SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Flammengrab

1598: Hannes und Margarete, hier vor Ort in Nürnberg, sie entkommen der Hexe. Hannes wird Uhrmacher und baut eine Spieluhr. Ist die Hexe wirklich tot? Das Grauen ist noch nicht vorbei ...

1944, 1945: ein junger Mann arbeitet im Untergrund in Nürnberg. Er will die Lanze des Longinus austauschen gegen eine Fälschung, denn der Führer ist abergläubisch und könnte auf diese Weise gestürzt werden. Als der junge Mann die Lanze berührt, hat er eine seltsame Vision. Später wird ein Mädchen wird von der Lanze verletzt. Und bei den Vorführungen der Oper "Hänsel und Gretel" geschieht ein tragisches Unglück ...

1966: der Junge und das Mädchen von 1945 sind verheiratet. Durch die Spieluhr stoßen sie auf das Geheimnis von Hänsel und Gretel. Mit einem Freund machen sie sich auf die Suche nach dem Hexenhaus. Grauenvolle Dinge geschehen im Wald ...

Gegenwart: eine amerikanische Polizistin begibt sich nach Nürnberg, denn sie hat eine seltsame Vision um ihren Vater - ist dieser etwa nicht gestorben, sondern wurde er womöglich ermordet? Ist die Hexe wirklich tot? Und dann ist da noch die geplante Opernaufführung von "Hänsel und Gretel" ...


Ein Cover poste ich hier absichtlich nicht. Ihr wisst, wie man googelt ;-) Das Cover sticht sofort ins Auge und macht neugierig, insofern ist es sehr, sehr gut gewählt. Allerdings finde ich nur wenige Dinger ekliger als tote Puppenaugen, und auch mein Mann bekam erstmal Albträume, als dieses Buch auf seinem Kindle aufploppte (unsere Geräte sind vernetzt, und wir sehen unsere jeweiligen Neuerwerbungen auf der Startseite). Ich habe einige Male überlegt, ob ich das Buch überhaupt lesen soll, denn ständig wurde mir dieses grässliche Bild auf der Startseite gezeigt, nein danke. 

Aber jetzt zum Buch selbst: Die Handlung ist schwer wiederzugeben, da sie sowohl auf vier verschiedenen Zeitebenen wie auch zwei Welten (eine reale, eine fantastische) spielt. Viele einzelnen Elemente, die scheinbar absolut nichts miteinander zu tun haben, werden zu einer faszinierenden Geschichte gemischt, die in ihrer Art sehr ungewöhnlich ist. 

Die Handlung in Nürnberg, die Story eine Mischung aus Krimi, Fantasy und Märchen, noch dazu alles aus dem Verlag Psychothriller GmbH (Darside Park, Porterville, Ondragon, Terminal 3 und einige geniale Titel mehr). Klingt nach einem Buch nur für mich, und begeistert fing ich an mit Lesen, Cover hin oder her ;-)

Ich muss zugeben, dass meine Meinung sich im Laufe des Buches mehrfach geändert hat. Anfangs war ich sehr begeistert, es ließ dann etwas nach, zog wieder an, rutschte dann wieder ziemlich tief und war gegen Ende wieder etwas versöhnlicher. Ich war stellenweise sehr hin- und hergerissen. 

Erst einmal zum Lokalkolorit, für mich natürlich eine DER Triebfedern: es wird mit Dingen wie den Reichskleinodien, den Reichsparteitagen, dem Opernhaus, dem Nürnberger Ei, der Kaiserburg, dem Weihnachtsmarkt, dem Reichswald, den Lebkuchen und einigen Dingen mehr sehr viel im Buch erwähnt, was typisch für Nürnberg ist. Einerseits sehr schön, andererseits wirkte mir das ein wenig wie aus dem Touristenführer abgeschrieben, beinahe etwas plakativ. Denn sobald es konkreter wurde, begann der Bereich der Fiktion, ein wirklich lebendiges Bild von Nürnberg konnte der Autor in mir nicht erwecken. 

Einige Dinge um den Führer, Nürnberg und seinen Aberglauben ließen sich tatsächlich recherchieren und waren sehr interessant, aber gerade was die Örtlichkeiten betrifft, hat der Autor für einen Lokalroman etwas zuviel Fantasie eingebracht. Viele der genannten Orte existieren nicht, entweder hat der Autor so tief gegraben, dass selbst alteingesessene Nürnberger sie nicht kennen (ich habe ein paar gefragt, da ich selbst ja nur ein "Zugereister" bin. Allerdings interessiere ich mich sehr für Nürnbergs Geschichte).

Auch der Dialekt ist nicht authentisch, gelegentlich mischt sich Oberbayrisch ein, das stört doch sehr den Lesefluss und Genuss (zumindest, wenn man den Dialekt kennt und sich dann gedanklich die Zunge verknotet). All diese Dinge verdichten sich in meiner Vermutung, wenn ich mir die Info über >Damian Lenz< ansehe, der zwar vielgereist scheint, den aber mit Nürnberg (zumindest dem dortigen Text nach) nicht viel verbindet. Wie gesagt: es wirkt wie aus Wikipedia oder einem Städteführer herauskopiert, für Ortsfremde nett, wenn Hänsel und Gretel in einer bekannten Stadt spielen, für Nürnberger aber etwas enttäuschend da wenig realistisch dargestellt.

Sprachlich ist das Buch sehr ungewöhnlich: der Stil ist abgehackt, die Sätze sind teils sehr kurz. Gerade bei der Erzählung um Hänsel und Gretel und auch noch später im Dritten Reich ist das angenehm zu lesen, es entsteht das Gefühl einer hautnahen Berichterstattung. Stellenweise wirkt es atemlos, hektisch, aber es passt in die jeweilige Situation. Sobald es allerdings in die Gegenwart übergeht, empfand ich diesen Stil als unangenehm, weil er zuviel Hektik in die Geschichte bringt. Außerdem ist das Buch größtenteils so geschrieben, wie die Personen denken und sprechen. Auch hier wieder: als Zeitzeugnis war das zu Beginn eine ungewöhnliche Technik und sehr reizvoll, doch nach einiger Zeit wurde es für mich sehr anstrengend. Gedankenfetzen inclusive abgebrochener Sätze, Stottern, Wiederholen und unklare Formulierungen zu lesen kann sehr ermüdend sein auf Dauer. Es hat seinen Grund, warum die Menschen in Hörspielen und Büchern nicht sprechen, wie man eben spricht, sondern so wie man schreibt. 

Die Art und Weise, wie Realität und Märchen verwoben werden, gefiel mir sehr gut. Die Verbindung zwischen den einzelnen Zeit- und Realitätsebenen sind dem Autor sehr gut gelungen, teilweise gehen sie nahtlos ineinander über, sodass der Leser stets sehr genau darauf achten muss, wo er sich gerade befindet. Es ist ein spannendes Spiel, das der Autor da treibt. Sehr schön finde ich vor allem, dass Lenz neben Hänsel und Gretel nicht die üblichen Märchen heranzieht, sondern sich aus der düsteren Fundgrube bedient. So freute ich mich sehr, hier über den Machandelbaum zu stolpern, und auch König Blaubart bekommt eine tragende Rolle. Der gelbe Zwerg war mir bis dato fremd, und so freute ich mich, dass am Ende des Buches die jeweiligen Märchen noch einmal im Anhang zu lesen sind. 

Alles in allem also: Sprachlich ist der Roman sehr ungewöhnlich, ich fand den Stil anfangs interessant, nach einer gewissen Zeit aber anstrengend. Der Lokalkolorit ist eher etwas für Ortsfremde und sollte nicht allzu kritisch gelesen werden, sonst wird man enttäuscht. Die Handlung selbst ist ziemlich faszinierend und sehr geschickt gewoben. Ich war begeistert, wie Lenz es geschafft hat, eine Geschichte aus den Elementen "Lanze des Longinus" - "Hitler" - "Los Angeles" - "Hänsel und Gretel" - "Machandelbaum / Blaubert / Zwerg" - "Nürnberg" zu weben. 

Eine 1 für die einzigartige Geschichte, ein Fragezeichen für den ungewöhnlichen Stil und den unpassenden Dialekt und ein enttäuschtes "schade" für Nürnberg ;-)

SaschaSalamander 23.10.2015, 08.36

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