SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Die Schwere der Schuld

Klappentext: Wie soll man mit einem Verbrecher umgehen, der das Gefängnis nicht als Strafe empfindet, der unentwegt Personal beleidigt und bedroht und nicht einmal davor zurückschreckt, sich selbst zu verletzen? Wie kann man einen Häftling schützen, der die gefängnisinterne Russenmafia verärgert hat. Und wie verhält man sich, wenn ein Anstaltspsychiater selbst verrückt spielt? - Gefängnisleiter und Psychologe Thomas Galli schildert in neun spannenden Geschichten das Leben hinter Gittern und zeigt zugleich bürokratische Fallstricke und Unzulänglichkeiten der Institution Gefängnis auf.


In letzter Zeit gibt es immer mehr Bücher zu Themen des Strafvollzugs. Ob >Inhaftierte<, >Seelsorger<, >Arzt<, >Frauenvollzugler<, Anstaltsleiter, >Psychologe<, Vollzugsbeamter, >Anwalt<, sie alle haben eine Menge zu erzählen (ich warte übrigens noch auf den Sozialdienst, aber der hält sich bisher bedeckt). >Thomas Galli< studierte Rechtswissenschaft, Psychologie und Kriminologie. Er arbeitet wissenschaftlich an kriminologischen Fragestellungen, ist Lehrbeauftragter und neben anderen Stationen im Vollzug ist er nun Anstaltsleiter. Daher hat er schon einiges gesehen und erlebt, wovon er nun erzählt. Er trifft regelmässig schwierige Entscheidungen, und in diesem Buch schildert er die Problematik, die sich daraus oft ergibt. 

Aufgrund seiner Person und der Beschreibung des Buches hatte ich damit gerechnet, neben einigen kritischen Fragen auch Lösungsansätze und Alternativen zu erfahren. Ich erwartete eher ein soziologisches Sachbuch. Daher war ich dann doch etwas überrascht, als ich eine Art Fortsetzung zu den Werken von Schirach fand. Wo Schirach als Anwalt von seinen Klienten erzählt, schreibt Galli nun über die Institution, welche sich nach der Verurteilung um die Täter kümmert. 

Er schildert Einzelfälle und beschreibt in flüssigem Stil die Konflikte, welche sich ergeben. Dabei wird dem Leser schnell klar, dass der Strafvollzug ein theoretisches Konstrukt ist, das in der Praxis gewisse Defizite aufweist und nur in begrenztem Umfang hilfreich ist. Seine Fragestellung unter anderem: "Ob man von Schuld reden kann? In einem naturwissenschaftlichen Sinn gibt es sie ohnehin nicht, die Schuld. Die Frage ist, ob wir sie als soziales Konstrukt brauchen." (S.22)

Die Fälle, die er schildert, sind zutiefst menschlich, und wie auch bei Schirach wird nicht selten gezeigt, dass das Handeln des Täters einen Grund hatte und er nicht per se zu verurteilen ist. Nicht jeder, der im Gefängnis sitzt, ist ein böser Mensch. Und, falls doch (auch diese Fälle schildert er sehr lebendig), dann stellt sich die Frage, inwiefern die Institution ihn resozialisieren kann, inwiefern eine Schuld gesühnt wird und inwiefern den Opfern dadurch geholfen ist. Dabei zeigt er auch die Probleme, mit welchen sich Gefangene konfrontiert sehen und die sich durch den Vollzug überhaupt erst ergeben.

Die Einzelfälle enden idR mit "Open End". Wie man also nun weiter mit dem Gefangenen verfährt, nachdem er immer sich immer wieder auflehnt, auf welche Weise man das Opfer der Russenmafia zu schützen gedenkt oder wie man nun mit dem übergriffigen Mitarbeiter verfährt, das wird nicht geschildert. Eine rhetorische Frage, in den Raum geworfen, ohne Antwort, die man wohl auch nicht zufriedenstellend geben kann. 

In einfachen Worten schildert er die Trostlosigkeit des Sytems und die scheinbare Willkür mancher Entscheidungen. Beschreibt den Gewissenskonflikt, wenn man eine Ausnahme genehmigen möchte und damit gefährliche Präzedenzfälle erschafft. 

Ein Beispiel: "Die Gefangenen wissen, dass ihnen alles irgendwann "aufs Brot" geschmiert würde, und zwar so, wie die Anstalt es brauchte, und nicht unbedingt so, wie der Gefangene es gemeint hatte. Wer also beispielsweise sagte, er denke nicht oft an die Tat, der konnte fast sicher sein, dass ihm irgendwann vorgehalten würde, er verdränge die Tat und setze sich nicht mit ihr und seiner Schuld auseinander. Wer wiederum angab, er denke täglich an sein Verbrechen, der könnte sich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, er hätte es noch nicht verarbeitet und sei daher weit gefährlicher". (S. 22)

Was ich positiv hervorheben möchte: während einige der Autoren in ihren Büchern über den Haftalltag dazu neigen, die Seite einer bestimmten Berufsgruppe zu betonen und sehr parteiisch zu schreiben, macht Galli einen Rundumschlag. Er zeigt, dass auch Mitarbeiter nur Menschen sind, und so beschreibt er, wie manche der Probleme auch hausgemacht sind, wenn Bedienstete sich zusehr auf Gefangene einlassen, wenn sie stur ihre Arbeit machen wollen oder anderen Kollegen in die Parade fahren. Der Arzt ist nicht wichtiger als der Sozialarbeiter, der Pfarrer, der Vollzugsbeamte. Doch er lässt den Leser auch Verständnis spüren, wenn Menschen in diesem komplexen Berufsfeld an ihre Grenzen kommen. Es wird klar, dass ein gewisser emotionaler Selbstschutz der Mitarbeiter notwendig ist, um immer wieder Ablehnungen zu eröffnen und entgegen eigener menschlicher Bedürfnisse die Entscheidungen von oben zu befolgen.

Ich fand das Buch angenehm zu lesen, die Fälle waren interessant. Wer Schirach mochte, dem wird auch Galli gefallen. Was ich jedoch schade fand: mit all den Fragestellungen auf dem Klappentext und in den Ankündigungen hatte ich auf etwas mehr Biss gehofft, weniger auf Mainsteam-Kritik als vielmehr knallharte Aussagen. Statt dessen empfand ich die Art der "Kritik" als relativ weich, sodass man in vielen Punkten leicht dagegenhalten kann. Massentauglich, wenig in die Tiefe gehend, unterhaltsam. Gut für alle, die gerne als Laie darüber lesen möchten, wie der Alltag hinter Gittern aussieht und welche Probleme es dort gibt. Aber wenig hilfreich für eine fundierte Auseinandersetzung mit der Thematik. 

Da dies nicht explizit versprochen sondern von mir interpretiert wurde, kann man dem Autor keinen Vorwurf daraus machen. Zumal es andere Bücher gibt, die sich genauer mit dieser Fragestellung befassen (Bsp: "Das Knast-Dilemma" von Bernd Maelicke). Insgesamt also ein Buch, das interessierte Außenstehende kurzfristig zum Nachdenken anregt und einen interessanten Blick auf einen der Gesellschaft sonst verborgenen Bereich lenkt. 

Eine sehr schöne fachbezogene Rezension findet sich im >Strafarchiv<.

SaschaSalamander 04.05.2016, 09.46

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