SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Nicht Chicago, nicht hier

NICHT CHICAGO, NICHT HIER ist ein schon etwas älterer Titel von Kirsten Boie, der nun im Jumbo Verlag als Hörbuch mit neuem Design wiederbelebt wurde. Ich freute mich sehr, denn abgesehen von ihren Kinderbüchern mag ich vor allem ernstere Titel, mit denen sie inzwischen für mich das deutsche Pendant zu Morton Rhue stellt. Also war ich gespannt auf die CD und konnte es kaum erwarten. 

Der 13jährige Niklas bekommt einen neuen Mitschüler, Karl. Die Lehrerin möchte die beiden gleich befreunden, teilt ihnen gemeinsame Hausarbeiten zu. Doch Niklas ist nicht wohl dabei, er mag Karl nicht. Erst verschwindet eine CD, dann leiht Karl sich ungefragt das teure Laufwerk, und dann greift er ihn sogar an! Doch die Lehrerin nimmt es nicht ernst, und die Eltern unterstellen ihrem Sohn Lügen. Karls Handgreiflichkeiten werden immer schlimmer, niemand glaubt ihm, und Niklas weiß sich nicht zu wehren. 

Das Buch wird in der Schule gerne als Klassenlektüre verwendet, um das Thema Gewalt und Mobbing unter Schülern auf den Tisch zu bringen. Eigentlich eine prima Sache. Aber ich bin trotzdem nicht sehr begeistert von diesem Titel. Während des Hörens versuchte ich immer wieder, einen Zugang zu Niklas zu finden, und nach dem letzten Track ließ ich das Hörbuch nun etwa zwei Wochen auf mich wirken, um nachzuspüren, aber es will einfach nichts kommen, was das Ruder noch herumreißt. Alles in allem: ich war recht enttäuscht. Frage mich inzwischen auch, wie man das Buch in der Schule besprechen sollte. Habe ja selbst schon im Unterricht mit Jugendlichen Bücher behandelt und diskutiert, aber bei diesem hätte ich absolut keine Idee, wie ich DAS geradebiegen soll, was das Buch vermittelt ... 

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Im Buch ist das vermutlich anders dargestellt, vielleicht mit Datum oder anderer Schrift, ich weiß es nicht. Im Hörbuch durch unterschiedliche Sprecher. Trotzdem benötigte ich einige Zeit, um die jeweiligen Zeitstränge immer wieder in Einklang zu bringen. Das störte für mich den Fluss, wenn etwa ein Name wie selbstverständlich auftauchte, den ich nicht einordnen konnte. Soll aber kein Grund für eine negative Bewertung sein, denn gerade dadurch, dass man anfangs im Unklaren ist, befasst man sich intensiver mit dem Inhalt, was hier ja gewollt ist. 

Die Charaktere prägten sich mir nicht ein. Nach zwei Wochen hatte ich sogar bereits wieder die Namen vergessen und musste erst wieder einiges nachschlagen. Das Innenleben wird wenig beleuchtet. Warum handelt der Täter so, was bewegt ihn, was ist sein Ziel? Mobbt er auch andere, und warum gerade Niklas? Warum lässt Niklas das Verhalten Karls am Anfang überhaupt zu? Warum erzählt er dem Vater nicht sofort von dem "geliehenen" Laufwerk? Warum lässt er all das über sich ergehen? Was lösen diese Geschehnisse bei ihm aus? Bei einem solchen Buch ist es wichtig, dass der Leser sich mit einem Protagonisten identifizieren kann, spürt "das könnte mir auch passieren" und "auf diese Weise könnte ich dagegen vorgehen, Niklas hat es geschafft, auch ich kann mich gewaltfrei wehren". Das habe ich hier in keinem Moment erlebt. Trotz der teilweise recht heftigen Szenen konnte ich nicht mit dem Jungen mitfiebern, sodass mir sein Schicksal recht egal war (abgesehen von dem Punkt, dass ich mich über die Bezugspersonen mehrfach aufregen musste). 

Sprachlich hat mich das Buch wenig gereizt. Boie kann deutlich mehr. Hier wird sehr umgangssprachlich geschrieben, das passt zwar zum Buch, sorgt aber in diesem Fall nicht für zusätzliche Identifikation mit den Charakteren. Es wirkt auf mich unreif und unpassend. Besonders wenn ein erwachsener Sprecher den jugendlichen Text in so einfacher Sprache vorträgt. Für Kinder (wofür die Sprache angemessen klingt) ist der Inhalt zu brutal, für Jugendliche bereits zu schlicht. 

Einen Spannungsbogen habe ich vermisst. Denn bereits zu Beginn im aktuellen Zeitfenster ist klar, wo alles enden wird. Die Frage ist nur, wie es dazu kommt. Es beginnt recht harmlos mit einer verschwundenen CD und steigert sich hin zu körperlichen Attacken, doch da man bereits weiß, wo es endet, fehlt das gewisse Etwas, das motiviert "schnell noch das eine Kapitel" zu hören. So ungern ich es sage, aber die zwei CDs schienen mir eine gefühlte Ewigkeit zu dauern, ständig die Frage "was soll jetzt noch kommen, irgendwann muss doch  mal der Kern der Geschichte erreicht sein". Und dann, am Ende, zack, aus, das war es jetzt. Schnell kontrolliert, ob ich möglicherweise eine CD vergessen hatte oder es tatsächlich auf diese Weise endet. Ja, tut es, mittendrin und sehr unversöhnlich, abgehackt und eiskalt. Dazwischen: Angriff - keine Verteidigung - Angriff - Flucht - Angriff - Hilflosigkeit - Angriff - Angst - Angriff - keinerlei Schutz durch Eltern, Schule und Gesetz. Es zieht sich und ist stellenweise sehr langatmig, dem Wechsel aus Angriff, Hilflosigkeit und gegenwärtiger Situation (die sich nicht ändert sondern immer wieder darin besteht, dass selbst die Polizei machtlos ist) zu folgen. 

Das Verhalten der Eltern und Lehrerin finde ich sehr unrealistisch. Ich denke nicht, dass ich naiv bin, und mir ist bewusst, dass manches Unrecht anfangs nicht als solches gesehen sondern bagatellisiert wird. Dennoch, mit seinen Eltern ist Niklas mehr gestraft als mit Karl, die Ignoranz der Eltern verletzt mich weit mehr als die brutalen Attacken des Täters. Eltern, die ihr bisher unproblematisches wohlerzogenes Kind sosehr vernachlässigen, dass sie es der Lüge bezichtigen, wenn er beklaut, betrogen, angegriffen wird, das schmerzt. Von der fehlenden Pädagogik und blauäugigen Heile-Welt-Brille der Lehrerin ganz zu schweigen. 

Natürlich mag das real sein, ABER: das Buch hat ein offenes Ende, und dieses ist knallhart, brutal. Die Gewalt scheint gesiegt zu haben und nun neue Gegengewalt zu produzieren. Wenn das Buch in der Schule verwendet wird, frage ich mich eindeutig, was Kinder daraus lernen sollen? Etwa: egal, ob Du der Lehrerin etwas erzählst. Egal, ob Du Dich Deinen Eltern offenbarst. Sogar völlig egal, ob Du zur Polizei gehst und eine Anzeige erstattest. Alles, wirklich alles ist völlig sinnlos. Nimm Dein Schicksal an, bleibe Opfer, leide, Dir glaubt niemand. Das Böse siegt, und wenn Du Dich nicht mit Gewalt wehrst, dann hast Du von vorneherein verloren. Wer petzt, wird ausgelacht und nicht nur vom Täter gemobbt sondern auch der Außenwelt als Weichei und Lügner dargestellt. Natural born loser.

Nein, das ist keine Botschaft, die ich jungen Menschen auf den Weg ins Leben geben möchte. Es gibt sehr gute Bücher zum Thema Gewalt unter Jugendlichen, die nicht nur zeigen, wie sie entsteht, sondern die auch Lösungen bieten und zu konstruktiven Diskussionen anregen. 

Offen gesagt: hätte ich das Buch gelesen und den Autor raten müssen, auf Boie hätte ich so ziemlich als letzte getippt. Von ihr bin ich anderes gewohnt, sowohl bei älteren wie auch neueren Titeln. Aber gut, ein Autor kann nicht nur Bestseller schreiben, es muss auch mal schwächere Titel geben. Und dies ist zweifelsfrei einer davon :(

SaschaSalamander 17.09.2014, 08.47

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