SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Felix - früher hießen Tauben anders

Klappentext: Eine Geschichte über Tauben. Und Fledermäuse. Eine Erstere, die Zweiteres ist. Sowie jemanden, der genug Taubisch versteht, um das Ganze zu übersetzen. Gurr




VORAB

Ein kleines, unscheinbares Buch aus dem Verlag Edition Roter Drache. Nicht groß angekündigt in den Buchläden, nicht wirklich bekannt. Aber von mir schon lange heiß erwartet. Denn: Aus der Feder des Christian von Aster, über den ich >hier< schon ein wenig geschrieben habe. Eines, das mir sehr am Herzen liegt und das ich Euch unbedingt vorstellen muss! Aber erst mal gehe ich ein wenig näher auf den Inhalt ein. 


INHALT

Der Ich-Erzähler (ob Mensch oder nicht ist unklar. Da er jedoch seine Erfahrungen niederschreibt, gehe ich mal davon aus, aber es ist eigentlich völlig egal) spricht Taubisch und unterhält sich mit Felix. Dieser erzählt ihm seine Geschichte: Felix sieht aus wie eine Taube. Aber er fühlt, dass er ein Wahrheit eine Fledermaus ist. Die Obertaube meint, das müsse erst von allen Tauben beraten und abgestimmt werden, so einfach sei das nicht. Doch das dauert und dauert, Felix bekommt einfach keine Erlaubnis, endlich eine Fledermaus sein zu dürfen. Also geht er zu den Fledermäusen. Bei denen genau das gleiche Spiel. Und dann kommt plötzlich ein anderer Vogel - und erkennt Felix als Fledermaus, einfach so! Die beiden freunden sich an. Und Felix wird endlich glücklich, ganz ohne die Meinung der anderen Tauben und Fledermäuse. 


AUTOR / ZEICHNER

Wie gesagt, über Christian von Aster möchte ich an dieser Stelle nicht viel erzählen. Ich verweise auf obigen Link und die Suchfunktion meines Blogs (einfach "Aster" eingeben, dort finden sich acht Rezensionen und einige weiteren Beiträge). Für FELIX arbeitete er wieder zusammen mit dem Zeichner >BensWerk<. Gemeinsam haben sie bereits die Pubertätsdramödie >ALICE VS WUNDERLAND< und das ungewöhnliche Bilderbuch >DER WASSERSPEIER FLEDERMEIER< erschaffen.

Die Beschreibung der Künstler im Buch FELIX wie folgt:
- Herr von Aster - ist so etwas wie ein Faultier. Das sich für einen Tanzbär hält. Aber in Wirklichkeit ein Tastentrüffelschwein ist. Oder umgekehrt.
- benSwerk - ist ein riesiger Höllenhund im Körper eines knopfäugigen Fellfroschs, dessen finstere Machenschaften aufgrund eines Fluchs komplett niedlich wirken. Hobby: Werwolf.


SCHREIBSTIL

Die Künstlerbeschreibung zeigt bereits, worauf man sich in diesem Buch einstellen muss: der Stil ist sehr locker, es gibt viel zum Schmunzeln. So erfährt der Leser zum Beispiel, warum Tauben im Kreis laufen. Zitat: "Weil sie den Weg interessanter finden als das Ziel. Und "von hier nach da" ist eben weniger Weg als "von hier - im Kreis, im Kreis, im Kreis nach im Kreis, im Kreis, im Kreis, dort". Dabei kann man schon einiges erleben. Wobei jetzt aber auch nicht alle Tauben Abenteuer mögen. Die meisten von ihnen verschwinden sogar lieber, wenn ihnen eins begegnet. Aber selbst dabei laufen sie meist noch irgendwie im Kreis".

Es ist so geschrieben, wie jemand eben erzählen würde (was der Ich-Erzähler ja auch tut). Also mit Gedankeneinwürfen, Abschweifungen, persönlichen Bewertungen. Passt sehr gut zu der Geschichte und den Zeichnungen, da alles in sich stimmig sehr persönlich wirkt, auch sehr ungewöhnlich und individuell. Es gibt keine Schublade für den Stil, die Zeichnungen, den Inhalt, Aster erfindet sich wie üblich wieder einmal neu. 

Das Büchlein (16 x 16 cm) hat 32 Seiten, darunter auch Impressum, Vorder- und Rückblätter, Autorenvita, und manche Seiten bestehen nur aus Zeichnung, kommen ganz ohne Text aus. Mit anderen Worten, durch Sprache wird hier nur das Nötigste transportiert. Aster schafft es wieder einmal, die Botschaft in einen einzigen Satz zu legen und den Rest drumherum mit vielen köstlichen Schnörkeln für Sprachverliebte zu verzieren. 
 

ZEICHNUNGEN

benSwerk hat ganz eigene Zeichnungen, die man sofort erkennt. Düster, mit dunklen aber zugleich warmen Farben. Es fällt mir als wenig optischer Mensch extrem schwer, seine Bilder zu beschreiben, deswegen empfehle ich einen Blick auf seine Homepage (siehe oben) und den >Blog<. Was mir besonders gefällt sind seine schrägen Ideen, etwa die Krähentaube mit dem lila gepunkteten Schnabel und den einzeln abstehenden Federn, Tauben mit Zähnen, die eckigen geneigten Augen in dem ansonsten runden Körper. Auch sonst gibt es sehr viel zu entdecken: eine Taube mit Seitenscheitel, eine andere mit Unterhose auf dem Kopf, eine Taube mit Piratenklappe und Holzbein, mit Nerdbrille, Sabbern im Schlaf, ein Gehstock und viele andere kleine Details mehr.

Man sollte sich auf jeden Fall die Zeit nehmen, um das Buch nicht nur schnell zu lesen, sondern auch die Bilder sehr genau zu inspizieren, um immer wieder etwas Neues in ihnen zu entdecken. Manches mal muss man auch sehr genau hinsehen - sonst verpasst man etwa, dass sogar der Schatten über Augen und Zähne verfügt.

Auch die Schrift, welche in die Bilder eingebunden ist, wird zum Spiel: so ist der Schriftzug "Felix" etwa kopfüber hängend geschrieben, wie eine Gruppe von der Decke hängender Fledermäuse. Dazu spiegelverkehrt - weil in diesem Buch nämlich nichts irgendwelchen normalen Regeln folgt. Warum sollte es auch? ;-)


BOTSCHAFT

Die Botschaft des Buches ist eindeutig: "Wenn man einmal wusste, wer oder was man war, dann war man das. Ohne dass irgendjemand darüber abstimmen musste" (S. 25)

Leider urteilt die Gesellschaft in diesen Kategorien. Sie nimmt sich das Recht darüber, vorzuschreiben, wer oder was man ist, wer oder was man sein darf. Sie erstellt Ausweise, in denen m oder w steht und schreibt vor, welche Toilette man aufsuchen muss. Sendet Model-Shows, in denen Kandidatinnen mit ihrer Schönheit konkurrieren. Veröffentlicht Fernsehsendungen, in denen dicke Menschen soviel Gewicht als möglich verlieren. Gibt vor, wie man zu sein hat, um von anderen gemocht zu werden. Verkauft Kleidung in Rosa und Blau, verteilt Namen für Jungen und Mädchen, unterteilt in Religion und Kultur und Hautfarbe. Ob man Mann oder Frau ist, dick oder dünn, schwarz oder weiß, groß oder klein, blond oder brünett - das sind Äußerlichkeiten. Der Mensch zieht sein Selbstbewusstsein aus der Bewertung durch andere, basierend auf dem äußeren Erscheinungsbild des eigenen Selbst - und wer nicht der Norm entspricht, der muss oft am Rand stehen, fühlt sich ausgeschlossen, unerkannt und missverstanden. Wer eine Fledermaus ist, obwohl er wie eine Taube aussieht - der passt eben nicht zu den anderen Tauben. 

Das Buch ist kindgerecht geschrieben und schildert in einfachen Worten, was es bedeutet, anders zu sein als andere. Und auch, wenn es generell ums Anderssein geht - ich finde es eine sehr schöne Darstellung über das Gefangensein im falschen Körper. Zuletzt habe ich >TEDDY TILLY< gelesen, ebenso >GEORGE<. Beide hochgelobt als erstes Buch (Bilderbuch / Roman) seiner Art, welches sich kindgerecht mit der Thema Transidentätit auseinandersetzt. Ich möchte FELIX unbedingt hinzufügen!

Denn diese Taube muss erst auf das Urteil der anderen Tauben warten, muss sich der Einschätzung der anderen Fledermäuse stellen. So müssen auch Trans*jungs und Trans*mädchen der Beurteilung durch Psychologen, Gutachter, Mediziner stellen. Werden kritisch beäugt, wenn sie im Schulsport in der falschen Umkleide stehen, wenn sie die falsche Toilette benutzen. Schläft Felix abends mit den Tauben oder den Fledermäusen - soll das Kind beim Schulausflug auf ein Zimmer der Jungs oder Mädchen eingeteilt werden? Felix darf nicht einfach nur er selbst sein, sondern darüber wollen andere entscheiden. Statt ihm einfach zu erlauben, er selbst zu sein. Der Leser spürt die Erleichterung, als endlich ein Adler kommt und Felix tatsächlich erkennt und annimmt. Eine wunderbare Grundlage, um mit Kindern über dieses Thema zu reden. Und mit ihnen zu schmunzeln über die Taube mit der Augenklappe, der Unterhose oder dem Gehstock, denn auch diese Tauben sind anders, und sie gehören einfach dazu. Es ist eben keine Taube wie die andere, sie alle sind etwas Besonderes, und wer legt schon fest, was "normal" ist? ;-)


FAZIT

Mein neues Lieblingsbuch. Unter anderem in den Kategorien "Trans", "Bilderbuch", "Kinder", "Humor", "hintersinnig", "schräg", "Gesellschaftskritik" und "von Aster". Hab ich irgendwelche Genres, Kategorien oder Schubladen vergessen? Macht nichts, der Autor und seine Bücher passen eh nirgends rein ;-)

SaschaSalamander 28.11.2016, 09.10

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