SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Verknackt - Vergittert - Vergessen

Erfahrungsbücher werden immer beliebter. Und zum Thema Knast gibt es inzwischen die unterschiedlichsten Sichtweisen. Sascha Bisley schreibt seine Erfahrungen als >ZURÜCK AUS DER HÖLLE< und wurde später zum Sozialarbeiter. Auch der Boxer Charly Graf erzählt von seiner Läuterung und wie er nun als Sozialarbeiter die Kids animiert >KÄMPFE FÜR DEIN LEBEN<. Der Jugendliche Mihrali Simsek beschreibt in >MEIN LEBEN< seine Kindheit und die Erfahrungen im Jugendgefängnis. Calvin Malone schreibt in >FREIGANG< von seinen Erfahrungen als Buddhist im amerikanischen Vollzug. Der Betrüger Wappler schreibt über sein Leben, seine Zeit im Gefängnis und inszeniert sich groß im Buch >MILLIARDEN-MIKE<. Susanne Preusker arbeitete als Psychologin in der JVA Straubing und erzählt von dem tragischen Tag ihrer Geiselnahme in >SIEBEN STUNDEN IM APRIL<. Der bekannte Schauspieler Joe Bausch erzählt von seiner Tätigkeit als Arzt im >KNAST<, sein Kollege Keppler folgt auf dem Fuß und schreibt über den >FRAUENKNAST<. 


Es gibt weitere Bücher von Seelsorgern, Psychologen, Inhaftierten, Lehrern. Es ist eben einfach spannend für die Außenstehenden, mal einen Blick in diese geheimnisvolle Welt zu werfen, die den meisten - zum Glück - fern und fremd ist. Was passiert da hinter den Mauern? Wie geht es den Betroffenen? Was arbeiten die Beamten dort wirklich? Ist Vollzug sinnvoll, und was bringt das überhaupt? Interessanterweise kenne ich kein Buch von einem Sozialarbeiter zu diesem Thema (außer Fachbücher wie die von Udo Rauchfleisch). Ich bin sicher, die hätten auch so einiges Spannende zu erzählen ...

Ein weiterer aktueller Titel lautet jedenfalls VERKNACKT - VERGITTERT - VERGESSEN von Rainer Dabrowski. Er ist Seelsorger und erzählt von seinen Erlebnissen und Eindrücken. Ich finde, dieses Buch unterscheidet sich von den anderen. Preusker hält sich mit Infos über die Arbeit an sich eher zurück, ihr Anliegen ist ein anderes. Bausch und Keppler schreiben einige Anekdoten, kritisieren zwar auch aber doch auf deutlich anderer Ebene. Was Dabrowski unterscheidet: er ist nicht mehr im Vollzug tätig. Und als er tätig war, war sein Arbeitgeber nicht das Ministerium sondern die Kirche. Somit muss er weniger um die Konsequenzen fürchten, und das merkt man seinem Buch sehr deutlich an. 

Er spricht respektvoll und freundlich über die Klienten, die Sorge um seine Schäfchen ist auf jeder Seite spürbar, auch seine Rolle als Seelsorger wird auf jeder Seite deutlich. Auch liest sich eindeutig, dass ihm die Tätigkeit Freude bereitete und er diese Arbeit gern machte. Trotzdem schwingt sehr viel Frust mit. Nicht nur zwischen den Zeilen, sondern sehr direkt. So schreibt er etwa "Wannimmer ich es vermeiden konnte, verbarg ich meine Präsenz, um keine neuen und unstillbaren Bedürfnisse zu wecken. Ich mied die Freistundenhöfe während der Freistunden fast komplett, um nicht ständig angemahnt zu werden "wann holen sie mich denn"". 

Er schreibt davon, wie er den Menschen vertraute und trotzdem immer wieder über den Tisch gezogen und ausgenutzt wurde, er daraufhin immer konsequenter und strenger wurde und sich stellenweise zurückzog. Er schreibt, dass die Arbeit im Gefängnis befristet sein sollte, da die Gitter im Kopf irgendwann zu groß werden und ein Mitarbeiter nicht mehr knastfähig ist. Auch schreibt er, dass seiner Ansicht nach die Zahl der nicht Integrierbaren und der psychisch Gestörten im Vollzug immer größer wird, sodass das Arbeiten sehr erschwert wird. Er beschreibt, welchen Seelenmüll er sich aufladen musste und welche Last die Schweigepflicht eines Kirchenmannes sein kann, wenn ein Mensch mit Suizid droht: bringt der Betroffene sich um, wird das Justizsystem ihn verklagen, denn er hätte es verhindern können. Bricht er die Schweigepflicht, wird er von der Kirche aus dem Beruf ausgenommen, da er die oberste Regel verstoßen hat. Aber zusehen, wie ein Mensch sich suizidiert?

Ziemlich skurril und ungewöhnlich sind seine Geschichten, etwa wenn Prostituierte sich als vermeintliche Lebensgefährtin einen Sonderbesuch erhalten, oder wenn eine Mutter ihren erwachsenen Sohn vor den Augen des Pfarrers stillt, oder wenn er als unwissentlicher Drogenkurier auftreten soll. 

Dabrowski zeigt in seinem Buch deutlich, warum Seelsorge bzw kirchliche und soziale Arbeit in diesem System Strafvollzug sehr schwer umzusetzen ist, er zeigt die Grenzen realistisch und nachvollziehbar auf. Er beschreibt, wie der Strafvollzug als Instrument der Resozialisierung zu ebendieser nicht fähig ist sondern stattdessen einen Inhaftierten entwurzelt, ihm alles nimmt und dann mit leeren Händen hinaus ins Nichts schickt, Rückfall vorprogrammiert. 

Wer das Buch als Außenstehender liest, der wird sich wohl eher an den Anekdoten erfreuen, denn Dabrowski schreibt anschaulich und sehr unterhaltsam. Wer das Buch als Betroffener liest (gleich, ob Inhaftierter, Angehöriger oder Mitarbeiter), der wird vermutlich eher traurig mit dem Kopf schütteln und sagen "endlich spricht es mal jemand aus". Dadurch hebt sich VERKNACKT - VERGITTERT - VERGESSEN deutlich von den anderen Erfahrungsbüchern dieser Art ab, und ich finde es gut, dass es auf diese Weise ein Gegengewicht ist und den Knast mal von seiner weniger schönen Seite zeigt. Aber damit wird er vermutlich weniger erfolgreich sein als die geläuterten schwarzen Schafe oder die humorvoll über witzige Gefangene schreibenden Ärzte. 

Von meiner Seite jedenfalls eine klare Empfehlung. Denn das Buch liest sich unterhaltsam, zeigt aber deutlich die Grenzen der Arbeit in einem System, das leider so einige Mängel aufweist ...  

SaschaSalamander 16.11.2015, 08.39

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