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Dustland 01 - Die Entführung

young_dustland_1.jpgINHALT

Saba lebt mit ihrer Familie abgelegen in der Wüste, als eines Tages Reiter kommen, ihren Vater töten und den Bruder entführen. Ihren Bruder Lugh, ihr Ein und Alles. Also gibt es für Saba nur eine Möglichkeit: sie muss sich auf den Weg machen und Lugh finden. Im Schlepptau hat sie ihre kleine Schwester, mit der sie kaum etwas anfangen kann, und immer wieder stellen sich ihr lästige bis sogar tödliche Hindernisse in den Weg. Sie findet auch Verbündete, die ihr bei der Befreiung des Bruders helfen wollen. Doch wem kann Saba überhaupt trauen?


RÜCKBLICKEND

Ein Buch, das mir sehr gut gefallen hat und das ich dank meiner Lieblingssprecherin Laura Maire so flüssig gehört habe wie schon lange kein Hörbuch mehr. Es ist rund zwei Wochen her, dass ich das Buch beendet habe. Manche Titel bleiben sehr lange im Gedächtnis, und noch nach vielen Monaten könnte ich die Rezension schreiben, als wäre es gestern gewesen. Bei anderen Büchern habe ich schon nach wenigen Tagen Probleme, meine Gedanken zusammenzufassen. In diesem Fall ist zwar ein sehr gutes Gefühl geblieben, doch ohne die direkt nach dem Lesen geschriebenen Notizen wäre es mir wohl nun eher schwergefallen. Dies liegt wohl an den Schwächen des Buches, auf die ich nachher noch eingehen werde. Schade, denn im Grunde hat DUSTLAND mich sehr begeistert, und ich freue mich schon auf die Fortsetzung. Aber es fehlt ein klein wenig "das gewisse Etwas", um es zu etwas Besonderem zu machen. Ein Buch, das volle Punktzahl bekommt, muss in mir "nachklingen", und das ist das einzige, was ich an DUSTLAND zu bemängeln habe: es klingt nicht nach in mir.


CHARAKTERE UND CHARAKTERENTWICKLUNG

Die Heldin Saba ist stark, mutig und charismatisch. Dies zu ihren guten Eigenschaften. Aber sie ist auch sehr egoistisch, unsozial und stur. Die Meinung anderer kümmert sie sehr wenig, und sogar zu ihrer eigenen kleinen Schwester ist sie anfangs rau und kalt. Einzig Lugh ist ihre Bezugsperson. In allem erwartet sie Angriff und Bosheit, kann sich nicht auf andere Menschen einlassen. Einerseits ist das verständlich, andererseits finde ich diesen Charakterzug auf Dauer sehr anstrengend.

Doch zum Glück zieht sich dies nicht bis zum Ende: die Charakterentwicklung in diesem Buch ist eine der großen Stärken. Saba und die anderen Beteiligten erfahren viele Dinge, die ihr Leben verändern. Diese Veränderungen geschehen nicht von heute auf morgen, sondern sie sind schrittweise langsam zu erahnen und werden erst nach und nach sichtbar. Besonders in der Beziehung zwischen Saba und ihrem Freund (nein, kein Spoiler, schon bei der ersten Begegnung spürt der Leser sofort, worauf es hinauslaufen wird) ist dies deutlich erkennbar. Während in anderen Büchern erst Abneigung herrscht und dann wie durch ein Wunder ein einzelnes Ereignis oder scheinbar über Nacht plötzlich Liebe entsteht (wie glaubwürdig *haha*), ist es hier wirklich ein langfristiger Prozess, in dem die beiden Protagonisten sich vorsichtig näherkommen, immer wieder kleine Rückschritte erleben und sich erst vorsichtig annähern müssen. Das Kribbeln zwischen den beiden ist spürbar und sehr angenehm, ist erfreulicherweise frei von Kitsch und Schmalz und vermag doch zu berühren.

Auch die Nebenfiguren sind sehr schön dargestellt. Je nach der Bedeutung für ihre Geschichte erhalten sie mehr oder weniger Gewicht.


SPRACHE, HÖRBUCH

Da ich das Hörbuch gehört habe, kann ich zur Sprache im Buch nichts sagen. Jedoch habe ich anderen Berichten entnommen, dass wohl auf Anführungszeichen verzichtet wird und sehr viel Umgangssprache geschrieben wird. Im Hörbuch fällt dies natürlich nicht auf. Was im Hörbuch jedoch auffällt, sind grammatikalische Patzer, die in einem normalen Buch ein NoGo wären, hier jedoch beabsichtigt sind. Trotzdem zuckte ich jedes Mal zusammen, wenn der Genitiv wieder einmal mit "vom" gebildet wurde oder dem Wörtchen "wegen" ein Akkusativ folgte. Diese beiden schmerzhaften Formulierungen gibt es sehr oft, hier und da fallen noch weitere Dinge auf, die jedoch dank Laura Maires angenehmer Erzählstimme und des flüssigen Vortrages kaum ins Gewicht fallen. Wer also Probleme mit der Schriftsprache in DUSTLAND hat, dem kann ich ganz klar das Hörbuch empfehlen

Laura Maire spricht wie gewohnt hervorragend. Für mich persönlich ist sie unter den Frauen das Gegenstück zu Rufus Beck. Natürlich kann sie ihre Stimme nicht ganz so extrem verstellen, aber sie legt ebensoviel Emotion und Subtext. Sie spricht nicht nur mit Worten, sondern auch mit Stimmungen, Betonungen, man hört den Sätzen an, dass hinter den Worten sehr viel mehr liegt als nur der ausgesprochene Sinn. Sie weint, lacht, tobt, schreit, fleht, beschimpft, bedroht und lässt die breite Palette ihres Könnens erleben. Die Figuren werden für den Hörer lebendig, ob nun das kleine Mädchen, die junge Frau, die erwachsene Kämpferin, der unter dem Pantoffel stehende Narr, das hinterhältige Weib, der arrogante Herrscher, der stolze Einzelkämpfer oder viele andere Personen, denen Laura eine eigene Persönlichkeit verleiht.


SCHWÄCHE DES BUCHES

Was ich sehr schade finde: es werden kaum Hintergründe erklärt. Das Buch ist klar eine Dystopie, schwimmt also auf der Welle von Titeln wie TRIBUTE VON PANEM und Co. Ich liebe dieses Genre, besonders weil Autoren sich kreativ mit möglichen Zukunftsvisionen auseinandersetzen und dabei realistische Bilder entwerfen von einem "was könnte sein". Hier allerdings bleibt dieser Aspekt sehr flach. Zwar gibt es immer wieder Andeutungen auf die Abwracker (das sind wohl wir, mit unserem "Technokram" und unseren Müllbergen), aber dabei bleibt es dann. Wie es dazu kam, warum die Welt des Buches so trostlos und leer ist, und welche gesellschaftlichen Strukturen sich daraus gebildet haben, das bleibt leider sehr blass. Es wirkt, als hätte die Autorin einfach eine nette Kulisse gesucht, ohne den Hintergrund hierfür auszumalen. Wäre es ein Manga, würde ich sagen, dass die Charaktere und Story toll sind, die Zeichnungen aber Details vermissen lassen, sodass alles etwas leer wirkt.


FAZIT

Das Buch ist eine Reihe, der erste Teil ist in sich sehr gut geschlossen, und man fiebert nun nicht mit einem fiesen Cliffhanger auf den nächsten Band. Trotzdem freue ich mich auf die Fortsetzung. Denn ich hoffe vor allem auf erklärende Hintergründe, die mir die Welt Sabas näherbringen und der Geschichte dadurch den Tiefgang verleihen, den sie eigentlich verdient hätte. Doch ohne diese Hintergründe ist es leider nur eine spannende Geschichte, die mich zwar grandios unterhalten, nicht jedoch komplett überzeugt hat. 

SaraSalamander 03.02.2012, 15.30 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Retrum

miralles_retrum_1.jpgINHALT

Christian verliert bei einem tragischen Unfall seinen älteren Bruder. Die Familie zerbricht, und nun lebt Christian bei seinem Vater. Eingeengt von der sorgenden Kontrolle des Vaters, erschöpft von der unverarbeiteten Trauer, todessehnsüchtig und des Lebens überdrüssig, und doch ein Jugendlicher mit Hoffnung und Lebenswille. Und da trifft er auf die Gruppe RETRUM, bestehend aus zwei Mädchen und einem Jungen, freundet sich mit ihnen an und wird nun zum Mitglied des "Ordens der Blassen". Sie treffen sich nachts auf dem Friedhof, tragen dunkle Gewänder. Tagsüber verbindet sie nur wenig. Doch Christian verliebt sich in eines der beiden Mädchen. Und dann ist da noch seine attraktive Klassenkameradin. Bei einem Urlaub mit RETRUM passiert etwas Schreckliches, das Christians Leben für immer verändern wird ...


GENRE

Das Buch wird als Thriller vermarktet, was ich nicht nachvollziehen kann. Ja, nach der Hälfte geschieht etwas, das den Begriff Thriller an sich rechtfertigt. Doch zum einen ist da das halbe Buch bereits eher gemächlich vergangen, und zum anderen bleibt der Erzählstil dennoch ruhig, fließend, erzählend statt spannend und thrillergerecht. Für einen Bildungsroman ist die erzählte Zeit wohl zu kurz, ansonsten fände ich diesen Begriff recht geeignet hierfür. Es wird sehr viel über Christian, seine Erlebnisse und die daraus resultierende Entwicklung erzählt. Der Junge muss seine Identität finden und sich klar werden, was er eigentlich möchte und was ihn vorantreibt. Er erkennt, dass Liebe nicht immer einfach ist und wie er mit Trauer umgehen kann ohne den Tod herbeizusehnen. RETRUM beleuchtet eine wichtige Episode seines Lebens, die ihn verändert und prägt.


CHARAKTERE

Leider finde ich die Charaktere alle etwas flach. Sogar der Protagonist bleibt an vielen Stellen undurchsichtig. Es stört mich nicht, wenn ein Charakter anders handelt als mein Logikempfinden dies verlangt, doch ich wünsche mir, dass der Autor mir dies nachvollziehbar beschreiben kann. Was hier leider nicht der Fall ist. Einige Male habe ich nur mit dem Kopf geschüttelt und mich gefragt, weshalb der Autor wichtige Punkte bei den Entscheidungen unbeachtet ließ. Warum die wichtigsten Dinge völlig außer Acht gelassen wurden.

Die Nebencharaktere bleiben weitgehend undeutlich. Sogar Alexia und Alba, die zwei Mädchen, die in seinem Leben eine große Rolle spielen, nehmen im Buch nur unbedeutende Nebenschauplätze ein. Man erfährt kaum etwas über sie, sie bleiben durchgehend blass. Von Christians Vater und den beiden anderen Mitgliedern Retrums sowie einem befreundetem Maler ganz zu schweigen (dessen Rolle am Ende ich zudem ziemlich "aus dem Hut gezogen" fand).

Schade, denn gerne hätte ich mehr über die Personen erfahren, mich in ihre Welt ziehen lassen und mit Christian gelitten. So jedoch hat mich das Schicksal der Einzelnen, ja nicht einmal ein tragischer Tod, sonderlich berührt.


ERZÄHLWEISE, AUFBAU

Die Erzählung beginnt sehr ruhig, angenehm fließend. Das Buch liest sich sehr flüssig. Auch, wenn bis zur Hälfte keine Spannung auftritt, ist man trotzdem schnell im Buch drin und verfolgt gerne das Erleben von Christian. Es muss nicht actionreich sein, auch gut erzählte Worte wissen zu überzeugen. Nachdem es dann im zweiten Teil bezüglich der Handlung an Spannung zunimmt, bleibt die Erzählweise dennoch ebenso ruhig. In meinen Augen zieht es sich ab diesem Moment sogar: denn mir war vom ersten Moment an klar, wer bzw was dahinterstecken muss, es deutete alles darauf hin. Dennoch dauerte es noch knapp eine CD, bis dann die "Auflösung" erfolgte und alles andere als überraschend war. Warum jedoch die Polizei nichts dazu beigetragen hatte und diese simple Tatsache nicht erkannt hatte, und warum trotz der gefährlichen Bedrohung Christian nicht mehr mit der Polizei zu tun hatte, das verstehe ich nicht.

Es zieht sich gegen Ende, denn man weiß, wer der Täter ist und was dahintersteckt. Doch Christian kommt nicht dahinter, bis er dann mit der Nase daraufgestoßen wird auf eine Weise, wo ich mir erneut dachte "na, das hätte man aber auch früher sagen können". Der Anfang der dritten CD fiel mir recht schwer, bis es gegen Ende dann wieder anzog und in zwei, drei Tracks dann abrupt beendet war. Zack, Ende, Aus, und jetzt ist es vorbei, man könnte zwar noch ein paar Sachen ergänzen zum Schluss, es abrunden, aber da kam nichts mehr.


HÖRBUCH

Ein weiteres Problem: das Hörbuch scheint mir sehr abgehackt. Ob dies an den Kürzungen liegt, um es auf 3 CDs zu bringen, oder ob der Autor tatsächlich so große Zeitsprünge macht, das vermag ich nicht zu beurteilen. Aber immer wieder habe ich einen Track zurückgespult, weil ich dachte, dass ich irgend etwas Wichtiges verpasst hätte. Da arbeitet Christian noch in den Sommerferien, um Geld für seinen Urlaub zu verdienen, und wenige Sekunden später ist er schon fröhlich im Ausland auf einem Friedhof. Er findet seine Klassenkameradin nett und mehr nicht, und zack auf einmal ist sie attraktiv und anziehend. Da trifft er Retrum, trifft sie nach vielen Monaten wieder und die Zeit dazwischen wird einfach verschluckt. Mag sein, dass der Autor die entsprechenden Szenen als unwichtig erachtet, aber man sollte sie dennoch erwähnen, damit er Leser sich nicht so überrumpelt fühlt. Und falls es am Hörbuch liegt, hätte man etwas geschickter kürzen müssen oder in den sauren Apfel beißen und 4 CDs daraus machen.

Das Booklet beinhaltet eine Tracklist der Lieder, die Alexia für Christian auf Kassette aufgenommen hat. Tolle Idee. Leider der einzige Bonus. Ich freue mich immer über ausführliche Booklets mit ein wenig Hintergrundinfo. Nun gut, aber das ist kein Bewertungskriterium für die Qualität des Buches an sich.

Was ich positiv hervorheben möchte ist der Sprecher Robert Köhler. Es war das erste Mal, dass ich ihn hörte, und er hat mich schon von Beginn an überzeugt. Er passt hervorragend zur Rolle des melancholischen Protagonisten. Und auch sonst hat er eine äußerst angenehme Stimme, eine sehr gute Betonung. Seine Sprachmelodie, der Rhythmus, die Stimme, das fließt angenehm ins Ohr und schmeichelt besonders den weiblichen Hörern. Sehr gerne möchte ich mehr von ihm hören!


FAZIT

Die Geschichte hätte Potential zu mehr. Die Handlung ist im Kern spannend, und Christians Erleben trifft den Nerv vieler Jugendlicher und junger Erwachsener. Ich finde es sehr gut, dass hier auch eher ernste Themen aufgegriffen werden. Der Sprecher macht das Buch zu einem Genuss, auch wenn die Handlung stellenweise ein wenig krankt. Schlecht ist das Buch auf keinen Fall. Aber wirklich gut ist dann doch etwas anderes. Nettes Mittelmaß, keine Top-Empfehlung, aber davon abraten möchte ich auch nicht. Am besten einfach mal reinhören und sich eine eigene Meinung bilden :-)

SaraSalamander 28.01.2012, 09.43 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Die Insel der besonderen Kinder

riggs_insel_1.jpgDurch Werbung und Blogger stieß ich auf die INSEL DER BESONDEREN KINDER. Was ich in der Werbung nicht erfuhr, war die angedachte Fortsetzung. Davon erfuhr ich nur von anderen Rezensenten, meine Meinung zu dieser Vermarktungsstrategie habe ich ja schon oft genug hier kundgetan und werde sie mir aktuell nun tunlichst verkneifen und statt dessen gleich zum Wesentlichen kommen.

Jacob Portman hört als Kind von seinem Großvater spannende Geschichten von dem Heim, in welchem dieser früher lebte. Getarnt als Waisenhaus, in Wirklichkeit jedoch ein Zufluchtsort für Kinder mit besonderen Fähigkeiten. So etwa ein Mädchen, das Feuer kontrollieren kann, ein Geschwisterpaar kann Felsen stemmen, ein Junge vermag Leben zu nehmen und geben, ein anderes Mädchen kann schweben und derlei fantastische Dinge mehr. Natürlich wird Jacob älter und begreift immer mehr, dass die Erzählungen des Großvaters Metaphern waren, um seine Zeit als Kriegswaise zu verarbeiten. Doch eines Tages stirbt der Großvater, und Jacob hat ein Erlebnis, nach dem er an seinem Verstand zu zweifeln beginnt. Sind die alten Geschichten wirklich wahr?

Dies ist die Einleitung, und hier beginnt die eigentliche Geschichte. Unnötig zu erwähnen, dass die Geschichte natürlich wahr ist, sonst gäbe es das Buch nicht. Doch was dahintersteckt und wie sich dies auf Jacob auswirkt, das möchte ich nicht vorweggreifen. Nur soviel: im Zuge seiner Therapie will er sich nun endlich auf die Spuren seines Großvaters begeben und sucht die Insel auf. Doch vorerst findet er dort nur eine zerbombte Ruine ...

DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER hat mich begeistert und fasziniert. Die Themen des Buches (aufgrund Spoiler benenne ich sie hier nicht) wurden für sich betrachtet schon sehr oft verarbeitet, in dieser form jedoch habe ich es noch nicht gelesen, und ich danke jedem Autor für kreative Ideen. Ungewöhnlich ist auch die Aufmachung des Buches: gleich dem Cover sind inmitten des Buches ganzseitige Fotos um die Zeit von 1940, die die alte Insel vor dem Auge des Lesers lebendig werden lassen. Es ist toll, wie Riggs die Geschichte und die (originalen, aus verschiedenen Sammlungen zusammengetragenen) die Originale zu einem Gesamtwerk verknüpft, das verleiht der Geschichte eine dichte Atmosphäre. Gruslig im Sinne von Horror ist das Buch nicht, aber einige Male bekam ich doch eine Gänsehaut, so stimmungsvoll ist die Handlung erzählt, so unheimlich und perfekt platziert sind die Fotos.

Der Erzählstil ist schmucklos und einfach, sehr angenehm. Jakob fungiert als Ich-Erzähler und beschreibt in schlichten Worten den Ablauf, ohne sich in unnötigen Details zu ergehen. Dadurch verschenkt der Autor leider die Möglichkeit, einzelnen Protagonisten etwas mehr Tiefe zu verleihen. Jakob trifft auf sehr viele Charaktere, und es ist angenehm, dass das Buch dennoch nicht auf unzählige Seiten aufgebläht wurde, sodass man die mangelnde Charaktertiefe verschmerzen kann. Da der Autor bereits an einer Fortsetzung arbeitet, gehe ich zudem davon aus, dass die wichtigsten Kinder im Laufe der Folgebände noch mehr Raum für ihre Darstellung erhalten werden.

Mit diesem Buch hat Riggs eine eigene kleine Welt erschaffen, unbemerkt von der unseren, mit eigenen Naturgesetzen und Wesen, und natürlich gibt es auch schaurige Feinde. Die erste Skizze (ein Phantombild, das von einem Polizeimitarbeiter anhand Jakobs Beschreibung angefertigt wird) sieht bereits sehr furchteinflößend aus.

Der erste Band ist in sich zwar geschlossen, lässt jedoch sehr viele Fragen offen ist und eindeutig nur der Auftakt zu einem großen Abenteuer, auf dessen Fortsetzungen ich schon sehr gespannt bin. Hoffentlich wird es nicht zu lange dauern bis zum nächsten Teil!

Eine sehr gute Empfehlung für alle Freunde von Jugendfantasy und -abenteuer. Schnell gelesen, macht hungrig auf mehr und lässt den Leser während der Lektüre tief in die fremde und doch so vertraute Welt eintauchen. Wer mit einem offenen Ende nicht umgehen kann, sollte allerdings auf die Fortsetzungen warten und dann alles am Stück genießen.

SaraSalamander 16.11.2011, 19.49 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Saeculum

poznanski_saeculum_1.jpgINHALT

Bastian begleitet seine Bekannte Sandra auf einen Mittelaltermarkt und lernt dort die Mitglieder der Gruppe SAECULUM kennen. Junge Erwachsene, die im Liverollenspiel das 14. Jahrhundert aufleben lassen. Bald findet das nächste Treffen der Gruppe statt, Bastian darf teilnehmen. Als sie den Zielort erfahren, reagiert eine der Mitspielerinnen überraschend panisch: es soll ein Fluch auf dem Gelände lasten! Die Spieler schlagen die Warnungen in den Wind, doch bald geschehen seltsame Dinge ...


UMSETZUNG DER THEMEN

Ein Thriller, ideal für jugendliche und junge Erwachsene. Schon mit >EREBOS< und seinem Onlinerollenspiel nahm sich Ursula Poznanski eines faszinierenden Themas an, das sie gekonnt und realistisch umsetzte, sodass sowohl Anhänger von MMORPG als auch Laien auf diesem Gebiet spannend unterhalten wurden. Liverollenspiel (LARP) ist ebenso interessant und als Thema in der Jugendliteratur noch nicht allzu breitgetreten, sodass ich mich sehr freute, als ich vor einigen Monaten hörte, worum es in dem neuen Roman der Autorin gehen soll.

Poznanski nutzt die Möglichkeiten, die das LARP für einen Thriller bietet, hervorragend aus: sie verwischt die Grenzen, und bald ist Spielern und Leser nicht mehr klar, was nun Spiel ist und was Realität. Verschwundene Mitspieler, rätselhafte Botschaften, gestohlene Gegenstände. Es könnte ein Teil des Spieles sein, vom Organisationsteam clever inszeniert, oder ist der Fluch grausame Wahrheit geworden? Die Autorin spielt mit den Ängsten der einzelnen Protagonisten und führt den Leser lange Zeit an der Nase, indem sie erst nach und nach offenbart, was hinter deren seltsamem Verhalten steckt.

Längere Zeit ist dem Leser unklar, ob es sich um einen realistischen Thriller handelt oder ob dunkle Mächte hinter dem Zauber stecken. Ich mag es, wenn ich lange nicht weiß, in welchem Genre ich bin und ich mich von den geschickten Fäden eines Autors führen lasse. Das ist die Art Buch, das ich nicht mehr aus der Hand legen kann.


CHARAKTERE

Es wird meistens aus Bastians Sicht erzählt, und man kann sich gut in ihn hineinversetzen, dennoch bleibt er etwas blass. Was auch daran liegen kann, dass mit ihm eine Figur gewählt wurde, die als "bieder" und "langweilig" beschrieben wird und somit bewusst nicht in die Gruppe passt. Die Frage, warum er an dem Treffen teilnehmen darf, obwohl so viele Kriterien gegen ihn sprechen, ist einer der zentralen  Handlungsstränge des Romans.

Recht schnell lernt man die anderen Figuren und ihre Eigenheiten kennen, SAECULUM ist ein festes Team. "Intime" (also im Rahme des Spiels) hat man eine klassische Heldentruppe mit Medicus, Ritter, Wirt, Bardin, Magierin etc. "Outtime" tummeln sich recht eigenwillige Personen. So ist da etwa Iris, die von allen gemieden wird, die sich selbst zurückzieht aber wohl eine wichtige Schlüsselposition innezuhaben scheint, welches Geheimnis birgt sie? Sandra, die noch keine Beziehung zu Bastian hat aber ihm Hoffnungen darauf macht, bis sie sich plötzlich immer abweisender verhält, doch warum? Doro, die nicht nur im Spiel eine Hexe darstellt, sind ihre schaurigen Warnungen ernstzunehmen? Paul, der Leiter der Truppe, Sunnyboy, Frauenheld, fast schon zu perfekt, was verbirgt er, und warum lässt er Bastian an dem Treffen teilnehmen?


SPANNUNG, AUFBAU

Die Geschichte ist mustergültig aufgebaut. Erst das Kennenlernen der Charaktere, die Einleitung und Einstimmung auf das kommende Geschehen, wo der Leser kurz in die Philosophie des LARP eingeführt wird und sich einen ersten Eindruck von den Protagonisten machen kann. Dann der erste Tag im Wald, ein drohendes Gewitter und erste unheimliche Begegnungen. Im dritten Teil die bedrohliche Situation, abgeschieden von der Umwelt, die Bedrohung direkt vor der Nase, die Spannung steigt auf ihren Höhepunkt. Und dann die Auflösung, die zu einem Ende führt, das ich dem Buch entsprechend angemessen finde. Gerade, wenn unklar ist, ob etwas in den Fantasybereich abdriftet oder real bleibt, ist es schwer, eine zufriedenstellende Antwort zu finden, und auch hier hat Poznanski genau wie in Erebos perfektes Schreibhandwerk geleistet. Der Leser wird regelrecht gezwungen, von einem Hinweis hin zum nächsten jeden Schritt mitzuverfolgen, man kann SAECULUM nicht mehr beiseite legen!


SPRECHER

Aleksandar Radenkovic war mir bisher nicht bekannt, ich musste erst einmal ein wenig recherchieren. Auf seiner >Homepage< kann man mehr über den Schauspieler erfahren. Abgesehen vom SOMMERFÄNGER von Monika Feth war er bisher noch nicht als Sprecher tätig, ansonsten ist er Schauspieler, kommt vor allem aus dem Theatergewerbe. Man hört also, dass er Erfahrung hat. Als Hörbuchsprecher werden jedoch andere sprachliche Voraussetzungen verlangt, und hier und da hört man einige Schwächen, an denen es noch ein wenig zu feilen gilt. Der Text klingt stellenweise sehr bemüht,  es hapert noch ein wenig mit der Aussprache (das "r" fällt ihm schwer, was zu Worten wie Wuast/Wurst oder Mamoa/Marmor führt), manchmal betont er Sätze übermäßig, was auf der Bühne notwendig aber bei einem Hörbuch unnötig ist. Bei Dialogen ist es manchmal nicht auf Anhieb offensichtlich, welchen Charakter er gerade spricht, obwohl er doch versucht, jedem eine eigene Persönlichkeit zu verleihen, was allerdings nicht immer gelingt.

Er hat jedoch eine sehr angenehme Stimme und weiß diese gut einzusetzen, sodass es trotz dieser kleinen Schwächen Spaß macht, ihm zu lauschen. Mit ein wenig Übung bin ich sicher, dass er einige Kniffe lernen wird, wie man z.B. unterschiedlichen Figuren eine eigene Färbung verleiht und was mit seiner Stimme, die wirklich Potential hat, im Rahmen eines Hörbuches alles möglich ist. Sein Ausruck passt auch sehr gut zur Atmosphäre des Buches und ist sehr gut für den Hauptprotagonisten Bastian gewählt. Ich werde die Augen offenhalte, ob ich zukünftig weitere Titel mit Radenkovic entdecke und bin gespannt auf seine weiteren Arbeiten.


PERSÖNLICHE MEINUNG

Ein wenig ärgerte ich mich über mich selbst: die Lösung lag auf der Hand, es gab sehr viele Hinweise darauf, und doch habe ich sie nicht erkannt, weil ich in zu viele verschiedene Richtungen dachte. Und genau das finde ich eine gelungene Leistung: die Antwort nicht einfach "aus dem Hut zaubern" (so etwas verärgert den Leser und wirkt sehr lieblos), sondern statt dessen alles darauf hinarbeiten lassen, dem Leser das Offensichtliche präsentieren und dabei doch genügend falsche Fährten legen, wie bei einer spannenden Schnitzeljagd, wo man manchmal in die falsche Richtung abbiegt, bis man kurz vor dem Ende endlich den Zielort erkennt.

Nach EREBOS war ich offen gesagt skeptisch, denn das Werk hatte mir außerordentlich gut gefallen, und nicht immer gelingt es einem Autor, einen solchen Wurf zu wiederholen. Mit dem neuen Titel allerdings ist es ihr auf jeden Fall gelungen!


FAZIT

SAECULUM fesselt vom ersten bis zum letzten Moment, und die Autorin zieht sprachlich, stilistisch und inhaltlich alle Register, um ihre Leser zu unterhalten. Eine absolute Empfehlung für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich für Rollenspiele begeistern können und spannende Unterhaltung lieben.

SaraSalamander 28.10.2011, 08.46 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Flames n Roses

white_flames_1.jpgFLAMES´n ROSES sprach mich eigentlich überhaupt nicht an. Der Titel klingt sehr blumig, das Cover verspricht einen Girlie-Roman oder irgendwas aus dem Bereich Chick-Lit, überflüssige Jungmädelfantasy überschwemmt aktuell den Markt. Dass ich mir den Titel dann dennoch angehört habe, liegt vor allem an den vielen Rezensionen von Bloggern, deren Urteil ich in dieser Hinsicht vertraue und deren positives Urteil über gerade diesen Titel mich doch sehr erstaunte. Ich wollte also unbedingt wissen, ob an diesem Buch vielleicht doch etwas dran ist, das über Handtaschen, Liebeskummer und Lipgloss hinausgeht. Und oh ja, das ist es!

Evelyn (Evie) arbeitet seit ihrer Kindheit für die IBKP. Sie hat die Fähigkeit, hinter die Cover zu blicken und erkennt das wahre Wesen, sodass Zombies, Vampire, Werwölfe, Ghoule, Gestaltwandler, Feen etc ihr nichts vorspielen können. Bewaffnet mit ihrem Taser (rosa mit Glitzersteinchen, genannt Tasey) macht sie Jagd auf unregistrierte Paras, um sie unter den Schutz und die Kontrolle der IBKP zu stellen. Eines Tages bricht ein neuartiges Wesen in die Büros ein, und damit beginnt das Abenteuer: wer ist Lend? Was gedachte er dort zu finden? Was hat es mit Evies Fähigkeiten auf sich?

Doch, wirklich einmal etwas anders. Zugegeben sehr rosa und quietschig, stilistisch eine Teenie-Variante von Mary Janice Davidsons Reihe um die Vampirkönigin Betsy. Und ebenso wie diese unterhaltsam und witzig. Evie wird trotz ihrer oft tussigen Art nicht zuviel, sie bleibt sympathisch und in ihren Handlungen nachvollziehbar, man hätte sie gerne zur Freundin (trotz ihres seltsamen Modegeschmacks, etwa ein Zebrakleid mit pinken Stiefeln. Oder war es ein pinkes Kleid mit Zebrastiefeln? Ebenso ihre Vernarrtheit in die Highschoolserie Easton High und andere Marotten).

Was mir gefällt ist, dass neue Wesen geschaffen wurden, so etwa Lend und Evie (wobei ich hier nicht zuviel verraten möchte). Auch die eigene Welt mit der IBKP und den Paranormalen im Untergrund gefiel mir sehr gut und bietet genügend Potential, dass ich mich auf die geplante Fortsetzung schon sehr freue.

Warum mir das Buch gefiel, obwohl ich dieses Genre sonst nicht so mochte, lag einfach an Evies erfrischender Art und dem angenehmen Humor. Auch die Sprecherin Petra Schmidt - Schaller trug ihren Teil dazu bei, indem sie die Geschichte mädchenhaft und doch ernsthaft erzählte. Aufgrund ihrer Stimme war es auch recht gut, dass sie nicht allzu emotional wurde, das hätte nicht zu ihr gepasst, statt dessen bleibt sie angenehm ruhig, sodass ich gerne lauschte, wie es den beiden Protagonisten erging. vie ist zwar ein Girlie, aber keine Zicke. Sie steht mit beiden Beinen mitten im Leben und ist so sympathisch, dass man sie gerne zur Freundin hätte, ich habe mit ihr gelacht, gebangt, gelitten. Das hat Petra hervorragend umgesetzt, und ich hoffe, dass sie als Sprecherin für den zweiten Teil wieder zur Verfügung stehen wird.

Wer Girlie und ChickLit mag, wird dieses Buch sowieso lieben, es strotz nur so vor Kleidung, Shoppen, Glitzersteinchen, langen Aufenthalten im Badezimmer und Gedanken über hübsche Jungs. Aber auch, wer diesem Genre eher abgeneigt ist, sollte es zumindest einmal probieren. Denn Evie ist auf den ersten Blick zwar ein ziemliches Girlie, aber hinter der Fassade hat sie es ganz schön in sich. Die Bekanntschaft mit ihr lohnt sich ;-)

SaraSalamander 31.08.2011, 09.28 | (2/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

Das Graveyard-Buch

gaiman_graveyard_1.jpgSeit zwei Wochen schlage ich mich mit dem GRAVEYARD-BUCH herum. Ich mag Neil Gaiman, und der Inhalt klingt auch interessant: ein Junge entkommt als Baby einem brutalen Mord, bei dem seine gesamte Famile stirbt. Er findet Unterkunft auf dem Friedhof, wird von Geistern aufgezogen und erlebt so manche Abenteuer mit Ghulen, Hexen, Werwölfen und anderen Wesen, die man des nachts auf Friedhofen antrifft.

Mir wurde das Buch wärmstens empfohlen. Aber ich kann nicht wirklich etwas damit anfangen. Das finde ich schade, hatte ich mich doch sehr darauf gefreut.

Größtenteils liegt es am Schreibstil, der mir persönlich zu trocken ist, ich finde keinerlei Bezug, will nicht wissen, wie es weitergeht, und der Spannungsaufbau fehlt mir. Das heißt nicht, dass er nicht vorhanden ist, aber ich selbst kann einfach nichts damit anfangen.

Im Original hat das Buch angeblich Zeichnungen, für seine Comics ist er auch bekannt. Ich verstehe nicht, warum man diese aussdrucksstarken Bilder in der deutschen Veröffentlichung weggelassen hat, nicht nur in diesem Buch, auch bei anderen Werken wie CORALINE.

Woran es liegt, dass so ein begnadeter Autor ein Buch schreibt, mit dem ich so wenig anfangen kann, verstehe ich nicht. Ich habe die Vermutung, dass es die Übersetzung ist. Häufig stoße ich über Formulierungen. Die Sprache ist für mich ein wichtiger Zugang zum Inhalt eines Buches, und hier fehlt mir einfach etwas. Aber da das bei den anderen Titel nicht der Fall war, tippe ich auf den Übersetzer ...

ich werde es wohl nie herausfinden. Eines Tages werde ich es noch einmal versuchen. Oder auch nicht. Es ist vielleicht auch einfach der falsche Zeitpunkt für dieses Buch ...

SaraSalamander 13.08.2011, 20.58 | (2/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

Die Worte der weißen Königin



DIE WORTE DER WEISSEN KÖNIGIN ist das neue Buch von Antonia Michaelis. Sie hat bereits viele Kinder- und Jugendbücher geschrieben, die mich begeisterten durch ihre Sprache und Vielfalt, aber der große Wurf ist ihr vor einiger Zeit mit DER MÄRCHENERZÄHLER gelungen. An diesen Erfolg anknüpfend, hat der Oetinger-Verlag wohl auch das Cover gestaltet. Auch die Idee, das "nackte" Buch ohne Schutzumschlag ebenso zu gestalten, das gleiche Motiv nur ohne den Menschen darauf, wurde übernommen. Es ist irritierend für den Leser, denn viele Elemente deuten darauf hin, dass es eine Fortsetzung des MÄRCHENERZÄHLERS sein könnte. Dennoch ist DIE WORTE DER WEISSEN KÖNIGIN ein komplett eigenes Buch.

INHALT

Seine Mutter hat die Familie verlassen, als Lion drei Jahre alt war, seitdem lebt er allein mit seinem Vater. Er lernt sehr viel von ihm, nicht für die Schule, das kann sein Vater nicht, aber fürs Leben. Doch als sein Vater die Arbeit verliert, beginnt er zu trinken, und anstelle des liebevollen Vaters tritt der "schwarze König", der seinen Sohn misshandelt. Lion möchte gerne frei sein wie die Seeadler, und er vermisst die "weiße Königin", die alte Frau, welche den Kindern Märchen vorlas. Doch die alte Frau ist nicht mehr da, und die Seeadler fliegen ohne ihn. Lion beginnt die Schule zu schwänzen, die Seeadler zu zähmen und sich auf die Suche nach Worten zu machen, wie man sie nur in Büchern findet und durch die er sich mit der "weißen Königin" verbunden fühlt. Als die Misshandlungen durch den Vater zunehmen, flieht er von zu Hause und beschließt, mit den Adlern zu leben und die "weiße Königin" zu finden.


GENRE

Für ein Kinderbuch ist dieses Buch meiner Ansicht nach etwas zu ernst. Während Lindgren in den BRÜDER LÖWENHERZ die Dinge wie den Tod umschreibt, ist Michaelis sehr direkt. Ein Kind wird geschlagen, ausgepeitscht, und es es denkt stellenweise daran, den eigenen Vater zu töten. Und dennoch sind die Worte kindgerecht. Für die Kleinsten ist es nicht passend, doch die Altersgruppe Lions, Kinder um die 10 Jahre, dürften bereits Verständnis für dieses Buch haben, wenn man sie nicht alleine damit lässt und mit ihnen darüber redet.

Durch die poetische Sprache, die zahlreiche Symbolik und die fantastischen Elemente mutet das Buch an wie ein Märchen. In Anlehnung an den Begriff der "Urban Fantasy" möchte ich gerne den Begriff "Urban Fairy Tale" einführen. Ein modernes Märchen, das in der Gegenwart spielt. Und so, wie Märchen grausam sein können, so ist auch dieses Buch auf gewisse Weise grausam und zugleich doch schön. Ein Widerspruch, wie ihn nur Märchen in sich vereinen können.

Das Buch vermischt Märchen und Realität auf faszinierende Weise. Während man in klassischen Märchenbüchern klar weiß, was Realität und Fiktion ist, so sind die Grenzen hier fließend. Kann man einen Seeadler zähmen? Kann ein Kind im Horst eines Seeadlers nächtigen? Auch ist der unsichtbare Freund (hier in Gestalt der jüngeren Schwester, einer Personifikation der nicht gelebten Wut Lions) ein häufiges Thema in realen Geschichten. Doch was, wenn der unsichtbare Freund mit realen Menschen agiert und diese reagieren: vielleicht ist der Freund ja doch real? Oder vielleicht können nur andere Kinder ihn sehen, nicht jedoch die Erwachsenen? Oder vielleicht ist es eine Metapher für das, was eigentlich Lion selbst tut und psychologisch betrachtet von sich abspaltet?

Das Buch richtet sich auch an Erwachsene, denn Kinder werden wohl all die Anspielungen nicht verstehen, können nicht die komplette Tragweite des Buches erfassen. Und ich bin sicher, dass durch die vielen verschiedenen Symbole auch die Erwachsenen das Buch sehr individuell lesen werden, jeder wird etwas anderes darin sehen und die Situationen unterschiedlich deuten. Es gibt unbeantwortete Fragen am Ende, die Antworten finden sich zwischen den Zeilen in einzelnen Umschreibungen. Ich bin sicher, dass das Buch die Gemüter sehr spalten wird. Das gefällt mir, denn es stellt keinen Absolutheitsanspruch, statt dessen regt es zum Nachdenken und Diskutieren an.



GEFÜHL WÄHREND DES LESENS

Dies ist das Einzige, wo ich Parallelen zum MÄRCHENERZÄHLER ziehen möchte. Das Gefühl während des Lesens ist fast das gleiche. Einerseits die wunderbaren Worte, die ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln, die klaren Bilder, die im Kopf des Lesers entstehen. Und zugleich der dicke Kloß im Hals, der den Leser zum Weiterlesen zwingt, man möchte den Kloß loswerden, man wünscht sich, dass diese Anspannung sich löst. Und doch ist das Buch zu realistisch, als dass es schön sein könnte. Eine dunkle Melancholie legt sich wie eine Decke über den Leser, nur manchmal wagt er einen Blick in den Himmel, wo er mit Lion und den Adlern durch den Himmel gleiten und diese Freiheit erleben möchte. Oft musste ich das Buch für einige Momente unterbrechen und das wirken lassen, was ich eben gelesen hatte. Ich kann nicht davon lesen, wie ein Vater sein Kind mit einem Holzscheit prügelt und dann einfach weiterlesen, als wäre nichts geschehen. Es braucht eine Pause, um dies zu verdauen. Die kindlichen Gedanken und Worte machen das Geschehen umso tragischer, die Verletzbarkeit des Jungen, seine kindliche Unschuld wirken regelrecht greifbar.

DER MÄRCHENERZÄHLER machte mich betroffen, doch dieses Buch steigert diese Gefühl. Denn Anna und Abel sind Jugendliche, die bereits eine gewisse eigene Entscheidungsfähigkeit und Selbstverantwortung tragen. Lion ist noch ein Kind, und er ist den Erwachsenen ausgeliefert. Sein Versuch sich zu wehren und Freiheit zerreißt dem Leser schier das Herz, vor allem, wenn er getriggert wird und Dinge tut, die ein Kind in diesem Alter niemals tun sollte, weil es Dinge weiß, die ein Kind nicht wissen sollte ...


LITERARISCHE BEZÜGE

Wie auch schon in einigen ihrer anderen Bücher bezieht sich Antonia Michaelis auf andere bekannte Bücher. In diesem Fall sind es Kipling (Rikki Tikki Tavi), Exupery (der kleine Prinz) und Astrid Lindgren (Klingt meine Linde, die Brüder Löwenherz). Geschickt hat sie die einzelnen Elemente in die Handlung gebracht und den Inhalten eine neue Bedeutung verliehen. Ich mag diese Bezüge und finde sie sehr treffend, sie passen in das Buch, stellenweise scheint es fast, als wären diese Geschichten Inspiration gewesen und als hätte sie das Märchen von Lion (der nicht zufällig den Namen des Löwen trägt) um diese Elemente herumgewebt.

Auch fällt es auf, wie sie Sprache und Metaphorik sowie die Bezüge zu den anderen Geschichten miteinander verbindet. So ist Olin, Lions unsichtbare Freundin / Schwester namentlich ein Anagram von Lions Namen. Und hat eine klangliche Ähnlichkeit zu dem Mädchen Malin, was ich hier jedoch ohne Spoiler nicht näher erklären kann aber sich dem Leser nach der Lektüre erschließen wird.


THEMEN

Das Buch beinhaltet sehr viele elementare Themen. Einige davon werden klar benannt, andere sind zwischen den Zeilen zu finden. So geht es nicht nur um Kindsmisshandlung, sondern auch um Wut, Hass, Angst. Aber auch Vergebung, Familie, Freiheit, Selbstbewusstsein, Stärke und Mut. Es stellt sich oft die Frage, was wichtig ist im Leben. Lion ist arm, er trägt zerfetzte Kleidung, geht auf eine Förderschule und beneidet andere Kinder um das, was sie haben: MP3-Player, neue Kleidung, ferngesteuerte Autos. Er ist wütend darüber, wie wenig sie ihre Frisur schätzen und wiesehr sie sich gehenlassen. Und doch ist er froh über das, was er hat und sie niemals haben werden: die Freiheit und das Wissen der Seeadler. Es ist ein Buch der großen Gefühle, gekleidet in kleine Worte mit großer Bedeutung. Lion sagt von sich selbst, dass ihm die Worte fehlen, erst durch die weiße Königin lernte er neue Worte kennen, die seinen Horizont erweiterten, doch als die Königin ging, suchte er nach neuen Worten, aber das Buch bleibt mit ihm stehen. Die Worte sind einfach. Die Inhalte sind groß ...


FAZIT

Das Buch hat mich sehr bewegt, und unter den aktuellen Büchern ist es auf jeden Fall eine absolute Empfehlung für Jung und Alt. Kinder ab 12 Jahre sollten es allerdings nicht alleine lesen sondern einen Erwachsenen an ihrer Seite haben. Ältere Leser sollten sich bewusst sein, dass all die ernsten Themen nicht in Absolutheit behandelt werden können und vieles unbeantwortet bleiben muss. Die Worte klingen sanft und still, doch ihre Wirkung ist gewaltig. Ein Buch, für das man Zeit braucht und ein offenes Herz. 

SaraSalamander 08.08.2011, 09.01 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Ascheherz

blazon_ascheherz_1.jpgNina Blazon kenne ich von einigen anderen Büchern, und ich mag ihre abwechslungsreichen Ideen sehr. Daher war ASCHEHERZ quasi Pflichtlektüre für mich. FAUNBLUT spielt in der gleichen Welt, ist jedoch kein direkter vorgänger, sodass es nicht weiter störend war, dass ich dieses Buch zuvor nicht gelesen hatte.

Summer ist Künstlerin in einem kleinen Theater, sie erinnert sich nicht an ihren Namen, ihre Vergangenheit. Sie weiß nur, dass der "Blutmann" sie verfolgt, und auch hier hat er sie aufgespürt, sie muss fliehen. Dabei begegnet sie dem geheimnisvollen Anzej, mit dem sie in das Nordland reist. Nach und nach kehren ihre Erinnerungen wieder, und sie erfährt, wer sie ist und warum sie ihr Gedächtnis verlor. Sie hatte eine wichtige Rolle, stand zwischen mehreren Männern, hat ihre damalige Aufgabe nicht erfüllt und soll nun möglicherweise zur Rechenschaft gezogen werden. Kann sie dem Tod entfliehen? Welcher der Männer steht wirklich auf ihrer Seite, und welcher will ihren Untergang?

Eine Inhaltsangabe für das Buch ist sehr schwer. Denn die erste Hälfte passiert quasi nichts Nennenswertes, und ich möchte nicht bis in die zweite Hälfte hineinspoilern. Daher zumindest eine Richtung: Summer ist natürlich ein übernatürliches Wesen. Nina Blazon war sehr kreativ und hebt sich deutlich von den Vampiren, Gestaltwandlern, Elfen, Lichtwesen und Konsorten ab und hat etwas völlig Neues, Eigenes erschaffen, das ich in dieser Form noch nie zuvor gelesen habe. Es ist also ein Fantasyroman mit romantischen Elementen.

Trotzdem mag ich die Begeisterung der anderen Fans nicht teilen. Denn ein Buch, das die Hälfte der Zeit braucht, um überhaupt erst in Gang zu kommen, würde ich unter normalen Umständen wieder beiseite legen. Das Buch habe ich  nach einigen Kapiteln bereits beiseite gelegt, zum Hörbuch habe ich mich regelrecht gezwungen, und erst zu Beginn der vierten von sechs CDs wurde die Handlung interessant und konkret, davor waren es nur vage Gedanken, Reiseabschnitte und nette Worte ohne große Bedeutung. Blazon hat einen hervorragenden Schreibstil, ich liebe vor allem ihre Metaphern, aber Metaphern alleine machen kein spannendes Buch. Ich habe das Buch gelesen, weil ich verstehen wollte, warum am Ende alle so begeistert waren.

Die zweite Hälfte dann entschädigte tatsächlich sehr gut für den ersten Teil. Die Welt, die die Autorin geschaffen hat, ist sehr interessant und ungewöhnlich, ich konnte mich sehr gut hineinversetzen, sah die Landschaft und Leute regelrecht vor mir. Sah die Schneefalter, die Winterbäume, die Tierläufer, die Zorya und deren Geheimnis. Auch die Personifikation des Todes (eines der Hauptthemen des Buches) ist ausgesprochen originell und fast schon erotisch, es muss nicht immer ein schwarzer Sensenmann sein. Allein für ihre Ideen gebührt Nina Blazon Ehre, in Kombination mit ihrem Schreibstil ist sie für mich eine der besten aktuellen Autorinnen.

Die Vierecksgeschichte um Loved, Indigo, Anzej und Summer ist ebenfalls sehr schön erzählt. Anfangs verwirrt es den Leser, wie die junge Frau sosehr hin und hergerissen sein kann, doch bald wird klar, was dahintersteckt und welche Rolle die einzelnen Figuren in ihrem Leben einnahmen. Lange Zeit wissen Summer und der Leser nicht, wem man trauen kann, das ist sehr gut gelungen.

Trotzdem sehe ich das Buch sehr zwiegespalten. Tolle Sprache, grandiose Idee, eine wundervolle Welt, eine romantische Liebesgeschichte. Aber abgesehen von der ersten Hälfte störte mich auch das Problem mit den Namen. Da Summer ihren Namen nicht kennt und ständig auf der Flucht ist, muss sie ihren Namen häufig wechseln. Sie bleibt dem Leser als "Summer" erhalten, trägt jedoch viele weitere Namen, während sie untertaucht oder wenn sie Personen begegnet, die sie früher unter anderem Namen kannten. Als sie dann ihre Erinnerung wiederfindet, kommen ihre neuen Namen dazu. Das war mir doch etwas zuviel des Guten, selbst wenn die Handlugn dieses Wirrwarr rechtfertigt.

Eine radikale Kürzung um mindestens ein Drittel hätte dem Buch gut getan. Mir tut es leid, dies sagen zu müssen, denn ich mag Blazon sehr, und ich bin von der Idee hinter Ascheherz regelrecht begeistert. Trotzdem ...

absoluten Fantasyfans sowie Anhängern von Blazon empfehle ich das Buch gerne. Wer aber eine konkrete Handlung braucht, wer eher selten liest und dafür aber top Titel will, sollte zu anderen Büchern greifen. Wer sich an ASCHEHERZ wagt, sollte ordentlich Kämpfergeist mitbringen, um die erste Hälfte zu bewältigen.

SaraSalamander 27.07.2011, 15.58 | (0/0) Kommentare | TB | PL

ZWEIundDIESELBE

pearson_zweiunddieselbe_1.jpgMehrfach bin ich über dieses Buch gestolpert, zuerst in Elenas >Leseträumen<. Trotz einiger kritischer Punkte fand ich das Thema sehr ansprechend und wollte das Buch auf jeden Fall lesen. Tauschticket sei Dank, es kam letzte Woche bei mir an, und ich habe es an einem Sonntag quasi in einem Rutsch durchgelesen :-)

Jenna erwacht nach einem Jahr aus dem Koma und kann sich an nichts mehr erinnern. Doch sie fühlt, dass irgend etwas nicht in Ordnung ist. Ihre Eltern scheinen etwas vor ihr zu verbergen, die Großmutter behandelt sie wie ein unerwünschtes Objekt, und auch in ihrem Alltag entdeckt sie viele Ungereimtheiten. Warum hat sie keine Freunde, die nach ihrem Erwachen zu Besuch kommen? Warum ist die Familie kürzlich umgezogen? Was hat es mit den einzelnen seltsamen Erinnerungsfetzen auf sich?

Das Buch ist aus Jennas Sicht geschrieben. Normalerweise ist es so, dass der Leser auf dem gleichen Wissensstand ist wie der Ich-Erzähler. In diesem Fall allerdings hat der Leser einen Vorsprung, da er sich aus Jennas Beobachtungen Dinge zusammenreimen kann, die dem Mädchen selbst nicht möglich sind. Zum einen aufgrund der Gedächtnislücken, zum anderen spielt das Buch in der Zukunft. Was für Jenna also normal ist, das ist für den Leser ein Hinweis auf das Genre Dystopie und lässt bereits nach wenigen Seiten sehr schnell erahnen, worauf es hinauslaufen wird.

Nun ist das Problem, dass das Buch sich meiner Ansicht nach an eher junge Leser von 13 bis 17 richtet. Aber es lässt sich auch sehr gut von Erwachsenen lesen, es hat mir sehr gefallen. Aber wo Jugendliche vielleicht noch mitfiebern oder etwas länger brauchen bis sie die Zusammenhänge begreifen, da weiß es ein älterer Leser nach unzähligen Filmen ähnlicher Art und nach einigen knappen Andeutungen der Autorin eben sofort. Dies war für mich anfangs sehr unangenehm, da ich das Gefühl hatte, das Buch sei zu langsam. Nicht langweilig, aber zu langsam. Ich hätte mich gerne intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt und musste statt dessen immer wieder auf das nächste Bröckchen warten, welches der Protagonistin in die Hände gespielt wurde und was mir schon lange klar war. Nach etwa einem Drittel des Buches legt sich dieses Gefühl glücklicherweise, und der der Leser ist mit Jenna auf einem Stand.

Mit Jenna mitfühlen ist etwas schwieriger, denn sie selbst ist ratlos und weiß nicht, was vor sich geht, der Leser dagegen weiß Bescheid. Dennoch konnte ich mir vorstellen, wiesehr sie unter der Ungewissheit zu Beginn und später unter der Frage "wer oder was bin ich" litt. Ich fand ihre Reaktionen sehr realistisch, ihre Gefühle für verständlich und angemessen. Die Autorin hat ein theoretisches Problem sehr lebendig werden lassen.

Die Sprache ist sehr einfach gehalten, aber es gefiel mir, da es sehr gut zu Jennas Entwicklung passt. Sie muss sich Wörter neu erarbeiten, denkt in sehr einfachen Bahnen und muss erst langsam zu sich selbst finden. Die Kapitel sind sehr kurz, teilweise sind es einzelne Gedankenfetzen oder Erinnerungen über eine halbe Seite, manchmal auch nur einzelne Episoden über zwei oder drei Seiten. Ich mag diesen Stil, da keine kontinuierliche Handlung beschrieben wird, sondern es immer wieder neue Puzzleteile sind, die nach und nach das fertige Bild Jennas ergeben. Das englische Cover ist sogar ein Puzzle und passt meiner Ansicht nach sehr viel besser zum Buch als die deutsche Variante (wenngleich der blaue Schmetterling ebenfalls einen symbolischen Bezug zum Buch hat).

Das Thema der Genforschung spielt eine zentrale Rolle im Buch und bezieht sich nicht alleine auf den Menschen, sondern es werden auch Verbindungen hergestellt zur Patentierung von Genmais (ein Name wurde nicht genannt, aber der Leser dürfte wissen, worum es geht), zum Züchten von Pflanzen, Tieren, Menschen. Aber da es ein Jugendbuch ist, dürfte mancher Erwachsene ein wenig enttäuscht sein, falls er einen wissenschaftlichen Thriller erwartet hatte. Hier wird nicht erklärt. Hier geht es nicht um den wissenschaftlichen Hintergrund oder eine exakte ethische Beleuchtung. Sondern hier geht es einzig darum, welche Gefühle dies in einem Mädchen auslöst. Und das ist hervorragend gelungen. Ich denke, dadurch wird das Thema für manch einen Leser greifbarer, als würde man ihn mit Fakten erschlagen.

Für Erwachsene fehlt, finde ich, irgendwie ein bisschen "Pfeffer". Ich kann es schwer in Worte fassen. Man weiß, worauf es hinausläuft. Man kann sich denken, wie es enden wird. Die Gefühle sind nachvollziehbar. Der Konflikt ist vorhanden, und doch fehlt er. Der Konflikt ist Jenna an sich, sodass das Buch - so kam es mir beim Lesen vor - ständig von einer Seite zur nächsten fließt, ohne wirklich zum Punkt zu kommen, und zwischendurch fragte ich mich "wo kommt jetzt der Punkt, an dem etwas passiert?". Es passiert nichts. Es fließt.

Für Erwachsene, die dem Thema entsprechend auf Tiefgang sowie wissenschaftliche oder moralische Wertung hoffen und sich beim Lesen intensiv damit auseinandersetzen wollen, ist es weniger geeignet. Für Erwachsene, die sich mit einem wichtigen Thema leicht unterhalten lassen wollen sehr nett zu lesen. Aber junge Leser, die sich gerne mit ernsten Themen befassen, ist es ein hervorragender Titel. Aufgrund des Diskussionsbedarfs und der interessant gestaltenten Sprache und Form halte ich es sogar für ideale Schullektüre, mit denen man Jugendlichen so richtig Lust aufs Lesen machen könnte.

SaraSalamander 19.07.2011, 09.17 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Numbers 2 - Den Tod vor Augen

ward_numbers2_1.jpgÜber den ersten Teil >NUMBERS - DEN TOD IM BLICK< habe ich bereits vor einigen Monaten erzählt und fleißig geschwärmt. Ein tolles Buch, das mich auch noch viele Wochen danach noch bewegt hat gedanklich. Ich konnte es kaum erwarten, bis ich endlich den zweiten Teil in der Hand hielt: NUMBERS - DEN TOD VOR AUGEN. Ich hatte die Befürchtung, dass es ein billiger Abklatsch werden könnte, aber dies war nicht der Fall. Die Handlung ist komplett eigenständig, und gemeinsam ist den Büchern lediglich die Thematik der Todeszahlen.

Adam ist nun ein junger Mann, er lebt bei seiner Großmutter. Von seiner inzwischen verstorbenen Mutter Jem erbte er die Gabe / den Fluch, das Todesdatum eines Menschen zu sehen. Als er umziehen muss nach Londen, ist er schockiert: ein Großteil der Bevölkerung tragen alle ein gemeinsames nahes Datum, den 1. Januar 2028. Er will fliehen, doch seine Oma überzeugt ihn, dass er die Welt verändern kann, er muss die Menschen warnen!

Sarah hat Nacht für Nacht den gleichen schrecklichen Albtraum und spürt, dass etwas Schreckliches geschehen wird. In der Schule steht sie plötzlich Adam gegenüber, dem "Teufel", der ihr Kind an sich nimmt und in ein Meer aus Flammen geht. Sarah flüchtet von zu Hause, trägt das Kind ihres Vaters in sich und hat Angst vor der zukunft. Sie möchte doch nur für ihre Tochter sorgen. Aber wie soll das gehen in einer Welt, in der Menschen gechippt sind und man sie überall aufspüren kann und zurück zu den Eltern bringen würde?

Anfangs hatte ich meine Schwierigkeiten. Die Sprecher (Philip Schepmann und Sascha Icks) waren einfach anders, und als Fan von Laura Maire musste ich mich umstellen. Vor allem die Großmutter, die ich im ersten Teil kennen und lieben lernte, bekam durch die Stimme von Philip einen komplett neuen Charakter. Aber bald hatte ich mich daran gewöhnt. Beide machen ihre Sache hervorragend. Das Buch ist abwechselnd aus Sicht von Adam (Philip) und Sarah (Sascha) geschrieben, und ich finde es eine sehr gute Idee, es auf zwei Stimmen zu verteilen (was leider keine Selbstverständlichkeit ist).

Die Geschichte hat mit der ersten nichts zu tun und ist komplett eigenständig. Kein Abklatsch, sondern eine gute Idee in neuem Gewand, auch ohne Kenntnis des ersten Buches verständlich. Band 1 spielt in der Gegenwart, Band 2 spielt im Jahr 2027. Die Gesellschaft ist in vielen Dingen gleich, aber es gibt auch einige gravierenden Veränderungen. Das von der Autorin aufgezeichnete Bilder der Zukunft finde ich ziemlich realistisch und von daher auch sehr beängstigend.

In den ersten Kapiteln hatte ich einige Probleme, es zog sich für meinen Geschmack etwas zu lange hin. Adams ständigen Versuche, Sarah zu kontaktieren, Sarahs ständige Flucht vor ihm, das hätte ein wenig verkürzt werden können für meinen Geschmack. Doch nachdem die beiden endlich zusammenkamen, wurde es so richtig spannend, sodass ich jeden nur erdenklichen Vorwand nutze, die Kopfhörer ins Ohr zu stecken. Wie würde es weitergehen? Sind Sarahs Visionen das Ergebnis ihrer Versuche, genau dies zu verhindern? Kann man die Zukunft überhaupt ändern? Was geschieht, wenn man in das Schicksal eines Menschen eingreift?

All die Steine, die den beiden Jugendlichen in den Weg gelegt wurden durch Behörden, Schule, Polizei, Mitschüler, Familie. Aber auch die Freunde, die ihnen Unterschlupf bieten, beim Hacken ins Computersystem helfen, von ihren Gaben wissen. Ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, ich habe mit den beiden mitgefühlt, habe die Fäuste geballt und mich erleichtert zurückgelehnt. Die Handlung ist so packend geschildert, dass man das Gefühl hat, den Rauch des Feuers auf der Zunge zu schmecken.

Der Stil ist lässig, locker, den Protagonisten angepasst. Adams Stil ist etwas direkter, nicht vulgär aber eben der eines männlichen Jugendlichen aus der Unterschicht. Sarah aus feinem Haus spricht etwas gehobener, drückt sich ein wenig gewählter aus. Diese kleinen aber doch markanten Unterschiede gefielen mir sehr. Es ist Rachel Ward sehr gut gelungen, sowohl den Jungen wie auch das Mädchen aus jeweils der Ich - Perspektive glaubhaft zu schildern.

Die Themen sind bunt gemischt, mir gefällt, dass man das Buch kaum in eine Schublade passen kann. Dystopie, Thriller, Jugend, Romantik, Action, Verschwörungstheorie. Gerade diesen Band kann ich mir unglaublich gut im Kino vorstellen, ein bombastischer Film, der den Zuschauer bis hin zum knappen aber gewaltigen Showdown nicht mehr ruhig atmen lässt.

Großartiges Buch, großartiger Schreibstil, tolle Sprecher. Thematisch für fast alle Interessen zu empfehlen: Jugendliche wie Erwachsene, Realisten wie Fantasyfreunde, es hat ebenso Tiefgang wie auch einfach nur mitreißende Unterhaltung. NUMBERS ist eine Buchreihe, die noch lange nach der Lektüre im Leser wirkt und arbeitet.

SaraSalamander 01.07.2011, 09.46 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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