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Ausgewählter Beitrag

Found Footage

Inhaltsangabe:  Ein junges Pärchen verbringt das Wochenende in der fränkischen Schweiz. In einem Waldstück in der Nähe des sogenannten Druidenhain verliert sich am 17. Juli 2009 ihre Spur. Das gefundenes Filmmaterial, von der nur noch die Tonspur rekonstruiert werden kann, ist als Hörspiel unter dem Titel „Found Footage“ erhältlich.




GENRE

FOUND FOOTAGE ist nicht nur der Name des Hörspiels, sondern auch des Genres. Es bedeutet "gefundenes Material": Eine Gruppe von Personen betritt ein Gebäude, einen verfluchten Ort, einen geheimnisvollen Wald, es geschehen unheimliche Dinge, die Menschen verschwinden, und nur das gefundene Ton- und Bildmaterial legt Zeugnis ab über die schaurigen Ereignisse, die sich ereignet haben. Das Ganze startete damals mit BLAIR WITCH, es folgte die Reihe PARANORMAL ACTIVITY und zog immer weitere Kreise. Einfaches Budget, wenig Aufwand, dafür aber jede Menge Spannung, Grusel und angenehm schaurige Unterhaltung. 

In Filmen lässt sich das sehr gut umsetzen, bei Hörspielen findet man das eher selten. Beispiele hierfür sind >DAS LUFER-HAUS<, >FUCHSJAGD<, die MITSCHNITT-Reihe oder >MANALTAK<. 

Sind Found Footage - Titel schon als Film schwer umzusetzen, wenn man den Zuschauer "bei Stange halten" möchte, so ist die Herausforderung im Hörspiel ungleich komplizierter: da das Bild wegfällt, bleibt nur der Ton. Dieser soll so realistisch wie möglich sein:  unsaubere Sprecher, laienhafte Aufnahme, fehlende Erklärung zu einzelnen Sequenzen. Auf der anderen Seite soll der Hörer sich ob der Ereignisse gruseln und verstehen, worum es überhaupt geht. Ist es zu sauber, wird es unrealistisch und verliert an Atmosphäre - ist es zu unklar, versteht man nur die Hälfte und verliert das Interesse. Daher - Hut ab vor jedem Label / Autor, die es wagen, sich eines Found Footage anzunehmen! 


DRUIDENHAIN, DREHORT

Die reale Location für die Story findet sich im >Druidenhain< in der Fränkischen Schweiz im Landkreis Forchheim. Mystische Hintergründe konnten nicht nachgewiesen werden, doch im Volksglauben ranken sich einige Erzählungen um die Felsformationen in diesem Wald. Sicher ist, dass es eine auf jeden Fall sehr spannende Gegend ist, die einen Besuch für Wanderer und Naturliebhaber auf jeden Fall lohnt. 

Die Macher haben sich für ihre Geschichte mit mystischen Orten befasst und sich aufgrund seiner Geschichte für den Druidenhain entschieden. Allerdings wurde das Hörspiel nicht vor Ort gedreht, die Geräusche wurden in einem Wald bei Hamburg aufgezeichnet, wo Sandra Gambino und Michael Kirchfeld sich von der Umgebung inspirieren ließen.


MACHER, VERTRIEB

Die beiden Sprecher sind zugleich auch die treibende Kraft hinter dem Hörspiel: Das Paar >Sandra Gambino< und Michael Kirchfeld hat das Hörspiel eingesprochen. Für das Hörspiel gibt es eine ansprechend gestaltete >Facebook-Seite<, ein tolles Plakat, und auch sonst wird man im Internet an vielen Orten fündig, wenn man Werbung und Meinungen zu diesem ungewöhnlichen Titel findet. >Hier< auch ein ansprechender Trailer auf Youtube.

Was mir gefällt ist, dass es sich hierbei um kein großes Label handelt, sondern dass es ein Hörspiel mit viel Herzblut und persönlicher Beteiligung ist. Da gehen die beiden Sprecher noch selbst in den Wald, man kümmert sich persönlich um Werbung und Ansprechpartner, spricht es auch selbst ein. Keine teuren Profi-Sprecher, keine große Sound-Bibliothek im Hintergrund, das ist ein gewagtes Projekt, erst recht bei einem solch komplexen Genre mit so vielen Fallstricken. Davor habe ich großen Respekt, und diese Begeisterung spürt man auch im Hörspiel selbst.


SPRECHER, AUFNAHMEN

Gambino und Kirchfeld sind wie gesagt keine professionellen Sprecher, auch wenn Sandra Gambino bereits über eine gewisse Vorerfahrung mit Hörspielen verfügt (DER TOTENKOPFFELS, MANALTAK). Sandra klingt überzeugend und passt hervorragend für die Rolle der weiblichen Hauptrolle, klingt ideal, um realistisch zu wirken, dabei aber deutlich, professionell und verständlich. Michael klingt deutlich und realistisch, wirkt an manchen Stellen aber etwas gekünstelt (wobei ich zugeben muss: das klinge ich auf privaten Tonaufnahmen auch, da ich sofort verkrampfe. Für ein Found Footage also durchaus realistisch, wenn auch für den Hörer etwas unangenehm da steif). 

Wir haben das Hörspiel im Dunkeln gehört, ohne Ablenkung, um uns ganz der Atmosphäre hinzugeben und auf das Setting einzulassen. Dennoch fiel das Hören extrem schwer: trotz größtmöglicher Lautstärke sind Sound und Sprache oft ungünstig abgemischt, das Flüstern ist kaum zu verstehen. Einige Stellen musste ich mehrfach hören, weil ich kaum etwas gehört habe. Das mag für Found Footage realistisch sein, stört aber den Hörfluss enorm, nimmt einiges an Spannung heraus, wenn man immer wieder an die Situation "ich sitze zu Hause und verstehe gerade nur die Hälfte" erinnert wird statt sich ganz in der Situation fallenzulassen. 

Soundeffekte, wenn sie eingesetzt werden, wirken sehr gut, jedoch hätten es deutlich mehr sein müssen. Dadurch, dass Bildmaterial fehlt, ist der Hörer extrem auf akustische Reize angewiesen, wenn sich Grusel einstellen muss. Ich kann nachvollziehen, dass es schwer ist, vor Ort im Wald enstprechende Sounds aufzunehmen - dafür, dass wohl keine entsprchende Soundbibliothek in der Hinterhand war, war es okay, aber an manchen Stellen saß ich vor den Boxen, lauschte angestrengt, konnte aber außer einem kaum verständlichen Flüstern und Keuchen nichts hören und wartete vergeblich auf Grusel, Geräusche oder Handlung ...


AUFBAU / UMSETZUNG

Das Hörspiel beginnt zu Hause, in der Zweisamkeit des Alltags. Wie für das Genre üblich gibt es also erst etwas allgemeines Geplänkel, um die Charaktere einzuführen, dem Zuhörer ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit zu vermitteln. Die beiden necken sich, ärgern sich gegenseitig mit der Kamera, erklären ihr Anliegen, bereiten die Tour vor. Dann streifen sie durch den Wald, wo es immer unheimlicher wird. 

Wobei, nun ja - ich gebe zu, wir haben es zu mehreren gehört, ganz darauf eingelassen, und doch - so wirklich kam die Spannung nicht an. Es wird zu wenig erklärt, auch die Andeutungen sind sehr vage. Klar, bei Found Footage wird nicht alles erklärt, und eigentlich liegt hierin genau der Reiz. Dennoch muss ein bisschen geboten werden, um die Spannung anzuregen, und das fehlte uns hier. Wir wussten nicht, wovor wir uns eigentlich gruseln sollten. Wir warteten stetig darauf, dass noch etwas kommt, dass bald etwas geschieht. Dies erforderte sehr viel Konzentration aufgrund des teils nur schwer verständlichen Flüsterns, aber erfüllt wurde die Spannung dann nicht. Ein plötzlicher akustischer "Jumpscare" (wie nennt man das im Hörspiel?), wir dachten "ui, jetzt geht es los", aber statt dessen war es an dieser Stelle dann vorbei. Keine Erklärung, wir blieben ratlos zurück und fragten uns "war es das jetzt"?


ZUSAMMENFASSUNG

Die Grundidee an sich ist hervorragend. Für ein Zweimannprojekt steckt unglaublich viel Liebe und Arbeit in diesem Hörspiel. Der Druidenhain als Background ist klasse, die Fränkische Schweiz ist eine tolle Kulisse für schaurige Geschichten. Atmosphäre kommt gelegentlich auf, wenn die Effekte zu hören sind, und auch die beiden Sprecher machen ihre Sache recht gut. Zugegeben, Found Footage ist ein sehr undankbares Genre, aber in Sachen Story und Spannungsaufbau hätten Gambino und Kirchfelder dann doch etwas mehr bieten müssen, um dem Genre gerecht zu werden, das Skript hätte ein paar zusätzliche Andeutungen und Erklärungen nötig gehabt, damit es greifbarer wird. So verpuffen die tollen Ideen und das Herzblut leider in einer Geschichte, der zu folgen aufgrund des zu leisen Flüsterns und der fehlenden greifbaren Handlung recht anstrengend ist.

Alles in allem also ein Hörspiel, das insgesamt zwar mit viel Liebe zum Detail umgesetzt wurde, das aber doch hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Es gibt einfach zu wenig Found Footage im Hörspielsektor, daher sollten Liebhaber des Genres es auf jeden Fall hören und selbst entscheiden. Doch es zeigt auch, worauf Macher unbedingt achten müssen, um es realistisch und dennoch hörergerecht umzusetzen. 

Es ist noch Luft nach oben, und ich werde auf jeden Fall interessiert weitere Titel der Macher hören. Denn trotz der Kritik - ein großes Lob für die Sprecher, die Arbeit und vor allem den Mut, sich an etwas so Komplexes heranzuwagen. Ich kann von diesem Genre nicht genug kriegen, auch wenn es an manchen Ecken hakt und noch nicht ganz ausgefeilt ist :-)

SaschaSalamander 25.11.2016, 08.45

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