SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Anständig essen

Karen Duve hat vor einiger Zeit einen Selbstversuch gestartet. Angeregt durch eine Freundin begann sie sich damit zu befassen, wie man sich im ethischen Sinne "anständig" ernähren kann. Dafür hat sie angefangen mit Bio, ist über das Vegetarische zum Veganen, und am Ende testet sie die frugane Ernährung. Welche Erfahrungen sie dabei gemacht hat, wie es ihr ging, was sie dabei herausfand, das teilt sie in ihrem Buch. 

Während viele Sachbücher mit trockenen Fakten daherkommen und die Gewalt an Tieren möglichst blutig und brutal darstellen um zu schockieren, geht Duve das Thema erfrischend menschlich an. Sie liebt ihre Hähnchenpfanne, möchte ungern verzichten, und ohne Cola geht erstmal gar nichts. Als sie allerdings immer mehr "hinter die Kulissen" blickt und sich mit dem Thema der Fleischproduktion und Tierhaltung befasst, wird ihr so einiges klar. Und auch die geliebte Cola schmeckt plötzlich nicht mehr ... 

Während sie immer mehr erfährt, geht viel in ihr vor, es macht sie wütend, sie tritt vor Frust auch mal gegen den Kühlschrank oder redet ihrer vegetarischen Freundin ein schlechtes Gewissen ein, einfach um sich selbst besser zu fühlen. Sie verhält sich nicht immer fair und korrekt. Auch ihre Art der Umstellung und die Wegwerfmentalität stoßen mir gelegentlich auf. Das ist nicht okay, aber wie gesagt absolut menschlich, und gerade das macht das Buch sympathisch. Es zeigt, dass Biokäufer, Vegetarier, Veganer oder Fruganer keine "besseren Menschen" sind und mit ihren eigenen Schwächen ebenso zu kämpfen haben wie Fleischesser. 

Sie geht auch auf ihren Alltag ein. Auf den kranken Hund, auf ihr Maultier, die Hühner, die Katzen, auf ihre Tätigkeit als Autorin. Durch den Vergleich der Käfighühner zu ihrem Haustier-Huhn wird manches wesentlich drastischer, als Zahlen oder Fakten es darstellen könnten. Auch die Gegenüberstellung von Nutztier und Haustier wird sehr deutlich gezeichnet, ohne dass die Autorin es wörtlich ansprechen muss. 

Auf viele Aspekte geht sie nicht ein, zum Beispiel wie ihr Ernährungsplan konkret aussieht oder gar einzelne Rezepte. Auch Dinge wie Klima, Plastik, Regionalität, Nahrungsergänzung und Nährstoffe werden nicht näher behandelt. Das ist okay, denn es ist wie gesagt ein Buch über ihre persönlichen Erfahrungen. Jeder macht seine eigenen Erfahrungen und legt Wert auf andere Aspekte, daher finde ich das absolut okay, mir haben diese Punkte im Buch nicht gefehlt. Wer konkrete Informationen will, sollte besser zu einem Sachbuch greifen.

Sehr schön finde ich im Gegenzug, was hier beschrieben wird und andere Bücher nie beschreiben: den Prozess des inneren Wandels. Fleischesser werden nachvollziehen können, was in ihr vorging und vielleicht sogar angeregt, selbst etwas zu ändern. Pflanzenköstler gleichwelcher Coleur werden sich in diesem Prozess wiederfinden: Die Wut darüber, dass solche Methoden erlaubt und zulässig sind. Das plötzlich Sich-Selbst-Infrage-Stellen, die Mischung aus Scham, Wut, Hilflosigkeit, teilweise auch Verleugnung und Nicht-Wahrhaben-Wollen. 

Wie kann etwas, das so lecker schmeckt, so falsch sein? Warum erzählt man überall, wie notwendig Milch ist, wenn doch Länder ohne Milchkonsum weniger Osteoporose haben und trotzdem nicht an Calciummangel leiden? Warum ist es zulässig, dass selbst bei Bioproduktion noch immer an die fünf Hühner auf einer hasenstallgroßen Fläche sich gegenseitig qualvoll mit ihren gekürzten Schnäbel blutig hacken und kein Gefieder mehr tragen? Kann all das, was man jahrzehntelang verinnerlicht hat, wirklich so falsch sein? Oder biegen Veganer sich ihre Argumente nur zurecht?

In ihrem Stil ist die Autorin sehr direkt, schreibt was Ihr durch den Kopf geht, der ihr eigene Humor über die Tücken des Alltags kommt auch in diesem Buch zur Geltung, macht das an sich ernste Thema etwas erträglicher, ohne es dabei abzuschwächen. 

Es ist eines der Bücher, die man sehr gut empfehlen kann. Ein zweites Mal lesen werde ich es nicht, es war unterhaltsam, auch weil es mal die emotionale Seite der Umstellung zeigt statt nur die Fakten. Trotzdem werde ich das Buch behalten, auch um es an Freunde zu leihen. Denn was die Autorin schreibt, ist wichtig. ANSTÄNDIG ESSEN ist ein Titel, der den Leser wirklich "dort abholt, wo er steht", und das halte ich bei diesem Thema sehr wichtig. Jeder kann sich darin wiederfinden, ob Fleischesser oder Pflanzenköstler, und die Identifikation mit der Autorin ist hoch, sodass beim Lesen zwangsläufig das eigene Hinterfragen beginnt. 

Absoluter Tip für alle, die zwar wissen, dass Strom nicht aus der Steckdose kommt, aber immer noch glauben, dass Kühe vom Biohof glücklich auf der Weide grasen ... 


SaschaSalamander 08.04.2014, 08.44

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Susi

Dein letzter Satz gefiel mir an der Beschreibung am besten :).
Es gibt nämlich Leute, die loben das Buch wie die Bibel - und versuchen wieder zu bekehren.

Rezepte wären evtl. interessant gewesen, aber die gibts ja schon zu Hauf im Netz.

Was aber interessant ist - es fällt schwer ein Gutmensch zu werden - so sehr man sich auch anstrengt. Und irgendjemand wird immer was zu meckern haben, egal welche Form der Ernährung und des Lebens man wählt.

vom 08.04.2014, 11.37
Antwort von SaschaSalamander:

Ich finde, Bekehren ist total falsch ... wie Du sagst, man kann es gar nicht so machen, dass niemand was zu Meckern hat, und wenn man ehrlich ist, gibt es viele Stolperfallen, man KANN gar nicht alle berücksichtigen ... oft, wenn man Punkt A berücksichtigt, muss man zwangsläufig Punkt B vernachlässigen *seufz* ... wer nicht alleine als Selbstversorger in seinem eigenen kleinen Hüttchen im Wald lebt (aus Totholz gebaut ohne den Wald zu roden), der hat gar keine Wahl als immer wieder irgendwo rücksichtslos sein zu müssen, selbst wenn er es vermeiden möchte :(

(da kann man sich das noch so schön reden)

Lassen wir die Leute einfach reden ... und wählen den Weg, der mit unserem Gewissen am besten vereinbar ist. Denn außer für sich selbst ist man niemandem Rechenschaft schuldig ...

1. von Moami Katzenwölfin

Hallo liebe Sarah!

Ich habe das Buch damals für ein Referat in der Schule gelesen. Diese Lektüre hat zusammen mit "Tiere essen" dafür gesorgt, dass ich keinen Bissen Fleisch oder Fisch oder Gelatine mehr herunter bekam. Ich überlege schon länger, mich vegan zu ernähren, kann mich aber (noch) nicht durchringen. Aber ich habe auf tierversuchsfreie Kosmetik etc. umgestellt und viel Neues gelernt.
Das Buch ist wirklich klasse. Danke für dein Review!

PS: Ich möchte auf meinem Blog auch bald Bücher rezensieren. Hast du Tipps was ich beachten sollte?

Liebe Grüße,
Moami Katzenwölfin

vom 08.04.2014, 10.43
Antwort von SaschaSalamander:

ja, bei diesem Buch kann einem manchmal ganz schön anders werden, das habe ich schon von vielen gehört und ging mir auch so ...

wg der anderen Dinge - werd noch mailen :-)



 






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