SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Vier Seiten für ein Halleluja

Geschrieben vor zwei oder drei Wochen, auch dieser Beitrag liest sich für mich etwas hölzern, aber manchmal fließt der Text eben nicht. Der Inhalt war mir trotzdem wichtig zu teilen. Hier also meine Gedanken:

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VIER SEITEN FÜR EIN HALLELUJA von von Hans Peter Roentgen ist ein Schreibratgeber der ziemlich ungewöhnlichen Art. Während andere Titel schreiben, wie man Stil verbessert, den perfekten Plot aufbaut, Charaktere entwickelt, Adverbien ausmerzt, Füllwörter vermeidet und sich einen ungewöhnlichen mitreißenden Konflikt ausdenkt, zieht Roentgen es von der anderen Seite auf: er hat die ersten Seiten verschiedener Texte genommen und diese analysiert. 

Denn wenn ein Autor seinen Text an den Verlag schickt, sind es ebenfalls nur die ersten drei, vier Seiten (wenn überhaupt), die ein Lektor prüft, bevor er sich entscheidet, ob es einen weiteren Blick wert ist oder in der Tonne landet. Ich habe selbst schon oft die Erfahrung gemacht, dass ich auf den ersten Seiten sehen konnte, ob das Buch für mich taugt oder nicht. Ein Autor kann oft nicht aus seiner Haut, und typische Fehler ziehen sich eben durch das gesamte Buch, beginnend bei der ersten Seite. 

Es ist für niemanden leicht, den eigenen Text zu analysieren. Für eigenen Text ist man eben betriebsblind, ob man will oder nicht. Daher ist es schwierig, wenn viele Schreibratgeber fordern, eigene Texte zu überarbeiten und zu überprüfen. Roentgen gibt dem Leser statt dessen die Möglichkeit, mit fremden Texten zu arbeiten. 

Die Texte sind in Stil und Inhalt sehr unterschiedlich. Manche von ihnen sind so katastrophal, dass man schon nach drei oder vier Sätzen das Lesen abbrechen möchte, andere sind so gut, dass man sich fragt, was Roentgen nun womöglich bemängeln könnte. Aber was ein echter Kritiker ist, der findet immer ein Haar in der Suppe ;-)

Es geht Roentgen weniger darum, stilistische Dinge zu bemängeln, dafür gibt es andere Ratgeber. Ihm geht es wirklich darum, die Schwächen des Textes klarzustellen. So schreibt er beispielsweise nicht, dass es sich um Infodump handelt, sondern er erklärt anhand des Beispieles, welche Informationen notwendig sind, welche nicht, und wie man die wichtigen Dinge gut verpacken könnte. Er bemängelt nicht einfach die Perspektive sondern beschreibt, welche anhand des Inhalt des Textes am besten geeignet wäre, was sie bewirkt, was man dafür ändern muss. Die Aufgabe des Lesers ist es dann, den fremden Text entsprechend zu überarbeiten. 

Und so geht Roentgen bei allen Texten vor: Die Kritiken und Anmerkungen, die er bringt, sind niemals abwertend, zeigen einfach nur, wie man es besser machen kann. Wie man aus einem an sich schwachen Text auch noch das Letzte herausholen kann, um ihn aufzufrischen, interessant zu machen. Wie man einen guten Text NOCH besser macht.

Man könnte bemängeln, dass es stellenweise ein wenig chaotisch zugeht, die Kapitel empfinde ich nicht wirklich sortiert, auch ist kein klarer Aufbau zu erkennen, manche Kritikpunkte wiederholen sich, andere werden weniger ausführlich besprochen. Andererseits sehe ich das auch als Vorteil des Buches. Es hebt sich bewusst von starren Formen und Regeln ab, beleuchtet einfach im Hier und Jetzt den aktuellen Text. Dabei betont Roentgen stets, dass dies nur ein Gedanke ist, der auch anders umgesetzt werden könnte, dass seine Lösung nicht der einzig richtige Weg ist (und ich gebe zu, ich hätte es oft anders gemacht. Fand sein Ergebnis zwar oft besser aber hätte auch daran noch gekrittelt, was er aber in jedem Moment auch zulässt). Gewürzt mit einer Prise Selbstironie und einem angenehmen Humor liest sich das Buch sehr flüssig, so gar nicht wie ein tiefschürfender Ratgeber. Und doch kann der Leser für sich, seine eigenen Texte viel herausziehen. Der Sprung von fremden Texten zu den eigenen ist gar nicht mehr so groß, wie er anfangs scheint ... 

SaschaSalamander 05.12.2013, 08.43

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