SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Nashville oder das Wolfsspiel

Svenja studiert Medizin in Tübingen. Beim Einzug in ihre neue Wohnung findet sie einen Jungen im Küchenschrank. Er macht einen Kopfstand, ist stumm und verhält sich sehr ungewöhnlich, bekommt gelegentlich Panikattacken und verschwindet nachts heimlich. Aber er bleibt erst einmal bei Svenja wohnen, sie gibt ihm nach dem Aufdruck auf seinem Shirt den Namen Nashville. Bald findet man in der Stadt eine Tote, sie war obdachlos, und Nashville scheint sie zu kennen. Er kennt auch weitere Obdachlose in der Stadt, und weitere Tote werden folgen ... 

Ich möchte nicht zuviel über den Inhalt verraten. Da das Gewicht sehr stark auf Atmosphäre und Erzählweise liegt und die Handlung nur ein Teil des Ganzen ist, würde alles Weitere zu weit vorgreifen. Allerdings denke ich, dass die Handlung dennoch relativ vorhersehbar ist, für erfahrene Leser bieten sich wenige Überraschungen. Doch die sind es auch nicht, auf die es hier ankommt. 

Worauf es bei Antonia Michaelis ankommt, das ist die Melancholie, die in ihren Worten schwingt. Das ist die dichte Atmosphäre, die man beim Lesen empfindet, nur selten kann ich so tief in die Welt eines Buches abtauchen wie bei ihr. Die Sätze sind kurz und prägnant, kein Wort für den Inhalt zuviel. Dafür umso verschwenderischer in der Beschreibung von Gefühlen, Farben, Stimmungen, Gedanken und Eindrücken. Man verliert sich in einem kunterbunten Gewirr aus Gedankenfetzen, bis man selbst ein Teil der Gedankenwelt Svenjas und ihrer Freunde ist. 

Was bei Michaelis sonst ungesagt ist, spricht sie hier ganz deutlich aus: "auf dem Kopf", "verkehrt herum" und "zwischen den Zeilen". Das sind Begriffe, die sie immer wieder in verschiedenen Situationen verwendet, und diese Begriffe beschreiben einen Großteil ihrer Werke besser, als jeder Kritiker dies jemals tun könnte. Daher möchte ich mir weitere Erklärungen hierzu auch sparen ;-)

Ich mag es, wie die Autorin Spannung erzeugt, obwohl nur wenig passiert. Langsam, gemütlich und ruhig erzählend liest man von Mord, Obdachlosigkeit, Panikattacken. Aber auch von unerfüllbaren Idealen, zerplatzten Träumen, fremdgesteuerte Lebensplanung und Hilflosigkeit. Alle Themen werden sensibel geschildert, und es wird nachvollziehbar, wie auch völlig normale Menschen plötzlich obdachlos unter der Brücke schlafen, es könnte vielleicht jedem von uns passieren. Trotz der Dramatik ist das Buch auf seine Weise bunt, lebensfroh und sympathisch, ebenso wie die Charaktere, die sich immer wieder aufraffen und trotz der Widrigkeiten ihren Weg gehen. 

Charakterbeschreibungen sind eine große Stärke der Autorin. Oft lese ich, dass ihre Figuren unrealistisch seien, aber dem möchte ich widersprechen. Ja, sie verhalten sich ungewöhnlich, und ja sie handeln anders als viele Menschen es tun würden. Aber ich denke, sie handeln so, dass vor allem introvertierte Menschen sich sehr stark darin wiederfinden werden. Das unsinnige Handeln spiegelt die Unsinnigkeit des Lebens. Was man gerne tun würde widerspricht dem, was man eigentlich tun sollte, und um beidem gerecht zu werden, tun die Charaktere dann etwas ganz anderes, das am Ende als unbrauchbarer Anpassungsversuch scheitert. Genau das macht die Protagonisten für mich so sympathisch. Den Zugfütterer, den Idealisten, den Chaoten, den Jungen "zwischen den Zeilen", die perfekte Tochter, die Frau mit der Gitarre, den italienische Kater und all die anderen Originale. Sie sind mir ans Herz gewachsen wir es Romanfiguren sonst nur selten gelingt ... 

Da die Charaktere oft falsch (aber auch nachvollziehbar) handeln, stellen sich sehr viele moralischen und ethischen Fragen, die den Leser zum Nachdenken animieren. Oft habe ich mich gefragt, wie ich handeln würde, und ich fand keine Antwort. Es gibt Dinge, auf die gibt es keine Antwort. Und eine der wichtigsten Fragen des Buches lautet: "Was ist wichtiger - individuelle Freiheit oder eine Chance, am Leben zu bleiben?". Hand aufs Herz - was würdest Du antworten?

NASHVILLE ODER DAS WOLFSSPIEL wird angepriesen als Thriller. Gut, es geht auch um Morde und deren Aufklärung, und es gibt vereinzelt düstere Momente. Trotzdem möchte ich das Buch nur ungern als Thriller bezeichnen. Michaelis bewegt sich gerne außerhalb jeglicher Schubladen und Grenzen, sie schreibt Bücher fernab des definierbaren Mainstreams, daher ist es auch nicht möglich, es irgendwo konkret einzusortieren. Für den Handel leider ein Ding der Unmöglichkeit. Für die Leser aber hoffentlich ein Anreiz, so richtig neugierig zu werden ;-)

Zum Abschluss kann ich nur sagen, NASHVILLE hat mich begeistert. Obwohl es ein sehr ernstes Buch ist, fühlte ich mich nach dem Lesen froh, hoffnungsvoll. Ein Buch für alle, die gerne verkehrt herum denken, die Realität auf den Kopf stellen und zwischen den Zeilen lesen ...


SaschaSalamander 26.08.2013, 08.39

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