SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Der Würfel

Die nahe Zukunft. Deutschland wird von einem perfekten Algorithmus gesteuert: Der "Würfel" ermöglicht den Menschen ein sorgenfreies, sicheres Leben. Um das zu leisten, sammelt er selbst intimste Daten der Bevölkerung. Berechenbarkeit ist zu höchsten Gut geworden. Einer der wenigen Rebellen gegen dieses System ist der 28-jährige Taso. Er entzieht sich dem Würfel, indem er seine Entscheidungen dem Zufall überlässt. Bis zu dem Tag, an dem die Liebe ihn vor eine unmögliche Entscheidung stellt: Verrät er seine Ideale - oder eine ideale Welt?


Ich liebe Science-Fiction, Dystopien und Utopien. Sie tragen dazu bei, die Gegenwart zu hinterfragen und sich darauf basierend die Zukunft zu erarbeiten. Dass Realität und digitale Welt ineinander übergehen, wird immer häufiger. Auch das Thema Überwachung wurde in den letzten Jahrzehnten immer größer. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, die mich begeisterten und in deren Kerbe DER WÜRFEL nun schlägt (ohne sie zu kopieren):

BRAVE NEW WORLD von Aldous Huxley
1984 von George Orwell
QUALITY LAND von Marc-Uwe Kling
CORPUS DELICTI von Juli Zeh
>LAYERS< von Ursula Poznanski
>MIRROR< von Karl Olsberg
>DAS FREU< von Karl Olsberg
BOY IN A WHITE ROOM von Karl Olsberg
GIRL IN A STRANGE LAND von Karl Olsberg
BLACK MIRROR (vor allem "Nosedive)
THE ORVILLE 01-07 MAJORITY RULE
MATRIX

Ich nennen nur was ich kenne und mag, die Liste ließe sich aber sicher endlos fortschreiben, denn die Angst vor Überwachung und die bange Sorge um die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz bietet einfach tollen Stoff für Autoren. Aber genug von anderen Titeln, wie gefiel mir DER WÜRFEL?

Anfangs herausragend. Ich habe das Buch verschlungen, konnte mich sehr gut in die Zerrissenheit des Protagonisten hineinversetzen und bin nur so durch die Seiten gerauscht, gebannt folgte ich der Schilderung dieser neuen Staatsform. Ab der Mitte dann wurde es für mich etwas schwieriger, da zwar KI und Überwachung noch präsent waren, emotionale Verstrickungen aber wichtiger wurden und mich dieser Part weniger interessierte. Das letzte Drittel um Rebellion, Aufbegehren und die finale Entscheidung fiel mir sehr schwer zu lesen, es wurde mir zu radikal und einseitig (obwohl es beide Seiten noch immer präsentierte, aber der Tonfall des Buches änderte sich und sprach mich nicht mehr sosehr an).

Obwohl ich mich sehr gut mit dem Protagonisten identifizieren konnte, mit ihm litt und kämpfte, fühlte ich mich auf gewisse Weise dennoch nicht mitten im Buch sondern eher als Zuschauer. Dies kann daran liegen, dass der Schreibstil dem Prota angepasst ist und er seine Gefühle lange zu unterdrücken versucht, möglichst "glatt" und "nicht greifbar" zu wirken, sodass er auch dem Leser anfangs fremd bleibt. Dies empfand ich jedoch nicht als störend, denn dadurch konnte ich mir eigene Gedanken machen über die Situation und wie ich in dieser agieren würde.

Sehr schön fand ich, dass die Künstliche Intelligenz nicht per se verteufelt wurde sondern neben den Schatten- auch die Sonnenseiten gezeigt wurden. Denn Digitalisierung bringt auch Vorteile, erleichtert den Menschen viele Aufgaben, eröffnet neue Möglichkeiten und kann etwas Wunderbares sein, wenn man es gut zu nutzen weiß. Die Frage ist, welchen Preis zu zahlen der einzelne dafür bereit ist. Und was mit denen geschieht, die diesen Preis nicht zahlen möchten und sich dadurch selbst von der modernisierten Gesellschaft und den in ihr lebenden Menschen entfremden.

Auch gefielen mir, dass Moini eine Zukunft geschaffen hat, von der wir nicht weit entfernt sind. All dies ist realistisch und machbar, vielleicht in wenigen Jahren sogar schon Realität. Ähnlich wie Olsberg, Marc-Uwe Kling und die Serie BLACK MIRROR schafft der Autor ein Szenario, das im Grunde bereits heute in einer abgeschwächten Form existiert. Es ist also ein Buch, das den Lesenden klar aufzeigt, worauf wir heute achten müssen, wenn wir uns morgen unsere Autonomie bewahren möchten.

Selten erwähne ich den Einband oder die optische Aufmachung eines Buches. Hier jedoch möchte ich es tun: der Einband ist schlichte Pappe ohne Beschichtung. Sehr hübsch, liegt gut in der Hand. Aber leider ist das extrem unpraktisch. An den Rändern reibt sich beim Lesen die graue Farbe sehr schnell ab, es sieht zerlesen und oll aus. Auch hinterlässt eine minimal schwitzige Hand sofort einen unschönen Fleck auf dem Buchrücken. Das Buch mit Handschuhen lesen wollte ich ungern - und obwohl Bücher bei mir selbst nach dem zigsten Lesen noch immer aussehen wie neu, wirkte dieses Buch nach dem ersten Lesen bereits, als wäre es durch unzählige Hände gewandert.

Insgesamt fand ich DER WÜRFEL sehr gelungen, ich habe das gesamte Buch verschlungen (wenn auch anfangs schneller als gegen Ende). Es fügt sich für mich nahtlos in die oben genannten Titel, hebt sich dabei weder positiv noch negativ ab sondern hat mich einfach hervorragend unterhalten und wieder einmal zum Nachdenken gebracht. Also eine eindeutige Empfehlung :-)

SaschaSalamander 27.04.2020, 09.51

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