SaschaSalamander

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Willkommen in Wellville

Eine Rezi aus dem Fundus der gespeicherten Beiträge. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass ich den Film gesehen habe. Macht nix, erinnere mich noch immer gerne daran. Und damit der Blog nicht verwaist, wenn ich aktuell mal weniger tippe, hier ein Oldie:

Dr. Kellog ist Arzt und leitet das BattleCreek Sanatorium in WellVille. Eleanor und William Lightbody wollen sich dort gemeinsam kurieren lassen. Während sie absolut begeistert ist von dem Arzt und seinen Methoden, ist er eher skeptisch. Die beiden beginnen sich zu entfremden. Als plötzlich mehrere Menschen sterben, bekommt William es mit der Angst zu tun. Und gleichzeitig, abseits des Sanatoriums, versucht jemand sich eine neue Firma aufzubauen, nachdem sein Geschäftspartner die Gelder veruntreute und sie nun vor dem Nichts stehen. Sie planen das Rezept der Gesundheitsflocken des Dr Kellog zu imitieren und damit erfolgreich zu werden.

Dieser Film ist inhaltlich sehr schwer zu beschreiben und noch schwerer zu rezensieren. Der schräge Humor, der ungewöhnliche Soundtrack und die mit unorthodoxen Methoden erzählte Handlung lassen sich nur schwer beschreiben. Eigentlich müsste ich sagen "seht es Euch einfach selbst an", damit wäre alles gesagt. Aber Ihr kennt mich, ich versuche trotzdem, es irgendwie zu beschreiben ;-)

Die Handlung läuft zwar linear (bis auf einige Rückblicke), dennoch gibt es mehrere Handlungsstränge. Und es gibt zwar einen roten Faden und einen Handlungsverlauf, dennoch sind es eher episodenhafte Bruchstücke, die sich zu einem Gesamtbild fügen und deren Reihenfolge man gelegentlich auch abändern könnte. Diese Bruchstücke zeigen dem Zuschauer einfach auf, was in BattleCreek los ist, und diese Episoden machen für mich einen großen Reiz des Filmes aus, da sie auf herrlich böse Weise den Körperkult und Gesundheitswahn aufs Korn nehmen.

Der Humor ist ebenso schwer zu beschreiben: im Grunde ist der Film gar nicht komisch, er ist sehr ernst gedreht und zeigt eigentlich nur, was den Protagonisten widerfährt. Er ist auch nicht unfreiwillig komisch, da alles sehr durchdacht und perfekt platziert und in Szene gesetzt ist, von der Musik über die Kostüme, Masken etc. Was macht es jetzt aber auch? Ich finde, es ist das Überbetonen kleiner körperlicher Merkmale (Zähne, Nase, Augen usw), das minimale Überspitzen eines alltäglichen Rituals, die unerwarteten Reaktionen auf normale Verhaltensweisen, die Dramatisierung undramatischer Momente. Und vor allem die grandiosen Dialoge, deren Witz hinter den Worten liegt und sich erst aus der Kombination von Wort, Handlung und Bild ergibt. Der Humor hat den Charme der alten amerikanischen Filme (den ich sehr mochte im Gegensatz zu den neuen, plumpen Scherzen von heute) und die Offenheit (hinsichtlich sexueller und körperlicher Belange) der Briten. Alles zusammen ist eine Kombination, die wie gesagt nur schwer zu beschreiben ist und einfach selbst erlebt werden muss. Und ich denke, sie ist recht eigenwillig und dürfte die Zuschauer spalten in "was für ein Meisterwerk" und "so ein Schrott". 

Absurd und bizarr, nichts Menschliches ist diesem Film fremd, seien es Körperfunktionen, Gelüste, Ängste, niedere Instinkte und weitere ansonsten tabuisierte Themen. Weidlich ergötzen die Macher sich daran, ihre Protagonisten zu entblößen und allerlei schambehafteten Situationen auszusetzen, ohne dass man dabei vulgär würde oder zeigt. Nein, gezeigt wird hier nicht, aber sehr viel angedeutet und besprochen. Warum auch nicht, immerhin ist hier ein Sanatorium, da redet man nicht über Torten und Blümchen, sondern über das, was man täglich erleidet und das, worauf man verzichten muss. 

Eine Karikatur des ZAUBERBERGs, ein absurder Vater-Sohn-Konflikt wie bei CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK, Charaktere wie in EINE REIHE BETRÜBLICHER EREIGNISSE, britische Offenheit wie bei MONTY PYTHON und LITTLE BRITAIN. Wer sich für Roald Dahl, Lemony Snicket, Monty Python, A S Neill und ähnliche Titel begeistern kann, dürfte WILLKOMMEN IN WELLVILLE als Meisterwerk feiern. Alle anderen werden sowieso nach fünf Minuten wieder ausschalten ;-)


SaschaSalamander 12.05.2014, 09.06

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