SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Uzumaki

Kirie wohnt in Kurouzu und ist mit Shuichi zusammen. Dieser pendelt zwischen Midoriyama und Korouzu hin und her. Daher ist er auch der erste, dem die Veränderungen auffallen: die Menschen beginnen sich in Korouzu seltsam zu verhalten. Erst schleichend und subtil, dann immer grausamer werden die Veränderungen. Spiralen machen die Menschen körperlich krank, ziehen sie in ihren Bann und treiben sie zu schrecklichen Taten der Selbstverstümmelung, des Mordes oder in den Wahnsinn. Auch die Natur verändert sich, seltsame Phänomene treten auf, treiben das Dorf ihrer Vernichtung entgegen. Shuichi und Kirie gehören zu den wenigen, die immun sind gegen diese Veränderungen, sie versuchen zu fliehen. Doch der Ort lässt niemanden mehr aus seinem tödlichen Strudel entkommen ...


Es ist nun schon das dritte Mal, dass ich diesen Manga UZUMAKI (japanisch für "Spirale") gelesen habe. 1998 in Japan erschienen, wurde er vom Carlsen Verlag bei uns ab 2013 veröffentlicht. Dieses Werk hat einen festen Platz in meinem Regal, und ich werde es sicher mit etwas Abstand erneut lesen.

Die Erzählweise und das Setting erinnern in vielen Punkten an die Meisterwerke von H P Lovecraft und Edgar Allen Poe, die ich beide sehr verehre. Von Lovecraft findet sich der übernatürliche Teil. Das Böse ist fremdartig, nicht greifbar und omnipräsent. Es ist um die Menschen herum, es ist in den Menschen, der Übergang ist fließend. Es ist ein Spiel mit der Faszination, die übergeht in eine Obsession und dann in Wahnsinn endet. Der Gegner ist nicht sichtbar, man kann sich nicht gegen ihn wehren, ja man erkennt ihn nicht einmal, und dann ist es bereits zu spät. Das unbeschreibliche Grauen ist überall: in der Natur, im Menschen, in Formen und Mustern. Wind, Rauch, Lehm, Schneckenhäuser, Spielzeug, Essgeschirr, Haarlocken, Warzen und Narben, Bäume, Architektur. Selbst im menschlichen Körper finden sich diese Muster, es beginnt bereits im Mutterleib.

Poes Einflüsse finden sich vor allem in den menschlichen Abgründen wieder. Liebe und Zusammenhalt als tragende Kraft durch alle Bände. Immer wieder durchbrochen von den Schattenseiten der menschlichen Untiefe. Die Menschen neiden dem anderen, sie spinnen Intrigen, grenzen sich voneinander ab. Sie buhlen um Aufmerksamkeit, es wird ein Keil in bestehende Beziehungen getrieben, sie kämpfen um ihr Überleben und gehen dabei wortwörtlich über Leichen. Und wie auch bei Poe wird das Thema Krankheit / Tod in seinen verschiedenen Varianten ausgekostet, sei es durch Wiederauferstehung, langwieriges Siechtum, unmenschliche Enstellungen und natürlich verschiedenste Arten des Ablebens.

Und natürlich ist all das horrortypisch auch mit entsprechenden optischen Zutaten gewürzt: Schleim, Blut, hervorquellende Augen, verdrehte Körper. Ein Spiel aus Licht und Schatten, die Dunkelheit erzeugt eine betörende Sogwirkung, man kann die Tiefe gut erkennen und erspüren.

Es ist also zwar auch optisch brutal, da lässt sich der Zeichner Junji Ito wirklich keine Gelegenheit des Ekels und Horrors entgehen, die ihm diese Geschichte bietet. Doch der eigentliche Horror spielt sich im Kopf des Lesers ab, der als Beobachter selbst immer tiefer in die Geschichte gesogen wird und das Grauen nicht greifen kann und niemals weiß, was als nächstes geschehen wird. Und so brutal manche der Zeichnungen auch sind - der Zeichner lässt manche Bilder ganz bewusst offen, macht am Höhepunkt des Kapitels einen Break, die tatsächliche Szene wird nicht gezeigt und bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.  

Der Erzählaufbau ist ebenfalls herausragend. Es beginnt harmlos, alltäglich (so kennen wir es ja vor allem von Stephen King: eine Kleinstadt, man kennt sich, überall vertraute Dinge), langsam beginnen die Veränderungen, es scheint harmlos und steigert sich kontinuierlich (wie eine perfeke Abwärtsspirale), bis alles im Verderben endet. Und dann endlich die Erkenntnis, die beiden Helden dringen vor zum Zentrum des Geschehens und müssen die Wahrheit erkennen. Es mag sich gegen Ende für den Leser vielleicht etwas ziehen, ist im Rahmen des Storytelling aus meiner Sicht aber absolut notwendig, da es hier eben nicht um die Action der ersten Teile geht, sondern um die psychologischen Abgründe, nachdem die Menschen alles verloren haben und zu ihren Urinstinkten zurückkehren.

Der Zeichenstil ist sehr realistisch. Die Charaktere lassen sich gut voneinander unterscheiden in Gesichtsform, Frisuren, Mimik. Sie sehen nicht "hübsch" aus, sondern man sieht ihnen das Leid an. Sie sind ausgezehrt, verängstigt, entkräftet, wahnsinnig, sie leiden an Schlafmangel, ihr Körper ist ein Spiegelbild der kaputten Seelen. Auch ist der Manga in klassisch westliche Panels unterteilt, wie man es eher aus Comics kennt. Dabei gelingt es dem Zeichner, die Spiralen überall unterzubringen, sie bilden einen markanten Kontrast zu den geraden Linien der Seiten.

UZUMAKI ist ein Spiel mit den Urängsten tief in uns, ein Meisterwerk der Erzählkunst und der bildlichen Darstellung menschlicher Abgründe. Ein absoluter Tipp für alle, die klassischen Horror im Stil der alten Meister zu schätzen wissen.

SaschaSalamander 16.01.2019, 09.07

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