SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Nylon 01 - Gewagtes Spiel

Und wieder ein Werk von Nora Schwarz. Während der >LESSONS IN LACK< begegnete ich ihr zum ersten Mal, traf sie bei >STERBEN DER BILDER< wieder. Mit diesen beiden Werken beweist sie ihre Flexibilität in verschiedenen Genres, und obwohl sie unterschiedlicher kaum sein konnten, hatten sie mich beide beeindruckt. Umso mehr freute ich mich nun auf die angekündigten Novellen: NYLON, Teil 1-6, wie sie nacheinander nun erscheinen. In kurzen Geschichten erzählt sie hierbei von der Faszination dieses ganz besonderen Beinkleides. Diese Novellen liegen der Autorin besonders am Herzen, denn sie selbst liebt Nylons, und diese sinnlichen Momente in all ihrer Leidenschaft möchte sie nun mit den Lesern teilen.

Die erste Geschichte spielt im Deutschland der Nachkriegszeit: Greta wird bei einer Razzia auf dem Schwarzmarkt festgenommen. Der Polizist, der ihr bei der Vernehmung gegenübersteht, stellt eine ungewöhnliche Bedingung, um sie nicht zu verraten und dadurch ihre Arbeit und ihr unbescholtenes Leben zu gefährden. Wie weit ist Greta bereit für ihre teuer erkauften Strümpfe zu gehen?

Tja, und nun habe ich ein Problem: all meine Notizen hinsichtlich Sprache, Aufbau, Erotik, Charaktere und Umsetzung würden ausgeschrieben beinahe so ausführlich werden wie die Geschichte selbst. So wenige Seiten Story, und so randvoll mit Eindrücken und Erlebnissen. Ich werde mir viele meiner Gedanken aufheben müssen für die anderen Teile der Reihe. Und es wird nicht leicht, mich hier kurzzufassen und die wesentlichen Punkte herauszuarbeiten ;-)

Vorab ist zu erwähnen: wenn ich ein Buch bewusst genieße, dann tue ich dies gerne im Lesesessel, dazu Essen und Getränk. Je nach Buch kann das alles mögliche sein, von Gummibärchen über gesalzene Nüsse, von heißem Kakao über Tee oder Irish Coffee. Aber ein Talisker und hauchfeine Schokolade, das gibt es nur für sehr wenige ausgewählte Titel. So auch hier, anders konnte ich mir den Genuss der Novelle nicht vorstellen, und ich wurde nicht enttäuscht.

Bereits in der ersten Szene beweist die Autorin ihr Fingerspitzengefühl für die Gratwanderung zwischen anmutiger, literarischer Sprache und einfach zu lesenden Texten. Der Leser wird sofort mitten in das Geschehen gezogen. Ohne speziell Dinge hervorzuheben, macht sie in Nebensätzen die damalige Zeit und ihre Gegebenheiten lebendig, die Recherche fließt wie selbstverständlich in den Text ein. Zichorien-Papier zum Schminken, keine Klingel um Strom zu sparen, Türen verheizen mangels Brennholz und viele weiteren kleinen Dinge lassen mich in die Geschichte tauchen und alles um mich herum vergessen.

Das Setting ist sehr schön gewählt: ein Mörder soll gefasst werden, und Greta rückt mit ihren Schwarzmarktaktivitäten in das Visier des Ermittlers. Obwohl der Hintergrund so atmosphärisch dicht gewebt ist, bleibt dies dennoch Mittel zum Zweck der Begegnung (nichtsdestotrotz ein wunderbares Mittel, auf das man keinesfalls verzichten darf, wird die Erotik durch das Setting und die Umgebung doch immens angefacht). Daher empfand ich das etwas abrupte Ende nicht als enttäuschend, sondern vielmehr als Möglichkeit, meine Phantasie weiter auf Reisen zu schicken und mir vorzustellen, wie die beiden nun gemeinsam auf die Jagd gehen werden.

GEWAGTES SPIEL ist ein astreines Kammerspiel zwischen Greta und dem Polizisten. Das ist besonders riskant, da alles Augenmerk auf den Protagonisten liegt und jeder kleine Ausrutscher sofort bemerkt würde. Doch alles ist stimmig, fügt sich wie Zahnräder perfekt ineinander. Besonders erwähnenswert: trotz der wenigen Seiten gelingt es Nora Schwarz, die beiden eine eindrucksvolle Entwicklung durchlaufen zu lassen, die glaubwürdig und vor allem nachvollziehbar beinahe wie von selbst verläuft.

Was mir an dem erotischen Aspekt hier besonders gut gefällt: die Grenzen zwischen den Rollen verschwimmen. Ist es anfangs noch der Polizist, der die Fäden in der Hand hält, übernimmt die Frau immer mehr die Führung. Er bestimmt die Regeln, er hat ihre Zukunft in der Hand, er bestimmt das Spiel. Doch sie weiß ihn zu führen, seine Lust zu wecken und das Tier in ihm zu reizen, seine Kontrolle ins Wanken zu bringen. Wer hat hier wen in seiner Kontrolle, wer ist Top, wer ist Sub, oder ist das am Ende nicht sogar völlig egal? Ist es nicht die Leidenschaft, die zählt, das Verlangen nach Nylon, Anmut und Ästhetik? Die Lust auf ein wenig Abwechslung und Schönheit in einer grauen, kalten, lieblosen Zeit der Ruinen, des Mangels im Angesicht des Verlustes und der erlittenen Gewalt?

Auch die Faszination Nylon wird hier sehr explizit ausgelebt. Ich gebe zu, dass ich erstaunt war, wie gut sich dieses Thema einbinden lässt, nicht nur mit wenigen Sätzen sondern als Hauptbestandteil einer eigenen Geschichte. Und umso mehr bin ich gespannt, was sie nun in den anderen fünf Novellen mit uns teilen wird, kann es kaum erwarten und würde am liebsten sofort weiterlesen! Doch wie Whiskey und Schokolade sind diese Geschichten nichts, das man gedankenlos verschlingt, sondern schlückchenweise, blockweise genießt. Also werde ich mich ein wenig gedulden, bevor es weitergeht, den besonderen Moment umso intensiver auskosten.

Was die Sprache betrifft, gibt ja immer wieder einmal Bücher, in denen ich einzelne Sätze zitieren möchte. Diese Bücher fallen meistens unter die Kategorie "Literatur" (wobei ich diesen Begriff nicht mag, da er abwertend gegenüber der oft großartigen und kunstvollen Belletristik konnotiert wird). Und hier hatte ich oftmals das Bedürnis, Passagen hervorzuheben, laut zu lesen, sie zusammen mit dem herben Whisky und der zartbitteren Schokolade auf der Zunge zergehen zu lassen. Wenn ich wieder einmal verärgert lesen muss, dass moderne Erotik "keine Literatur" sei, dann zücke ich den Kindle und zitiere Nora Schwarz!

Bleibt nur noch zu sagen, dass GEWAGTES SPIEL ein gelungener Einstieg in die Reihe ist. Sosehr, wie der erste Teil mich begeisterte, habe ich fast ein wenig Angst, dass es besser gar nicht werden kann. Aber so, wie ich Nora Schwarz kenne, hat sie wohl noch einiges zu bieten, und ich verlasse mich ganz auf ihre Erzählkunst ;-)


SaschaSalamander 23.08.2013, 08.44

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