SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Zurück aus der Hölle

Sascha Bisley, im Netz bekannt als Blogger des >Dortmund-Diary<. Er erlebte und praktizierte von früher Kindheit an Gewalt, die in einer schrecklichen Tat gipfelte: mit einem Kumpel verprügelte er einen Obdachlosen so schwer, dass er nur wie durch ein Wunder überlebte aber schwer gezeichnet war von den Tritten und Schlägen. Sascha kam ein Jahr in Untersuchungshaft, ließ nach der Haft sein altes Leben hinter sich. Er hält seitdem Vorträge in Gefängnissen, Schulen, er erreicht gewaltbereits Kids dort, wo klassische Sozialarbeiter inzwischen versagen.


Das Buch erzählt seinen Werdegang. Es ist auf mehreren Zeitebenen erzählt. Einmal die Handlung, wie es zu der Tat kam, wie er ins Gefängnis einfuhr und wie es ihm in Unfreiheit erging. Dazwischen gibt es immer wieder Rückblicke in seine Kindheit inmitten der Familie, sein Verhältnis zu den Geschwistern und Eltern. Szenen aus der Schule, Momente mit Kumpels, erste Straftaten. Sein Abstieg in die Drogenszene, zu den Rockern, in eine Hooligan-Clique.

Sein Sprachstil ist nichts für Zartebesaitete, die beim kleinsten vulgären Wort sofort erröten, und das macht das Buch authentisch. Er redet nicht um den heißen Brei, sondern er spricht klar aus, wie er dachte, was er fühlte, was er erlebte. Von seinem Suizidversuch, vom Tattag, vom Missbrauch der Mädchen, wie er einen Jungen beinahe ertränkte, von der Härte im Knast, von seinen Drogenerfahrungen. Manche Dinge lassen sich eben nicht schönreden.

Gelegentlich musste ich das Buch pausieren, weil er Gewalt, Drogen, Sex, Vergewaltigung sehr plastisch darstellt. Dabei merkt man dennoch eines sehr deutlich: er erzählte diese Dinge nicht, um Lesern Futter für ihren Voyeurismus zu bieten. Sein Ziel ist es vielmehr, ein Bild zu vermitteln, wie es dazu kam und was ihn bewegte. Er will zeigen, wo die Gefahren für Jugendliche liegen, was den Reiz ausmacht. Es ist deutlich zu spüren, was ihn dazu bewog und warum er diese Dinge tat. Trotzdem reitet er nicht auf der Mitleidswelle "die Kindheit war schuld, die Gesellschaft ist schuld, ich kann nichts dafür". Er übernimmt volle Verantwortung für sein Handel. Stellenweise wirkt das Buch auch wie eine Katharsis, in der er sich endlich seine Vergangenheit von der Seele schreibt. Er bettelt nicht um vergebung an, denn das Opfer hat ihm bereits vergeben (ein äußert bewegender Moment im Buch), und nun möchte er seine Erfahrungen teilen, um andere Jugendliche vor ähnlichen Lebensläufen zu bewahren.

Das Buch bietet einerseits einen sehr interessanten Einblick in den typischen Knastalltag aus Sicht eines Inhaftierten, andererseits die spannende Biographie eines ungewöhnlichen Menschen. Abgesehen davon, dass man aufgrund der Härte gelegentlich pausieren muss, liest es sich sehr flüssig, man möchte es nicht mehr aus der Hand legen.

Die Knäste sind voll von ziellosen jungen Männern, und er kann ihnen ein Ziel, eine Perspektive geben. Ich wünsche mir, dass er noch viele Vorträge hält, viele Menschen erreicht und seine Fähigkeit als Autor, Erzähler und charismatischer Mensch so aktiv einsetzt.

SaschaSalamander 13.11.2015, 08.46

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