SaschaSalamander
RSS 2.0 RDF 1.0 Atom 0.3




Ausgewählter Beitrag

Beautiful You

Penny arbeitet in einer angesehenen Kanzlei. Bei einem ihrer Aufträge trifft sie auf den Multimilliardär Linus Maxwell, der sich für sie interessiert. Und schwupps ist sie als "Nerd-Aschenputtel" überall in den Medien. Hinter verschlossener Tür probiert Maxwell ein Sexspielzeug nach dem anderen an ihr, denn seine neue Reihe BEAUTIFUL YOU ist kurz vor der Veröffentlichung und sie ist mit ihren perfekt - durchschnittlichen Genitalien das ideale Testmodell. Doch Penny begreift, dass es ihm um mehr geht als nur darum, Sexspielzeug zu vermarkten. Wird sie ihn rechtzeitig stoppen können, bevor die Welt in Lust und Orgasmen zugrunde geht? ;-)




Chuck Palahniuk, Autor von FIGHT CLUB. Ich habe bisher noch nichts von ihm gelesen, wollte aber schon immer. Er ist ein typischer Skandal-Autor, und ich liebe nonkonforme Bücher sehr. Habe noch einiges andere von ihm hier liegen, das ich eigentlich schon längst lesen wollte. Aber bei BEAUTIFUL YOU konnte ich nicht warten und habe sofort zugeschlagen.

Mein Fazit: joah. Irgendwie schon. Und zugleich auch nicht. Passt schon. Aber muss nicht. War nett, aber sehr viel mehr nicht.

Ich versuche mal, das etwas genauer auszuführen: das Buch strotzt nur so voller vulgärer Ausdrücke und Handlungen. Es ist eine Aneinanderreihung von Obszönitäten in Wort und Tat. Allerdings ist es dabei weniger erregend als vielmehr klinisch-neutral. Es sind eben Tests, die er an ihr durchführt, und entsprechend klinisch wird das auch beschrieben.

Dieser Kontrast gefällt mir sehr. Es ist vulgär, es ist obszön, es ist weit weit weit über der Grenze dessen, was man in irgendeinem erotischen Buch lesen würde. Kaum ein Verlag würde so etwas abdrucken, aber dank Festa kommen wir natürlich trotzdem in diesen Genuss, danke!

Für "erotisch" ist es auf jeden Fall definitiv "too much", und das ist dem Autor auch bewusst. Karikiert wird das Ganze vor allem dadurch, wie akribisch Maxwell alles notiert und beschreibt. Die Schweißmenge, der Herzschlag, die Lubrikation, die Intensität des Zitterns, alles wird exakt bemessen und gegenübergestellt, sodass die Erotik komplett auf der Strecke bleibt. Und je nüchterner die Beschreibung, desto abgedrehter, abgefahrener und absurder wird teilweise der Sex.

Ich möchte ungern dem Leser vorweggreifen, spoilern möchte ich nicht. Daher nur so viel: das Buch besteht quasi aus drei Teilen: im ersten geht es um die Sexorgien zwischen Penny und Maxwell. Danach macht sich Penny auf eine lange Reise (hier wird es dann so richtig pervers und abgefuckt, der Autor bricht so ziemlich mit allem, was für einige Fetischisten ungewöhnlicher Vorlieben womöglich noch an Resterotik bis hierher vorhanden war). Und zum Schluss geht es nur noch darum, die Welt vor dem Sex zu retten. Mit Methoden, die Penny im zweiten Teil erlernt hat und die so abgefahren sind, dass man sie nicht wirklich in einer kurzen Rezension anreißen möchte. Neinnein, das müsst Ihr Euch selbst antun! Aber sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt! ;-)

Der Handlungsstrang hat sich für mich etwas gezogen. Vor allem zu Beginn, als Penny und Maxwell experimentieren, dauerte es doch ziemlich lange. Es kam keine Handlung in Gang, es war nur eine Aneinanderreihung von Obszönitäten und Sexualität. Sehr lustig zu lesen, weil der Autor das Genre SHADES OF GREY hervorragend karikiert, und weil Maxwells absolut klinische Herangehensweise einfach genial ist. Ich habe so laut gelacht wie schon lange nicht mehr, und am liebsten würde ich ein Zitat nach dem anderen hier im Blog bringen (aber das sind so viele, da müsste ich glatt das halbe Buch abtippen und bekäme ich Ärger mit dem Verlag und dem Jugendschutz).

Trotzdem - so lustig es ist, die Handlung fehlte zu Beginn einfach. Die kommt dann erst im zweiten Teil, und selbst da zieht sich alles wieder, verharrt auf einem Fleck und gipfelt in einer Aneinanderreihung von Wollust und Sex und spirituell mächtiger weiblicher Energie (aber bitte nicht an Erotik denken. Ich schätze, die dürfte den meisten Lesern hier vergehen, Palahniuk ist unerbittlich).

Tja, und dann im dritten Teil passiert endlich etwas, aber da ist das Buch dann auch schon fast vorbei.

Die Charaktere lassen sich sehr gut in zwei drei Sätzen beschreiben. Perfekte Klischeefiguren, die einzig dem Zweck dienen, das Buch in dieser Form erzählen zu können. Das passt, mehr war auch nicht nötig, Palahniuk hat hier andere Prioritäten gesetzt. Die liegen eben vor allem in der Darstellung unterschiedlicher Sexspielzeuge sowie der Variationen aller möglichen und unmöglichen Sexualpraktiken. Es gibt fast nichts, das es nicht gibt, und selbst dann setzt der Autor noch einen drauf. Ich kann mir seine kindliche Freude direkt vorstelle, wie er dasitzt und sich denkt "muahahaha, mal gucken, was die Leser hierzu sagen! Oder, nee, halt, ich hab noch mehr, da kommt noch was, genau, DAS ist es! Halt, stop, es geht noch krasser, das mach ich auch noch".

Also, kurz gesagt: ich habe mich sehr amüsiert und werde das Buch behalten, es ist einfach zu einzigartig in seiner Machart. Aber wenn ich es dann nach ein paar Seiten weggelegt hatte (am Stück wäre es einfach nur ermüdend), drängte mich wenig zum Weiterlesen, denn es hat im Grunde keine Handlung, die man sofort weiterverfolgen möchte. Er wollte provozieren, aber das gelingt ihm bei mir nicht wirklich, dafür bin ich dann doch zu abgebrüht. Ich habe es sehr gerne gelesen, mich köstlich unterhalten und immer wieder über die schrägen Ideen des Autors gefreut. Aber ich kann nicht sagen, dass es mich bereichert, verändert oder bewegt hätte.

Es hat meinen Drang befriedigt, etwas zu lesen, das ich in dieser Form noch nicht gelesen habe. Ich liebe es, wenn Autoren mich überraschen und mir etwas Neues präsentieren, denn als Vielleser ist es anstrengend, wenn man irgendwann das Gefühl hat, alles schon zu kennen. Dafür bin ich ihm von Herzen dankbar. Und gerne werde ich mir weitere Titel von ihm ansehen, ich freue mich schon sehr darauf.

Hm, würde ich das Buch empfehlen? Und wenn ja, wem? Ich denke, ich empfehle es allen, die kein Problem haben mit verbaler und inhaltlicher Darstellung von Sexualität und Genitalien gleichwelcher Form. Aber ich empfehle es nicht DESWEGEN sondern TROTZDEM, denn es geht eben nicht um Sex oder Erotik, sondern um eine völlig abgefahrene Story, die man in dieser Form so tatsächlich noch nicht gelesen hat. Aber Vorsicht: wenig abgebrühte Leser dürften wohl ziemlich verstört sein nach der Lektüre ;-)

SaschaSalamander 29.03.2019, 10.45

Kommentare hinzufügen

Die Kommentare werden redaktionell verwaltet und erscheinen erst nach Freischalten durch den Bloginhaber.



Kein Kommentar zu diesem Beitrag vorhanden



 






Einträge ges.: 3491
ø pro Tag: 0,7
Kommentare: 2751
ø pro Eintrag: 0,8
Online seit dem: 21.04.2005
in Tagen: 5264