SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Rubber

RUBBER ist genial. Ich fühle mich aktuell irgendwie überfordert, eine ausführliche Rezension zu schreiben, die diesem Kunstprojekt (es als "Film" zu bezeichnen würde dem Werk kaum gerecht) gerecht wird. 




Es beginnt bereits damit, dass es kaum möglich ist, die Handlung zu beschreiben. Ich versuche es einmal. Ein Mann steht im Vordergrund, ein Auto nähert sich. Aus dem Kofferraum steigt ein Polizist, und er richtet sich an den Zuschauer sowie an den Mann im Vordergrund (welcher der Filmvorführer ist). Er erklärt, dass alles, was im Film geschieht, Willkür ist, sei es nun die braune Farbe von ET oder dass zwei Charaktere sich verlieben, oder oder. Eine Gruppe von Menschen mit Ferngläsern steht in der Wüste und ist nun gespannt auf den Film, welchen der Vorführer ihnen zeigen wird. Allerdings geschieht der Film in Echtzeit, Schauspieler (unter anderem der Polizist vom Anfang) agieren live. Der Film, welchen die Zuschauer betrachten, handelt von einem Autoreifen, welcher in der Wüste zum Leben erwacht, seine telekinetische Seite entdeckt und sich köpfesprengend über die Straße rollt. Er verliebt sich in eine Frau, und gleich einem Roadmovie (mit Highway, Tankstelle, Motel und allem, was dazugehört) folgt er ihr quer durch Amerika, fröhlich vor sich hinmetzelnd. Die Zuschauer sind geschockt, die Schauspieler möchten das Schauspiel langsam beenden, aber ein besonders hartnäckiger Zuschauer macht dem Vorführer ganz schön zu schaffen und greift letztendlich selbst in die Handlung ein. 

Klingt verwirrend? Ist es auch, aber gerade das ist der Reiz des Films. Wäre es Literatur, würde ich es klar dem Genre Nonsense zuordnen. Ich mag es, wie hier mit den Erwartungen gespielt wird, wie Klischees gebrochen werden und absolut unrealistische Dinge ohne jeglichen Kontext geschehen. 

Dem Cover zufolge erwartete ich einen billigen Trash, vergleichbar Killertomaten, Killerpiranhas, Sharknado, Biber Fieber oder ähnlich schrägen Titeln. Wer das erwartet und darauf hofft, der wird enttäuscht sein. Ja, es wird gesplattert. Aber während die Splatterfilme einfach dazu taugen, das Hirn abzuschalten und sich zu amüsieren, findet das Amüsement hier auf einer deutlich gehobeneren Ebene statt. 

Es ist eine Hommage an diverse Horrorstreifen, Slasher-Filme, Roadmovies. Gleichzeitig erinnert es von der Art des Humors her gelegentlich an MYSTERY SCIENCE THEATER 3000, wenn die Zuschauer die Aktionen des Filmes mit platten Sprüchen kommentieren. 

Die Idee, den Autoreifen zu personifizieren, wird sehr schön umgesetzt. Er wird nicht vermenschlicht, bekommt keinen Gesichtsausdruck, keine Gestik oder Mimik. Aber er wird mal verlangsamt, mal vibriert er, mal rollt er schneller, scheint an einem Gegenstand zu schnuppern, sein Spiegelbild in einer Pfütze zu betrachten. Dies lässt viel Raum für Interpretation (sofern der Zuschauer über die Emotionen eines Killerreifens philosophieren und dem eine tiefere Bedeutung beimessen möchte). 

Witzig ist, wenn die Schauspieler ihre Rolle kritisieren, sich über die billigen Texte aufregen oder die Zuschauer in die Handlung eingreifen und über Realität und Fiktion diskutieren. Als es dem letzten Zuschauer zu bunt wird, kritisiert er sogar den menschlichen Protagonisten und erklärt ihm, weshalb Spannungsaufbau und Handlung einfach ungünstig sind und wie man den Film besser machen müsste. 

Was immer der Zuschauer (in diesem Fall wir, nicht die Filmzuschauer) erwartet, wird im nächsten Moment ins Gegenteil gedreht. Wieder denke ich an die Herzogin aus Alice: "Bereits vor dem Frühstück denke ich an sechs unmögliche Dinge". Dies scheint der Macher sich zum Motto gemacht haben, und seine unmöglichen Ideen sind ein Schatzkästchen schrägen Humors. Beispiel gefällig? "Das ist gar nicht real" - "Wieso?" - "Na, sehen Sie, Wie tragen da zum Beispiel eine Plüsch-Eidechse unter dem Arm" - "Ja, und?"

Auch die Musikuntermalung ist großartig. Sie ist so unpassend, dass sie die Absurdität des Filmes komplett unterstreicht. Das Erwachen des Reifens wird begleitet von Blockflöten (bzw elektronischer Musik, Stil "Woods"), ganz klassisch und leichtfüßig, und während die Flöten vor sich hinflöten, wird dem ersten Lebewesen bereits der Kopf weggeblasen, BÄM! FLÖT! TIRILIER! Zwischendurch gibt es dann schmissigen Country, während der Reifen über die Straße rollt, und als Hommage an die ganzen alten Schinken gibt es typische 80er Jahre Musik, die glatt als Titelmusik irgend einer billigen Familienserie verwendet werden könnte. Ach, da kommen nostalgische Gefühle in mir hoch! Und wenn man sich an die Musik gewöhnt hat, folgen asiatische Klänge, die direkt von Mamis Meditations-CD stammen könnten. Denn auch der mutigste Reifen braucht mal ein wenig Pause und Erholung!

Auch die Bilder sind toll. Die Kameraführung passt sich dem rollenden Reifen an, führt den zuschauer durch die staubige, flimmernde Wüste, lässt ihn voyeuristisch durch den Türspalt eine Duschszene beobachten, fängt die Weite der Landschaft hervorragend ein. 

Ach ja, was noch erwähnenswert ist: es ist ein französischer Film. Was mich sehr irritierte, damit hätte ich nicht gerechnet, kann ich mit französischen Titeln sonst eher wenig anfangen. Verantwortlich für RUBBER ist Quentin Dupieux, der mir bis dato kein Begriff war. Das soll sich ändern, ich werde mir weitere Titel von ihm ansehen, jetzt bin ich angefixt!

Wer Action und billigen Humor will oder auf einen trashigen Splatterstreifen hofft, wird enttäuscht sein. RUBBER dürfte die Lager spalten. Begeistert sein werden vor allem Filmfreunde, die skurillen Humor lieben, die sich gerne auf der Metaebene mit verschiedenen Genres und Stilen auseinandersetzen und die offen sind für absoluten Nonsens mit hintergründiger Botschaft  ;-)

Schon lange habe ich nicht mehr so gelacht wie bei diesem Film. Und schon lange fiel es mir so schwer, die Augen von der Leinwand abzuwenden. Hätte ich ihn im Kino gesehen, der Popcorneimer wäre danach noch voll gewesen!

SaschaSalamander 21.08.2015, 09.13

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