SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Unheil

wilfling_unheil_1.jpgAUTOR, INHALT

UNHEIL ist das zweite Buch des ehemaligen Münchner Mordermittlers Josef Wilfling. Seit 2009 ist er im Ruhestand und teilt seine Erfahrungen über die Abgründe und das Unheil der menschlichen Seele mit den Lesern. In verschiedenen Geschichten schildert er, wie einfache, bis dato unbescholtene Menschen zu Mördern werden können.


SPRACHE, STIL

Die Sprache und der Stil waren eine große Schwäche des ersten Buches ABGRÜNDE. Zu umgangssprachlich, stellenweise sehr unprofessionell und unstrukturiert. Das störte nicht den Lesegenuss, fiel aber immer wieder ins Auge und wirkte etwas unfertig. Entweder hat er sich die Kritiken der Leser zu Herzen genommen, oder man hat ihm dieses Mal einen erfahrenen Lektor zur Seite gestellt. Auf jeden Fall ist dieses Mal nichts an UNHEIL auszusetzen. Die laienhafte Sprache wurde nun ersetzt durch einen professionellen aber flüssig zu lesenden Text. Keine unnötigen Fremdwörter, die das Lesen erschweren, dennoch ist die Erfahrung des Autors zu spüren.

Stellenweise blitzt ein etwas herber Ton durch. Immer respekt- und würdevoll gegenüber den Angehörigen und Hinterbliebenen, musste er für sich selbst dennoch einen Schutzwall aufbauen. Dieser schlägt sich manchmal im Text nieder. Wer als Unbedarfter zum ersten Mal einen Tatort besichtigt, dürfte anders reagieren, doch für Wilfling wurde es Alltag. Dies merkt man auch daran, wie er den Tatort beschreibt: S. 190: "Die Frau [...] war offenbar gänzlich ausgeblutet, was sich an zwei Dingen erkennen ließ: zum einen and der Menge des Blutes [...], zum anderen daran, dass ihr Kopf sich nicht mehr da befand, wo er hätte sein müssen". Knochentrocken, analytisch und auch ein wenig makaber. Es zeigt dem Leser eine Welt, in der Verbrechen nicht dem kreativen Gehirn eines Autoren entspringen sondern tragischer (Berufs)Alltag sind.


AUFBAU, ERZÄHLWEISE

Auch der Aufbau war im ersten Band etwas ungeordnet, ist hier wesentlich stringenter und nachvollziehbarer. Konsequent beschreibt er einzelne Fälle, mal einen längeren, dann einen kürzeren. Zwei Kapitel wurden über das Buch verteilt eingeschoben, die sich mit den Hintergründen befassen: "Kann wirklich jeder Mensch zum Mörder werden" und "Weniger Morde - bessere Menschen?". Er gibt klar an, dass dies keine wissenschaftlich gestützen Fakten sind, diese müsse ein Soziologe oder Psychologe liefern. Das Buch beinhaltet lediglich seine Erfahrungen, die er in 41 Jahren Polizei- und 21 Jahren Ermittlungsarbeit sammelte. Die Zeiten haben sich geändert, die Verbrechen wandelten sich: neue Gesetze, politische Veränderungen, weibliche Emanzipation, all solche Dinge trugen zu einem Wandel der Kriminalität bei, die vielleicht auf den ersten Blick gesunken sein mag, in Wahrheit sich jedoch lediglich verlagerte.

Seine Erzählweise passt er den jeweiligen Geschichten an. Mal schildert er ein Verbrechen und die akribische Suche nach dem Täter. Ein andermal beschreibt er den Tathergang, bevor er und seine Kollegen den Schauplatz betreten und zu ermitteln beginnen. Immer erklärt er, warum man anhand des vorgefundenen Tatortes von einer Beziehungstat ausging und wer als Täter infrage kam. Er gibt Dialoge wider und wie seine Worte die Täter zu einem Geständnis bewegen können (oder in Einzelfällen auch nicht). Mal wird der Täter mit seinem Verbrechen konfrontiert, ein andermal versucht man ihn in Widersprüche zu verwickeln. Es ist spannend zu lesen, auf welche Weise Wilfling Tat und Täter zusammenführt. Die Realität ist mitreißender, als jeder Krimi es sein könnte. Doch leider gibt es in der Realität kein Happy End, und oft muss man hart schlucken ob des Gelesenen.


AUCH TÄTER SIND NUR MENSCHEN

Dieses Buch erinnerte mich ein wenig an SCHULD und VERBRECHEN von Ferdinand von Schirach. Schirach schreibt lediglich über die Fälle selbst, die Hintergründe der Täter und Opfer. Wilfling dagegen schildert die Ermittlungsarbeit, welche den Täter am Ende überführt. Dennoch ist beiden Autoren eines gemeinsam: sie beschreiben, was gesunde, normal entwickelte und unschuldige Menschen dazu bringen kann, plötzlich Schuld auf sich zu laden. Und es gelingt ihnen sogar, wenn dies dem Fall entspricht, Sympathie für den Mörder aufkommen zu lassen, Mitleid und Verständnis. Denn die wenigsten Morde geschehen aus reiner Mordlust, die meisten Verbrechen gegen Leib und Leben sind Beziehungstaten, denen eine lange Vorgeschichte vorausgeht: Eine Frau wurde von Kind an vom Vater missbraucht und tötet im Affekt ihre Mutter, die jahrelang zusah und ihre Tochter später verhöhnt. Ein Mitarbeiter, der über lange Zeit von seinem Chef gemobbt wurde, bis eines Tages der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Ein liebender, treuer und gütiger Familienvater, dessen Frau immer kälter wird, bis er sie zur Rede stellt und die Situation eskaliert. Eine Mutter, die sogar die Gründe des Mörders ihrer Tochter verstehen kann und zugibt, dass die Tochter ihren Untergang selbst heraufbeschworen hatte.

Ein grausames Verbrechen, dafür jedoch nur drei, vier oder fünf Jahre Gefängnis - was die Medien zerreißen und als Skandal produzieren, schildert Wilfling von der menschlichen Seite. Denn auch Täter sind nur Menschen ...

Natürlich schreibt er auch von grausamen "Killern", die ihre Tat mit einer Kaltblütigkeit ausführten, die den Autor und Leser gruselt. Ein Mann, der mehrere Beziehungen pflegt, und als diese sich zu überschneiden drohen, tötet er einfach eine der beiden Frauen, auch sein Verhalten nach der Tat geprägt von einer unglaublichen Kälte. Man möchte sich übergeben, wenn man von solchen Taten liest, und es ist unerklärlich, was einen Menschen zu solchen Monstern werden lässt. Dies kann Wilfling nicht erklären. Aber er vermittelt immerhin ein Bild davon, wie unterschiedlich die Taten, die Täter und die Motive sein können.

Die Taten, Namen, Orte etc wurden aus juristischen Gründen etwas abgeändert, dennoch ist es mit ein wenig Geschick möglich, die realen Fälle zu ergoogeln. Es ist dabei oft faszinierend zu vergleichen: was erfährt man über die Medien, was schildert Wilfling "hinter den Kulissen".


SONSTIGES

Zwischendurch geht Wilfling auch kurz auf die Arbeit anderer Berufsgruppen ein. Es ist angenehm zu lesen, wie er auch schreibt "die Kollegen haben ihre Arbeit hervorragend gemacht". Das ist zwar nicht relevant für den Inhalt des Buches, aber ich finde es schön, es zeigt das Bild eines Mannes, der sich nicht als Alleinkämpfer sieht, sondern der mit anderen zusammenarbeitet und sich nicht über die Kollegen stellt (was mir in anderen Fachbüchern schon häufiger begegnet ist und mir immer ein wenig bitter aufstößt).

Auch möchte ich positiv hervorheben, dass Wilflings Buch nicht die Sensationsgier befriedigt. Wer einfach nur heiß ist auf brutale Morde, der sollte UNHEIL nicht lesen. Denn es geht dem Autor nicht um Skandale und blutige Details, sondern um die Menschen hinter den Verbrechen. Entsprechend sind seine Beschreibungen wie in oben genanntem Beispiel zwar direkt (und somit auch blutig), jedoch auch äußerst knapp, zeigen nur das zum Verständnis Notwendigste auf.


FAZIT

UNHEIL ist zum Vorgänger ABGRÜNDE eine deutliche Steigerung. Klar, sturkturiert und fachkundig lässt der Autor den Leser an seinen langjährigen Erfahrungen teilhaben. Ohne Voyeurismus, dafür mit viel Sachverstand und Menschlichkeit gibt er Fallbeispiele aus seinem Berufsleben wider. Auch Mörder sind Menschen, Menschen wie Du und ich, und dies gelingt ihm hervorragend darzustellen. Ein wundervolles Buch, das Verbrechen von einer eher ungewöhnlichen Seite schildert und auf jeden Fall Beachtung verdient!

SaschaSalamander 14.05.2012, 09.49

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