SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Option B bitte - Einzelfahrschein

VORAB

Wie im Blog bereits erwähnt, liegt es mir fern, Bücher  mit Lebensläufen oder persönlichen Erfahrungen zu bewerten. Wer bin ich, über etwas so Persönliches und Intimes zu urteilen? Daher möchte ich mich darauf beschränken, den groben Inhalt zu schildern und zu erzählen, was dies bei mir ausgelöst hat und wie ich das Buch empfand. 


INHALT

Miriam Kassner schildert in OPTION B BITTE: EINZELFAHRSCHEIN ihren Weg der Transition (Geschlechtsumwandlung). Als Jugendlicher immer das Gefühl, dass irgend etwas nicht stimmt und anders ist als bei anderen Jungen. Und nach der Erkenntnis "ich bin eine Frau" folgte das Versteckspiel, der Zwiespalt zwischen den Erwartungen an ihr männliches Rollengeschlecht und ihrer weiblichen Seele. Als das Versteckspiel nicht mehr genügte, wagte sie den Schritt in die Öffentlichkeit, outete sich vor der Familie, ging zu einem Therapeuten und absolvierte nacheinander alle Schritte, die rechtlich und medizinisch notwendig waren. Gegen Ende des Buches noch ein Interview in die Handlung eingebettet und eine kurze Geschichte aus einer anderen Phase ihres Lebens, die nicht mit der Transition in Zusammenhang steht aber dennoch erzählt werden sollte.




ALLES EASY - ODER WAS

Das Buch besticht dadurch, dass alles sehr einfach wirkt. Hier und da wird zwar erzählt, dass sie Angst hatte vor dem Outing, aber diese Ängste erweisen sich als unbegründet. Auch die Bedenken vor einer OP, die Sorge vor dem ersten Spaziergang in der Öffentlichkeit, die Sorge um körperliche Funktionen, alles hinfällig, alles läuft perfekt. Die Umwelt reagiert positiv, die OPs laufen rund, der Körper ist voll funktionsfähig, und Miri kommt mit ihrer Situation hervorragend klar. 

Die anfänglichen Selbstzweifel und Sorgen werden eher en passant erwähnt. Ich kann nicht beurteilen, ob es in ihr selbst immer so rosig aussah, wie die Autorin es schildert. Ob dies daran liegt, dass sie intime Details nicht an die große Glocke hängen will (ab-so-lut verständlich und ihr gutes Recht), ob sie manches verdrängt hat im Nachhinein (das glaube ich weniger, denn sie wirkt äußert reflektiert) oder ob sie den Lesern ein gutes Gefühl geben möchte, das weiß nur sie allein. 

Ich vermute, dass sie den Lesern ein gutes Gefühl geben möchte, und das ist ihr gelungen. Angehörige bekommen kein tränenüberströmtes Leiden präsentiert, werden aber mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert. Anhand vieler Beispiele wird gezeigt, wie Menschen einfühlsam reagieren können, wenn jemand in ihrem Umfeld sich für die Umwandlung entscheidet. Betroffenen wird durch das Buch Mut gemacht: Wage es, Deinen Weg zu gehen, die Menschen sind inzwischen aufgeschlossen und werden Dich unterstützen, ein paar Vollidioten hin oder her! Und Leser, die einfach neugierig sind auf eine ungewöhnliche Biographie, bekommen einen ungewöhnlichen Einblick in die Gefühlswelt einer faszinierenden Frau.

Positiv fällt auf, dass Miri sich trotz allem auch Fehler eingesteht. Etwa wenn sie anfänglich noch sehr empfindlich auf die Mitmenschen reagiert und in ihrer Reaktion einmal über das Ziel hinausschießt. Der Prozess ihrer Frauwerdung war eben einfach, aber deswegen keinesfalls reibungslos. Nicht nur die Umwelt, auch ihrer Unsicherheit, ihre neue Pubertät, ihre aufkommenden Gefühle machen ihr gelegentlich zu schaffen. 


SCHREIBSTIL

Der Schreibstil ist meistens sachlich, die Sätze sind klar, es ist hervorragend strukturiert und sprachlich schlicht gehalten. Ziemlich schnörkellos und sehr direkt. Dazwischen immer wieder Humor und Ironie.

Was mir sehr gefällt ist, auf welche Weise die Autorin manche Details schildert. Die geschlechtsangleichende Operation, ihre Orgasmusfähigkeit oder auch der Besuch im Sexshop, sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um intime Erfahrungen geht. Ihr Stil ist dabei jedoch gewürzt mit Selbstironie und angenehmen Formulierungen, sodass sensationslüsterne Leser (zum Glück) enttäuscht werden. 

Kurz gesagt: der sachliche Ernst wird dem an sich sensiblen Thema gerecht, der Humor zwischendurch bricht mit dem gesellschaftlichen Tabu und ermöglichst, gemeinsam darüber zu lachen und offen zu kommunizieren. 


HÖRBUCH

Das Hörbuch wird gesprochen von Björn Korthof. Seine Stimme ist sehr angenehm und fängt die Weiblichkeit der Autorin sehr gut ein. Es ist eine Freude, ihm zu lauschen. Allerdings gebe ich zu, dass ich mir eine Sprecherin für die Vertonung gewünscht hätte: Miri ist kein Mann, war es noch nie, warum also ein männlicher Sprecher für eine weibliche Biographie? Das ist allerdings etwas, das die Leistung Korthofs nicht schmälert, so irritierend ich das anfangs dennoch empfand ;-)


PERSÖNLICHE MEINUNG

Ich fand OPTION B BITTE anfangs etwas zäh, das erste Viertel vor dem Outing fand ich stellenweise etwas langgezogen, hätte einmal sogar kurz abgebrochen deswegen. Es fiel mir nicht leicht, mich in die Autorin hineinzuversetzen, und ich hörte das Buch mit einer gewissen Distanz. Das legte sich, als sie anfing von ihrem Weg zu schreiben. Ab dort wird der Text flüssiger, emotionaler und vor allem lebendiger. Es scheint, als spiegelt sich auf diese Weise gewissermaßen ihr Leben, von dem etwas stockenden Einstieg über die Selbstfindung hin zur Freiheit. 

Insgesamt jedoch hat mir das Buch sehr gut gefallen. Miri ist eine interessante Person, die man gerne live kennenlernen möchte. Sie wirkt offen, humorvoll, reflektiert, dabei auch angenehm ruhig und unaufgeregt. 

Ich hoffe, dass viele Leseratten ihr Buch verschlingen. Denn ein so positiver Bericht kann nur dazu beitragen, die Gesellschaft voranzubringen und endlich ein paar Schubladen zu öffnen ... 




SaschaSalamander 06.04.2015, 08.36

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