herunter, gebe ich zu. Als ich mich mit meinem Mann über den Inhalt der Geschichten austauschte, war auch er erschrocken und fragte sich, wie man solche Dinge in ein Kinderbuch packen kann. Doch, "man" kann, und Frau Boie gelingt das hervorragend. 

Wir wurden groß mit Wölfen, denen man den Bauch aufschneidet, mit glühenden nagelbesetzten Schuhen, mit Hexen im Backofen. Das war nicht minder brutal und oft wenig pädagogisch erzählt. Die Autorin dagegen begibt sich auf die Höhe der Kinder und berichtet von Dingen, die traurig und ungerecht sind, die aber nicht ohne Hoffnung bleiben. Auch im Nachwort geht sie auf einige Fragen ein, etwa ob die Geschichten real oder fiktiv sind. Sie hat in Swasiland viele Menschen kennengelernt, Gruppenstunden besucht und Erfahrungen gesammelt, die sie in diesem Buch verarbeitet. 

Ich denke, aus Sicht des Erwachsenen sind die Geschichten wesentlich schmerzvoller als für Kinder. Ein Erwachsener weiß, dass es nicht bei diesem einen Mal Prostitution bleibt, dass hier sehr viel mehr geschieht als nur berührt zu werden und was überhaupt hinter dieser schrecklichen Krankheit steckt. Doch kindgerecht beschreibt Boie lediglich, dass der Mann Thuli berührt (was man in vielen Kinder-Aufklärungsbüchern zu diesem Thema lesen kann), und im Hinblick auf Aids schreibt sie als wiederkehrendes Mantra des Mädchens, dass die anderen es auch tun und der liebe Herr Jesus sie beschützen wird. Für Kinder ist dies ein Trost, sie fühlen sich geborgen in Thulanis Sichtweise und dem "Wissen", dass es wohl gut ausgehen wird. Dennoch begreifen sie, dass Thulani etwas tun muss, das sie nicht möchte und das nicht in Ordnung ist und die Gefahr der Krankheit drohend über ihr schwebt. Sie erfahren, wie Kinder in anderen Ländern leben und was ihren Alltag prägt. Wichtig ist dabei, dass die Kinder nicht mit der CD, dem Buch alleine gelassen werden sondern die Möglichkeit haben, ausführlich mit dem Lehrer oder den Eltern darüber zu reden, Fragen zu stellen, sich damit auseinanderzusetzen. 

Die Geschichten sind sehr detailreich, man spürt sofort, dass die Autorin eine Ahnung hat, wovon sie erzählt. In vielen kleinen Erwähnungen fließen Informationen ein, die spannend sind. Über das Schulsystem, die medizinische Versorgung, das soziale Umfeld, die Landschaft, Vegetation, das Klima, vor allem aber auch die klaffende Schere der reichen Touristen und armen Bewohner. 

Zwischen den Erzählungen sind Gesänge zu hören, die den Hörer nach Afrika entführen und die Texte etwas auflockern. Ich habe zwischen den einzelnen Passagen jeweils eine Pause gemacht, bevor ich zum nächsten Kind überging, und die Musik ist eine deutliche Überleitung, ein Signal "drück mal auf Pause". 

Julia Nachtmann ist mir bereits von Poznanskis Hörbüchern bekannt, sie spricht mit ruhiger Stimme und legt sehr viel Emotion in den Text. Ich mag ihren Vortrag. Aleksandar Radenkovic hat inzwischen ebenfalls viele Erfahrungen in Kinder- und Jugendhörbüchern gesammelt, so habe ich letztens in >Nikos Reise durch Zeit und Raum< über ihn berichtet. Katja Danowski mit ihrer weichen Stimme schafft es wunderbar, junge Zuhörer zu verzaubern, und sie gehört inzwischen zu meinen weiblichen Lieblingssprechern. Jürgen Uter war mir bisher kein Begriff, doch auch er spricht seinen Part einfühlsam, ruhig und eindringlich.

Trotz der schweren Thematik ist dieses Werk für Kinder geeignet. Kirsten Boie hat wieder einmal bewiesen, dass man Kindern auch anspruchsvolle Lektüre vorsetzen kann, ohne sie zu überfordern.


SaschaSalamander 28.05.2014, 08.48

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