SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Still - Leise Gewinnt

Unsere Gesellschaft ist eher extrovertiert orientiert, und introvertiere und / oder sensible Menschen bekommen das immer wieder zu spüren. Dabei gibt es so viele Introvertierte! Sie werden nur leider weniger wahrgenommen. Doch in den letzten Jahren spüre ich ein Umdenken. Immer häufiger sieht man Intros in den Medien, sie werden häufiger erfolgreich (keine wissenschaftliche Aussage, sondern mein gefühlter Eindruck), man spricht mehr über sie. Und es gibt vor allem immer mehr Fachbücher zu den Themen Introversion und Hochsensibilität. Zwei davon sind STILL und LEISE GEWINNT.

  




Vor einiger Zeit veröffentlichte Susan Cain ihr Buch STILL, das großen Anklang in der Öffentlichkeit fand. Ich las es letztes Jahr, war sehr davon angetan und konnte mich hervorragend darin wiederfinden. Vor allem, weil sie zeigte, welche Stärken introvertierte Personen haben, weil sie nicht nur den Finger auf die Schwächen legte, wie dies in der Gesellschaft gerne getan wird. Außerdem führte sie auf, dass "introvertiert" nicht zwangsläufig "graues Mäuschen" bedeuten muss und Intros auch sehr gute Redner sein können. Endlich fühlte ich mich verstanden, aber irgendwie fehlte mir noch immer ein bisschen. Auch die sehr amerikanische Aufmachung des Buches war mir etwas zu reißerisch. Dennoch: STILL war ein bisschen wie eine Offenbarung, und endlich zeigte es der Welt, dass Introvertierte ihren Platz in der Gesellschaft zwar nicht hart erkämpfen, ihn aber ebenso verdienen und vor allem die Gesellschaft diese ruhigen, durchdachten Denker und Zuhörer ebenso braucht wie die lauten, impulsiven Macher und Redner.

Nun habe ich LEISE GEWINNT von Doris Märtin gelesen. Und in diesem Buch fand ich alles, was mir bei Cain noch fehlte:

Märtin zeigt auf, dass Introversion nicht gleich Introversion ist, sondern dass es verschiedene Charaktere in unterschiedlicher Ausprägung gibt. Es gibt die Anteile der Masterminds (die Macher, Leiter, Organisatoren), die Nerds (Fachleute, "klassische" Intros, die man aus den Medien kennt), die Supersensiblen (in anderen Fachbüchern als eigenes Thema Hochsensibilität benannt) und die Cocooner (die nach Harmonie strebenden sozialen Wesen, die sich stark in ihren eigenen Kokon zurückziehen). 

Je nach Persönlichkeit können verschiedene Anteile in den Menschen vorhanden sein, es gibt einen sehr guten Test, in dem der Leser sich das genauer erarbeiten und für sich klassifizieren kann. Anschließend wird in verschiedenen Kapiteln zu sozialen, beruflichen und gesellschaftlichen Themen herausgearbeitet, welche Probleme diese Situationen für Introvertierte bereiten und wie sie ihre ihnen eigenen Stärken nutzen können, dennoch die Anforderungen zu meistern. 

Die Kapitel sind außerdem nochmals gekennzeichnet, sodass gut sichtbar ist, ob sie vor allem Masterminds, Supersensible, Nerds, Cocooner oder mehrere davon ansprechen. Denn wo der Mastermind möglicherweise kein Problem hat, seine Geschäftskontakte zu pflegen, kann dieser Smalltalk für den Cocooner oder Nerd zu einer unlösbaren Aufgabe anwachsen. Dafür gibt es dann auch Kapitel, in denen Nerds und Masterminds erklärt wird, wie man absagen kann und dabei dennoch höflich bleibt, statt rational und zielstrebig über die Gefühle anderer hinwegzuwalzen. 

Ich habe das Buch über Skoobe gelesen, werde es mir aber auf jeden Fall kaufen, um gelegentlich darin zu blättern. Um aus einigen der Passagen Kraft zu schöpfen und von vielen der Tips zu zehren. 

Was den Test betrifft finde ich ihn sehr interessant und vor allem differenziert. Dennoch sehe ich ihn nur als Orientierung, nicht als klare Aussage, was nun auf mich zutrifft. Denn ein Typus, von dem ich recht wenige Anteile habe, ist dennoch sehr stark ausgeprägt in meinem Alltag. Vor allem deswegen, weil ich beruflich und gesellschaftlich eine andere Rolle verkörpere, als ich innerlich empfinde. Dadurch wurde ich immer mehr zu einem Intro des Typ X, obwohl meine Gefühlslage und mein Erleben eher dem des Typus Y entsprechen. Doch das Buch ist auch hier sehr aufgeschlossen und erklärt, wie Intros sich anpassen, welche Möglichkeiten sie finden in der lauten Welt zu bestehen und wie sich dadurch auch Fähigkeiten entwickeln können. 

Extrovertierten Lesern lege ich LEISE GEWINNT ans Herz, um mehr über Intros zu erfahren und ihre Verhaltensweisen zu verstehen. Alles ist schlüssig erklärt und nachvollziehbar, selbst wenn man nicht betroffen ist (so fühlte ich mich einem dieser Charakterisierungen überhaupt nicht zugehörig, konnte dadurch aber einen Menschen, auf den das zutrifft, endlich sehr gut verstehen und habe für mich erkannt, welches Unrecht ich ihm / ihr in mancherlei Hinsicht wohl getan habe. Es tat mir nachträglich sehr leid, und ich wünschte mir sehnlichst, ich hätte dieses Buch bereits vor 10 Jahren gelesen)

Introvertierten drücke ich dieses Buch ans Herz und sage "unbedingt lesen". Es hilft, Frieden mit sich selbst zu schließen und sich weiterzuentwickeln. 

STILL macht Mut und gibt Hoffnung. LEISE GEWINNT geht einen Schritt weiter und gibt hervorragende Tipps für den Alltag. Es zeigt Kompromisse, mit denen sowohl die "Lauten" als auch die "Stillen" nicht nur neben- sondern auch miteinander leben und sich geschickt ergänzen können und aufeinander angewiesen sind. 

18.11.2014, 08.47

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Sonja

Danke für die Rezensionen! "Still" hab ich als englisches eBook, allerdings noch ungelesen. Werde es mal weiter nach oben auf meiner Liste rücken :)
LG
Sonja

vom 21.11.2014, 08.57
Antwort von :

Viel Spaß damit! Bin gespannt, wie es Dir gefällt :-)


 






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