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Ausgewählter Beitrag

Nachschlag - Ich bin Dein Herr und Mörder

NACHSCHLAG - ICH BIN DEIN HERR UND MÖRDER ist ein Roman von Siegfried Langer. Geschrieben schon vor längerer Zeit und unter Pseudonym, bis die SHADES OF GREY begannen den SM salonfähig zu  machen, sodass Autoren sich nicht mehr verstecken mussten. Nun präsentiert der Autor das Buch unter seinem realen Namen, und ich freue mich, dadurch auf das Buch aufmerksam geworden zu sein.


Ich habe inzwischen einige Titel des Autors gelesen und weiß in etwa, was mich erwartet: ein Experiment. Die Bücher lesen sich bisher alle unterhaltsam und sehr schnell, sind sprachlich eher einfach gehalten, weisen aber meist eine Besonderheit auf, er probiert sich in unterschiedlichen Genres und Erzähltechniken. Ich freue mich stets auf seine Bücher, weil ich zwar nicht weiß, was mich erwarten wird, die Unterhaltung aber garantiert ist. Bisher hatte ich gelesen:
unkonventionelle Erzählweise, ein außerordentliches Buch

Vier Zeitebenen mit unterschiedlicher Erzählchronologie

Krimi, wesentlich härter als die anderen beiden

Und jetzt endlich zu NACHSCHLAG ;-)

Ole Tänzer ist verschwunden, sein Bruder Björn macht sich in Berlin auf die Suche und erfährt Dinge, die ihn in eine völlig neue Welt katapultieren. Ole interessierte sich für BDSM, aber der "normale" Kick war ihm zu wenig, er wollte immer mehr. Björn erkennt, dass sein Bruder in großer Gefahr schwebt, falls er nicht schon längst tot ist - denn ein grausamer Killer scheint es auf junge Männer der SM-Szene abgesehen zu haben ... 


Aufbau, Erzählweise

Der Prolog ist wieder einmal ein ziemlicher "Knaller", der den Leser sofort mit den wortwörtlich nackten Tatsachen konfrontiert und mitten ins Geschehen stößt. Was es nun damit auf sich hat, wie es dazu kam und was danach geschehen wird, das ist offen. Ein prima Einstieg, der neugierig auf das Buch macht. 

Interessant übrigens: der Prolog ist aus Sicht eines Ich-Erzählers gehalten, die beiden Ebenen "Ole" und "Björn" später werden aus der dritten Person erzählt. Viel Raum für Spekulation und Interpretation ...

Die Handlung wird abwechselnd aus Sicht von Ole und Björn vorangetrieben. Oles Geschichte spielte sich vor den Ermittlungen seines Bruders ab. Es sind also wieder einmal zwei Zeitebenen, allerdings sind diese jeweils chronologisch erzählt und leicht nachzuvollziehen. Das Experiment liegt hier weniger in der Erzählweise als vielmehr im Inhalt, aber dazu nachher mehr. 

NACHSCHLAG ist ein Buch für einen gemütlichen Abend auf dem Sofa, man kann es mit etwas Zeit gerne an einem Abend durchlesen. Der Schreibstil ist wieder sehr flüssig, die Sätze lassen sich sehr schnell überfliegen. Die Dialoge sind kurz und prägnant. Langer hält sich nicht mit komplexen Satzstrukturen oder unnötigen Fachbegriffen auf sondern legt Wert auf flüssige Unterhaltung und in diesem Fall den SM-Anteil, der umso anschaulicher und expliziter dargestellt wird. 

Auch gibt es Mailwechsel und Chatsequenzen. Es liest sich realistisch, lockert den Text auf und gewährt einen Einblick, wie es typischerweise in manchen Chatrooms der Szene zugeht, er hat den Ton stellenweise sehr gut getroffen, beinahe als hätte er reale Mails in sein Buch kopiert. Schade finde ich dabei lediglich, dass im Ebook (ob es im Buch ebenso ist, kann ich nicht beurteilen) zwischen den einzelnen Mails kein Abstand ist. Dadurch wird es schwierig zu lesen und zwischen Absender, Empfänger und neuem Mail zu unterscheiden. Etwas fitzelig, sich das herauszusuchen und den Überblick zu bewahren. 


Charaktere

Wie für den Autor üblich sind die Charaktere gut beschrieben, sodass man mit ihnen mitfiebert. Eine allzu große Tiefe weisen sie allerdings nicht auf, sind eher Mittel zum Zweck, um den Inhalt zu transportieren. 

Trotzdem sind mir Björn und Uli sehr schnell ans Herz gewachsen. Vor allem Uli, eine gute Freundin von Ole, die bei der Suche hilft, ist ein sehr ungewöhnlicher Charakter. Mir gefällt ihre offene Art und die Unverblümtheit, mit der sie auf andere Menschen zugeht. Ohne Spoiler kann man nicht mehr dazu sagen. Deswegen nur soviel: der Autor schreibt hier wie selbstverständlich über Dinge, die in der Gesellschaft gerne hinter vorgehaltener Hand benannt werden. Das betrifft die Inhalte dieses Buches, aber auch die Charaktere. Er zeigt hier eine Offenheit, die absolut sympathisch ist. Auch die Begegnung mit einer späteren Figur (ein "Schlossherr") zeigt ungewöhnliche Lebensmodelle und stellt einige interessanten Fragen in den Raum. 


Darstellung von queeren Themen

Ich bin immer sehr skeptisch, wenn ich Bücher zu diesem Thema lese. Es gibt einige wenige Autoren, die sich leichtfüßig in dieser Welt bewegen. Meist jedoch ist es entweder simpler Voyeurismus oder aber unrealistische Phantasie, und die meisten Bücher lassen die Betroffenen dastehen wie kranke Perverse. Oder aber es wird mit dermaßen viel Zeigefinger auf Do and Don´t hingewiesen, dass es zu einer handzahmen Vorabendsendung wird. 

Siegfried Langer gelingt hier ein sehr schöner Spagat. Er stellt sehr viele Varianten dar, wie bei einem bunten Streifzug durch die bunte Welt der abenteuerlichen Lust. Gleichzeitig geht er einen Schritt weiter und zeigt, welche härteren Gangarten es gibt und welche Gefahren sie mit sich bringen. Auch zeigt er ganz klar die Grenzen, wo Spiel endet, Gewalt und Misshandlung beginnen. Ole besucht ein Seminar zum Thema BDSM, dabei wird für den Leser zwar einige Male der Zeigefinger gehoben, doch durch die Darstellung des vortragenden Paares bleibt es unterhaltsam und locker. Dem Leser wird auch sehr schnell deutlich, dass Ole mehr will als gut für ihn ist, denn er erhält klare Absagen von anderen Spielpartnern. 

Es wird sehr schön gezeigt, dass es unterschiedliche Ansichten gibt, ein queeres Leben zu führen. Nicht nur BDSM wird dargestellt, auch andere Beziehungsmodelle als die Monogamie werden vorgestellt. Bisexualität kommt zur Sprache, auch ein Leben zwischen den Geschlechtern wird dargestellt. Es ist ein Roman, der für viele Leser ziemlich abenteuerlich sein dürfte, ohne dass jemand oder etwas zur Schau gestellt wird. Und während ich andere Bücher dieser Art nur ungern empfehle, weil ich mich dadurch diskriminiert oder in Schubladen gesteckt fühle, kann ich NACHSCHLAG wirklich guten Gewissens empfehlen. Der Autor geht sehr respektvoll mit den Themen um. Man spürt, dass es ihm eine Herzensangelegenheit war, dieses Buch zu schreiben.


Meinung

Die anderen Bücher Langers gefielen mir vor allem aufgrund der ungewöhnlichen Erzählweise. NACHSCHLAG dagegen legt den Wert auf die Darstellung der unterschiedlichen Lebens- und Liebensformen. Auch das Krimielement scheint eher Mittel zum Zweck. Daher hebt es sich von den bisherigen Büchern ab, war also ganz anders als erwartet. Dafür gefiel es mir umso mehr. Es gelingt dem Autor, ein realistisches Bild der Szene zu zeichnen und ganz ohne Voyeurismus und Erotik über ein spannendes Thema zu schreiben. Nicht einen Moment würde man das Buch in die "Schmuddelecke" stecken, obwohl es stellenweise wirklich sehr explizit ist und über die Grenzen des sonst oft üblichen SM hinausgeht. Für mich persönlich einer der Favoriten des Genres SM-Thriller. 

Ich wünsche mir, dass der Autor seine Leser wirklich zum Nachdenken bringt und ihnen zeigt, wie einfach das Leben sein könnte, wenn man sich einfach nur respektiert, zuhört und aufeinander zugeht. Es könnte wohl einiges an Kriminalität und Leid verhindert werden, wenn die Menschen sich nicht verstecken müssten sondern offen über ihre Neigungen, Vorlieben und Fantasien sprechen könnten, das wird hier sehr deutlich. Danke für dieses Buch :-)

SaschaSalamander 09.11.2015, 09.18

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