SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Küsse für Jet

KLAPPENTEXT:

Ende der neunziger Jahre. Zwischen Kurt Cobains Tod und dem vermeintlichen Weltuntergang zur Jahrtausendwende. Und die 15jährige Jet versucht herauszufinden, was mit ihr los ist.


GENRE

Das Cover titelt den Comic / die Graphic Novel mit "Coming-of-Gender-Geschichte". Ach, ich bin dankbar, dass immer häufiger Titel präsentiert werden, die in kein exaktes Genre passen. Und finde es witzig, dass viele Verlage und Autoren neue Begriffe für sich entdecken. Das macht das Lesen abwechslungsreicher. 

KÜSSE FÜR JET ist in meinen Augen tatsächlich ein Coming-of-Age, dabei aber auch ein Stück Zeitreise ins Ende des 20ten Jahrhunderts. Auch Gender ist anfangs verdeckt und später sehr offen ein wichtiges Thema. Daher ist der Begriff Coming-of-Gender eine sehr gute Beschreibung.


ZEICHNUNGEN / STIL

Die Handlung spielt sich in weitgehend klar strukturierten Panels ab, nur sehr selten gehen einzelne Bilder über dieses Schema hinaus. Die Farben sind ausschließlich Weiß, Schwarz und Türkis.

Im Stil sind die Zeichnungen recht schlicht, die Figuren eher skizziert, das Setting ohne besondere Hintergründe oder Details. Dadurch richtet sich der Fokus auf die wenigen Objekte, die statt eines Erzähltextes eingesetzt werden, um als Stilmittel die Handlung zu erzählen. Schattierungen, Schraffur, Perspektiven, Wellenlinien, Wirbeld, die Sprechblasen sind harte Kanten oder weiche Linien - dadurch entsteht eine gute Vorstellung dessen, was gerade in Jet vorgeht, die Gefühle werden sehr schön dargestellt.

Dadurch, dass es keine Erklärungen gibt und Jet selbst nur sehr selten über die eigenen Gedanken spricht, ist dennoch vieles der Interpretation der Lesenden freigegeben. Die Gefühle werden transportiert, die Gedanken und Motive bleiben oft unklar. Es gibt einige aufwühlenden Szenen, bei denen nur geraten werden kann, was nun tatsächlich geschehen ist und was die Beweggründe der handelnden Person waren. Gelegentlich empfand ich das während der Lektüre als irritierend, einige Male habe ich zurückgeblättert, ob ich etwas übersehen habe. Bald aber wurde mir klar, dass das wohl bewusst gewollt ist, und dies macht auch teilweise den Reiz der Geschichte aus: keine Wertung, keine Deutung, einfach nur ein Ausschnitt ...


CHARAKTERE

Jet wird einerseits recht tief geschildert, die Gefühle werden gut in Bildern aufgezeigt. Andererseits bleibt die Figur für mich etwas wenig greifbar, weil ich zwar das Außen sehe, nicht aber die Beweggründe erkenne (und da gibt es eben sehr viele Deutungsmöglichkeiten). Jet ist sehr zurückgezogen, äußert auch verbal wenig, andere Figuren sprechen für und über Jet, oft sagen sie auch übergriffige Dinge, gehen zu weit in ihren Interpretationen.

Das ist schade, weil ich Jet gerne besser kennengelernt hätte. Das ist aber andererseits auch schön, weil ich dadurch sehr viel eigene Gedanken und Gefühle in die Geschichte legen kann. Und tatsächlich war Jet für mich weniger eine Titelfigur, mit der ich mitfiebern konnte, als vielmehr eine Projektionsfläche, die mich sehr stark an meine eigene Jugend erinnerte: Das erste Mal in der eigenen Wohnung, fort von zu Hause. Parties mit Freunden, erste sexuelle Erfahrungen, Freundschaften, die Angst vor dem Sprung ins neue Jahrtausend, die Musikvorlieben, damals typische Klamotten und so weiter. 

Mit den Eltern, der Internatsleiterin, Jets Freunden Sasha, Stef und den Mitbewohnern gibt es weitere Charaktere, die man kennenlernt und die sich im Laufe der Geschichte verändern. Frisuren, Kleidungsstile, Körperbau, sie werden älter, erwachsener. Während sie alle sich selbst finden, ist Jet noch immer orientierungslos und auf der Suche, passt nirgends so wirklich dazu und steht meist am Rand. 


THEMEN

Es gibt nicht "DAS" Thema, sondern es ist ein Querschnitt dessen, was damals in den 90ern üblich war. Grunge- und Rockmusik hören. Es galt in manchen Cliquen als cool, sich zu ritzen. Es gab noch kein Internet, aber die beginnende Digitalisierung begann den Alltag zu verändern. Vor allem das Erfahren der eigenen Sexualität und Identität war damals ohne Youtube, Blogs und Medienberichte anders, als die Jugendlichen heute es erleben. 

Und dann gibt es natürlich das, was auch die heutigen Teenager beschäftigt: Freundschaften, Verliebtheit, der erste Kuss, der erste Sex, aber auch sexuelle Belästigung, Selbstzweifel, Mobbing, Cliquenbildung. Erwachsen zuwerden ist kein Kinderspiel sondern eine ziemlich verwirrende Zeit im Leben. Das wurde hier sehr schön eingefangen.


GENDERTHEMATIK

Zu Beginn der Handlung ist Gender kein konkret benanntes Thema. Nur zwischen den Zeilen wird erkennbar, dass Jet sich scheinbar unwohl fühlt. Viele kleine Puzzleteile, die für sich betrachtet ganz normal sind, am Ende jedoch ein klares Bild ergeben. Interessant ist auch, dass Jet selbst nie darüber spricht, dieses Thema nur von anderen angesprochen wird (in unschöner, wertender Form, die Jet vorgibt, wie ein Mädchen in der Gesellschaft zu sein hat bzgl Kleidung und Verhalten).

Sehr schön finde ich, dass hier kein Stereotyp wiedergegeben wird: der Arzt möchte Jet in eine vorgefertigte Schablone pressen. Aber warum sollte ein Junge nicht auch mit Puppen gespielt haben? Und Kurt Cobain hatte schließlich auch lange Haare! 

Es werden auch einige Klischees angesprochen, etwa die Behauptung, dass viele Transgender Linkshänder wären. Ob dies eine damals tatsächlich gängige Vorstellung war? Ob damit lediglich die Lächerlichkeit der medizinischen Uninformiertheit der damaligen Zeit überspitzt werden sollte?

Wer von Transidentität wenig Ahnung hat, der wird nach der Lektüre nicht mehr wissen als zuvor. Aber: nach dem Lesen ist klar, dass es DEN / DIE Transgender nicht gibt und Trans immer nur ein kleiner Teil des gesamten Lebens ist, ein Puzzlestück von vielen, das jedem selbst überlassen sein sollte. Jet ist Freund*in, Tochter/Sohn, Mitbewohner*in, Schüler*in, Patient*in, Grunge-Fan. Jet ist verliebt, traurig, einsam, glücklich, verwirrt, befreit. Und ganz nebenbei auch trans. 


PERSÖNLICHE MEINUNG

Während des Lesens brauchte ich einige Zeit, bis ich mich an den Stil und die Zeichnungen gewöhnt hatte. Es ist eindeutig kein Mainstream-Comic, den man nebenbei verschlingt. Man muss sich dafür Zeit nehmen und die Bilder genau betrachten, um die Geschichte hinter der Geschichte zu lesen. Da ich selbst nicht gerade ein optischer Typ bin und mit Worten mehr anfangen kann als mit Bildern, fiel es mir stellenweise etwas schwer zu folgen. 

Während des Lesens war ich stellenweise verwirrt. Trotzdem zog die Erzählung mich in ihren Bann, und ich konnte mich in vielen Dingen wiederfinden. Ich fand es ein sehr schönes Portrait der Zeit, wie ich sie damals erlebt habe. Auch Jets Gender-Thematik hat mich sehr berührt, mir gefiel die ungewöhnliche Darstellung und das völlig selbstverständliche Aufbrechen der Klischees. 

Auch mochte ich die stille Art des Comics. Mit Problemen aber ohne Drama, vorsichtig und ganz alltäglich. Bei vielen Büchern / Filmen habe ich das Gefühl, dass da eine mir völlig fremde Welt gezeigt wird, so emotional überbordend, so hektisch, laut und schrill, so sexualisiert und inszeniert. Hier dagegen fühlte ich mich sehr gut repräsentiert: so war meine Jugend, so habe ich mich schrittweise selbst erfahren, so liefen meine Freundschaften ab. Es war für mich ein Comic voller trauriger und schöner Erinnerungen. 


FAZIT

KÜSSE FÜR JET ist ein Comic über die verwirrende Zeit des Erwachsenwerdens und der Selbstfindung. Ein Comic, dessen Erzählweise vor allem jene Zielgruppe anspricht, die einer Geschichte gerne Zeit gibt, bis sie sich entfalten darf.

SaschaSalamander 02.09.2020, 13.20

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