SaschaSalamander
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Tag: Erfahrungen

Lessons in Lack

Viel zu schnell hatte ich dieses Buch beendet. Oder vielleicht war es trotz seiner 366 Seiten viel zu kurz. Ich hätte ewig weiterlesen können! LESSONS IN LACK verkörpert das, was andere Titel bisher versprochen aber nicht geboten hatten.

>Die Autorin< schildert ihre Erfahrungen als "Jungdomina Lady Elvira" im Studio Medea, Baden Würtemberg. Sie hat gerade ihr Studium begonnen und möchte gerne etwas dazuverdienen. Ihrer Neigung entsprechend entschließt sie sich für die Arbeit in einem SM-Studio. Dort entwickelt sie sich von einer Studentin hin zur selbstbewussten jungen Frau, die ihren Weg kennt.

Sie erzählt über die verschiedenen Aspekte ihrer Arbeit, der Vereinbarkeit von Studium und Studio. Der Leser erhält Einblicke in den Alltag einer Domina, lernt die unterschiedlichen Charaktere und Vorstellungen der Mitarbeiter kennen. So verschieden die Wünsche der Kunden sind, so unterscheiden sich auch die Vorgehensweisen der einzelnen Kolleginnen. Und vor allem geht es sehr, sehr menschlich zu, denn auch eine Herrin ist noch immer eine Frau. Dieses Buch kratzt gewaltig am Lack dessen, was der Alltagsmann sich unter einer stets dominanten, unberührbaren Herrin vorstellt, und doch poliert es das Image dieses Gewerbes liebevoll auf.

Ich weiß nun nicht so recht, wo ich anfangen soll, und vielleicht wirkt meine Rezension diesmal ein wenig chaotisch. Aber das ist in Ordnung, denn auch das Buch ist kein geradliniger Verlauf, sondern es schildert verschiedene Abschnitte, die nicht unbedingt immer zusammenhängen müssen sondern einfach nur punktuell ein Thema behandeln. Das gefällt mir, denn so kann man auch ohne Zusammenhang das Buch an jeder Stelle aufschlagen, daraus lesen, vorlesen, sich amüsieren, man wird es danach nicht mehr weglegen. Immer wieder einmal, wenn ich laut lachte oder aufjaulte, (sosehr litt ich mit den Beteiligten mit, nicht vor Schmerz sondern ob der obskuren Situationen), wollte mein Freund wissen, was los sei, ich las ein paar Seiten vor, und wir lachten gemeinsam.

Bei Nora Schwarz sitzt jedes Wort, jede Metapher. Originelle Beschreibungen machen die Situationen so plastisch, als wäre man live dabei. Oft verzog ich qualvoll das Gesicht oder guckte ebenso überrumpelt wie Jungdomina Elvira in diesem Moment. Ungläubigkeit, Staunen, Fassungslosigkeit, Wut, Hilflosigkeit, der Leser wird durch die gesamte Palette an Emotionen geführt und erleidet diese am eigenen Leib, während die Autorin von ihren Erfahrungen erzählt.

Da wäre etwa die erste Probesession mit einer älteren Herrin, die in tiefstem Schwäbisch ihre Anweisungen gibt und von Dominanz eine ganz andere Vorstellung hat als Elvira. Das erste Arbeiten alleine mit der unglücklichen Trans-Nummer von "Rudi" in seinen RosenkohlStiefeln. Das Outing vor den Eltern und ihrer Freundin. Ein ungewöhnliches Arbeiten mit einem Senioren berührte mich sehr, denn eine Domina ist oft auch Psychologin und Krankenschwester. Besonders witzig gelungen ist ein Rollenspiel, in das Lady Elvira ungefragt einfach ohne Ankündigung hineingeworfen wurde. Auch die Vorführung der Chefin, wie eine perfekte Domina sich benehmen müsse, war sehr eindrucksvoll, zeigte sie doch wieder sehr deutlich, wie weit die Wünsche und Vorstellungen manchmal auseinander liegen.

Was mich ein wenig störte ist, dass die Autorin sehr oft abschätzig von Gästen, Kollegen und Chefin redet. Andererseits mit einem solch umwerfenden Charme und so überspitzt, dass man doch den Respekt vor der Verletzlichkeit  und den Sehnsüchten ihrer Gäste erkennen kann. Zudem stellt sie sich auch selbst dem Feuer ihrer Kritik. Mitten in einer Session wölbt sich der Busen über das Korsett, springt Ihr ein Knopf von der Bluse, wird sie überrumpelt von dem dreisten Verhalten eines Gastes, muss sie sich das Lachen verkneifen oder begeht Fehler, die eben passieren, wenn Menschen am Werk sind. Das gefällt mir, zeigt es doch, dass eine Herrin nicht immer perfekt sein muss und auch eine Domina ihr Handwerk schrittweise lernt und selbst nach vielen Jahren danebenliegen kann. Der Leser kann sich einige Male angesprochen fühlen und wird sich hier und da in seiner Einstellung oder seinem Verhalten wiederentdecken.

Inwieweit nun alles realistisch ist, ob und wie Namen verändert wurden und welche der Szenen "dramaturgisch verändert" wurden, das weiß nur die Autorin allein (ich hatte jetzt auch nicht das Bedürfnis zu googeln, wozu?). Aber es ist mir egal, denn ob nun 100 % real oder nicht, ich habe mich hervorragend unterhalten,  das Buch wandert in mein Regal, und ich bin sicher, es ist sehr viel Wahres zwischen diesen Buchdeckeln zu finden.

Ein paar Beispiele ihres Schreibstils gefällig? ;-)

Ich war nicht ernsthaft entsetzt über das, was sie mir gerade erzählt hatte. Dennoch fühlten meine Ohren durch diese wertvollen Ratschläge irgendwie gewaltsam entjungfert an. (S. 74)

Die schenkellangen Stiefel waren nämlich so grün, als wollten sie mich an meinen Kindheitsekel vor Rosenkohl erinnern. Das geradzu quietschende Grün, das da seine Beine einhüllte, führte auch nur bei kurzem Hingucken einen derart heftigen Pigmentkrieg mit den pinken Wänden von Studio zwei, dass meine Netzhaut aufjaulte. (S. 75)

Ihre Stimme ätzte kleine Löcher in die schwarze Lacktapete der Wände. (S. 191)

Von ihr würde ich so wenig über weibliche Dominanz lernen wie von SpongeBob. (S. 198)

Die Schmetterlinge, die gerade noch meine Mageninnenwände mit ihrem Geflatter gestreichelt hatten, sanken nun ohnmächtig nach unten an den tiefsten Punkt meines Magens. (S. 336)

Ein erotisches Buch (prickelnd, spritzig, heiß etc) darf man nicht erwarten. Ebensowenig eine Lebensbeichte im Stil der Belle de Jour oder Fucking Berlin. Auch nicht das Erfolgsrezept einer bekannten Domina wie Princess Spider. Dafür aber einen unterhaltsamer Ausflug hinter die Kulissen eines SM-Studios. Ich empfehle das Buch allen, die das Thema Sexualität nicht ganz so ernst nehmen und auch über sich selbst lachen können :-)

SaschaSalamander 08.06.2011, 09.34 | (0/0) Kommentare | PL

Don´t worry, be German

doyle_begerman_1.jpgHabe grad mal Lust, ein paar Bücher über Länder zu lesen. England, Amerika, Deutschland, demnächst dieses Finnen-Buch. Vergleiche ziehen, Positives herausarbeiten, Macken erkennen. Spannende Sache.

NICHTS GEGEN ENGLÄNDER, UNTER DEUTSCHEN BETTEN und NOTHING FOR UNGOOD haben mich aus jeweils ähnlichen Gründen ziemlich genervt: weil voreingenommen eine Kultur schlecht gemacht wurde unter dem Deckmäntelchen des Beobachtens. Aber ich habe keine Lust, ständig zu lesen, wie gemein die Deutschen sind, wie dämlich die Engländer doch sind und wie unhöflich unsere Kultur ist und überhaupt Schließlich gibt es nicht "den" Deutschen oder "den Ami", sondern eine Kultur ist einfach ein Mischmasch aus allen, die darin leben, und da ist es unfair, alles über einen Kamm zu scheren und schlechtzumachen. Diese Bücher waren alle drei vielmehr Jammern als Beschreiben, und alle drei habe ich am Ende nur noch überflogen und dann weggelegt.

Da finde ich dagegen DON´T WORRY, BE GERMAN von John Doyle gerade sehr angenehm und auch witzig, das hat mir gefallen. Stellenweise zwar ein wenig klischeehaft, aber ich wollte ja auch kein Sachbuch, sondern einen persönlichen Erfahrungsbericht. Und klar, da schreibt der Autor natürlich davon, was er erwartet hatte und was er dann erhielt.

Ich finde es schön, dass er weder Amerika noch Deutschland als das bessere Land darstellt. Er arbeitet einfach die Unterschiede heraus und beschreibt, was ihm schwerfiel, als er damals hier nach Deutschland kam. Aber auch, wie er sich sosehr dran gewöhnte, dass er dann in Amerika Dinge vermisste oder anders machte als dort üblich. Er beschreibt, was ihm hier und dort besser gefällt, ohne dabei die andere Variante schlechter zu machen, arbeitet mit spitzer Feder Vor- und Nachteile eines Verhaltens heraus, sodass man am Ende nur sagen kann, dass beide Länder toll sind.

Eines von vielen Beispielen: er beschreibt, wie er anfangs erstaunt war, dass in deutschen Restaurants die Bedienung so viel langsamer ist als in Amerika. Dass man auf sich aufmerksam machen muss, wenn man zahlen will. Dass man manchmal ewig zu hocken scheint. Grade, wenn man es gewohnt ist, in Amerika zügig bedient zu werden und alles schnellschnell zu machen beim Essen. Das hat ihn sehr gestört, aber irgendwann hat er gemerkt, dass es auch mal toll ist, stundenlang mit nur einem Getränk im Café zu hocken und zu genießen, ohne wie in Amerika für den nächsten Kunden rausgeworfen zu werden. Und dass es schön ist, wenn man einfach gemütlich essen und plaudern kann, in Ruhe und ohne Hektik. Klar ist es lästig, wenn man zahlen will und keiner kommt. Aber es ist auch schön, wenn man nicht quasi schon rausdirigiert wird, wenn man bereits den letzten Happen auf die Gabel nimmt.

Nur ein Moment von vielen, aber das gefällt mir eben an diesem Buch. Dieser Kompromiss. "Hey, alles hat Vorteile und Nachteile". Und auch die unausgesprochene Essenz "sieh es doch positiv, statt Dich darüber zu ärgern". Er schafft es auch sehr gut, kleine Mängel anzusprechen und genau mit dem Finger in der Wunde zu wühlen, aber ohne dabei zu verletzen oder anzuprangern. Etwa die Sache mit dem "Du" oder allgemein einer laxen Begegnung ist schon ganz schön kompliziert mit ihren unausgesprochenen Regeln in Deutschland. Aber er beklagt sich nicht und wettert nicht. Sondern er schildert einfach seine viele Fettnäpfen, als er sich bei der Schwiegermutter zu locker vorstellte, als er den Nachbarn nach langer Zeit glaubte endlich mit "Tagchen" statt "guten Tag" begrüßen zu dürfen. Und dann erzählt er, wie Menschen, die sich seit 10 Jahren kennen und im selben Büro arbeiten nun auf einmal sich die Hand schütteln und zunicken, beschließen sich zu duzen und sich gegenseitig mir ihren Vornamen vorstellen, als hätten sie 10 Jahre zuvor nicht gewusst, wie der andere überhaupt mit Vorname heißt. Ja, da musste ich laut lachen, das ist schon schräg, wenn man das mal von außen betrachtet, er hat absolut recht! Aber es ist nicht schlimm. Sondern es ist lustig. Erst recht mit seinem Schreibstil, der mich unzählige Male zum Lachen brachte.  Allein die Vergleiche zwischen der First Lady aus Amerika und dem "First Man" in Deutschland, oder die Beschreibung des First Dog! Ich habe herzlich gelacht! Ein Gute-Laune-Bauch mit vielen Aha-Effekten, bei dem man sich oft genug selbst ertappt.

Nachdem ich mit den ganzen anderen Titeln fast schon befürchtet hatte, kein passendes Buch mehr zu finden, hat dieses mir dann die Hoffnung gegeben, weiterhin in diesem Genre zu lesen. Es gefiel mir so gut, dass mein Freund wieder ständig dran glauben musste, weil ich ihm irgendeine Passage vorlesen musste. Wenn er nicht sowieso von sich aus fragte, warum ich schon wieder so lache. Es gab dann auch sehr viele interessanten Diskussionen, nachdem wir gemeinsam gelacht hatten, denn es steckt recht viel Wahrheit in diesem Buch, und bei einigen heiklen Themen hatten wir recht interessante Gesprächsthemen.

Wer also gerne einen cleveren und doch witzigen, sympathischen Blick auf die Schrullen und Eigenheiten der Deutschen haben möchte, der sollte die anderen Titel liegenlassen und auf jeden Fall zu John Doyle greifen.

SaschaSalamander 25.04.2011, 09.42 | (0/0) Kommentare | PL

Abgründe

wilfling_abgruende_1.jpgABGRÜNDE - WARUM MENSCHEN ZU MÖRDERN WERDEN. Wer könnte über dieses Thema besser schreiben als ein Mensch, der regelmässig mit Mördern zu tun hat? Jens Wilfling, Mordermittler in München, inzwischen pensioniert. Er hat den Sedlmayr- und den Moshammer- Fall aufgedeckt, er hat etwa 100 Fälle gelöst. Und nun schreibt er also über seine Erfahrungen.

Eine Inhaltsangabe im klassischen Sinne kann man hier nicht geben, es ist ja kein Roman. Aber eine Umschreibung ist möglich: er schreibt im Vorwort, wie die Sieben Todsünden der Bibel sehr mit den Mordmerkmalen (Heimtücke, Habgier, Wollust u.a.) der heutigen Gesetze ähneln. Er schreibt nun in verschiedenen Kapiteln über einzelne Mordmerkmale. Jedem Kapitel widmet er entweder einen Fall (wenn es um einen konkreten Mordfall geht) oder mehrere Beispiele (wenn er einzelne Aspekte darlegen möchte).

Er sagt schon zu Beginn, dass er die psychologische Seite weglassen will, er ist schließlich kein Psychologe. Über diese Seite der Hintergründe muss man also andere Bücher lesen, wenn einen das interessiert. Und auch die juristischen Aspekte klammert er aus. Hier und da schreibt er zwar seine Meinung (wenn er über einige Möglichkeiten und Grenzen der Gesetzgebung frustriert ist), aber auch dies ist nicht Teil des Buches.

Ihm geht es um den Fall an sich. Er schildert meist, wie ein Fall ablief. Dann wird erzählt, wie er zu den Ermittlungen hinzugezogen wurde und wie er schrittweise dem Täter näherkam. Mal ein akribisches Detektivspiel aus endlosen Zeugenbefragungen, mal war der Täter bekannt aber nicht geständig, mal Kommissar Zufall. Es ist spannend, auch aus dieser Sicht zu erfahren, wie ein solches Verbrechen behandelt wird und welche Maßnahmen erforderlich sind zur Verurteilung.

Dieses Buch hat seine Stärken und Schwächen. Eine Schwäche liegt darin, dass man klar merkt, dass er eben kein professioneller Autor ist. Manchmal hat er einen Schreibstil, der doch sehr umgangssprachlich ist. Aber es passt in diesem Fall, denn es ist ja ein Erfahrungsbericht. Würde er gestelzt schreiben oder sich verbiegen, wäre es nicht mehr sein Buch, wären es nicht mehr seine Erfahrungen. Eine weitere Schwäche finde ich die eher unklare Struktur. Die Kapitel sind klar überschrieben, dennoch gibt es auch hier eine Inkonsistenz, etwa "morden Frauen anders als Männer" ist zwar sehr interessant, aber eben kein Mordmerkmal. Ich hätte dann entweder allgemeine Überschriften genommen oder aber wäre klar in der Linie geblieben (der Lektor sah das anders, ist also nur meine persönliche Meinung). Und bei den Fällen hätte ich es schön gefunden, ebenfalls eine Art klare Linie zu haben. Aber mal schreibt er erst vom Fall, ein andermal erst von dem Täter, das nächste Mal gibt es gar keinen Fall. Macht das Buch abwechslungsreich, aber auch etwas unstet und chaotisch.

Was mir etwas aufstieß war das Kapitel über das Thema "Perversion". Das, was er schreibt, war wirklich sehr heftig, ohne Zweifel. Aber es ging nicht um Morde. Sondern zuerst beschrieb er nur einen Fall, wo man einen Verdacht auf Kannibalismus aus sexuellen Motiven hatte, der sich dann aber einfach nur als Kontaktanzeige herausstellte von zwei Leuten, die zwar sehr heftig aber dennoch konsensuell miteinander agieren, ohne dass es illegal wäre. Danach beschreibt er ein paar Perversionen und Unfälle. Aber eben keine Morde. Dieses Kapitel kommt mir eher vor, als hätte er sich Luft machen wollen, was für seiner Ansicht nach abartige Dinge er schon alles gesehen hat (ob nun nicht strafbare Sodomie oder heftigste Praktiken im SM-Bereich). Passt überhaupt nicht ins Buch, und er wird hier auch sehr unprofessionell. In den anderen Kapiteln schreibt er fachlich aus der Sicht des Ermittlers, hier schreibt er rein als Mensch, welchen Ekel und Abscheu er für dieses Tun empfindet (was er beim brutalen Mord teilweise nicht tat, sondern immer wieder seine Professionalität ins Licht rückte. Sind ungewöhnliche konsensuelle Praktiken abartiger als brutaler Mord?!?).

Ansonsten jedoch gefiel mir dieses Buch sehr, sehr gut. Grade, WEIL es sehr menschlich war in Bezug auf die Mordfälle. Ermittler sind Menschen, keine Maschinen, und sie machen Fehler (dazu steht er und schreibt einige Male auch, dass er hier hätte anders reagieren müssen oder dass er sich hatte überrumpeln lassen oder zu weit ging und fast ein Diszizplinarverfahren bekommen hätte). Sie haben Gefühle, wenn sie einem Mörder gegenüberstehen. Und der vermeintlich süße Triumph weicht dann am Ende einer bitteren Schwere. Auch, wenn er sieht, wie seine harte Arbeit an der Justiz abprallt, welche einen Gewalttäter laufen lassen muss, weil die Beweise fehlen. Oder wenn jemand entlassen werden muss (Sicherheitsverwahrung war bei Jugendlichen damals nicht möglich), von dem man ahnt, dass es zu früh ist, und der kurz darauf tatsächlich erneut eine Straftat begeht.

Dieses Buch liest sich sehr flüssig, die Fälle machen betroffen. Ein wenig Sensationsgier mag bei manchem Leser mitschwingen, aber ganz klar ist dies nicht das Ziel des Buches. Sondern es zeigt dem Leser, welche Gründe einen Menschen zu Mördern machen können, welche verschiedenen Arten von Tätern es gibt und wie ein Ermittler dann mit diesen Erfahrungen bei seiner Arbeit umgeht. Sehr zu empfehlen für alle, die sich gerne mit diesen Themen befassen :-)

SaschaSalamander 18.04.2011, 09.26 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Unter deutschen Betten

polanska_dtbetten_1.jpgOhweh, ob ich DAS zu Ende lesen werde? Vielleicht überfliege ich es, ein paar nette Momente hat das Buch. Aber die erste Hälfte war sehr enttäuschend, und rezensieren werde ich es nicht, das lohnt sich nicht.

Ich hatte eigentlich mit einer Satire gerechnet. Statt dessen klingt es teilweise sehr gehässig (Satire entlarvt und kann auch böse sein, jedoch auf andere Weise), dann wird sehr viel gejammert. Einerseits erzählt die Autorin immer wieder, dass sie stolz darauf ist und sie Putzfrauen alle mehr Respekt verdient hätten, andererseits hackt sie ziemlich böse auf ihren Arbeitgebern herum, redet sehr respektlos über andere und zeigt sich selbst von einer Seite, die nicht wirklich sympathisch ist.

Klar tut sie mir leid in dem, was sie teilweise erlebt hat, trotzdem ist das Buch eher eine Jammertirade auf die bösen Deutschen, welche sich einbilden, junge Polinnen für einen Hungerlohn als Putzsklavin zu missbrauchen und sich dann auch noch einbilden können, sexuelle Dienste zu bekommen und keinerlei Höflichkeit walten lassen zu müssen im Umgang miteinander. Aber so, wie es eben solche und solche Putzfrauen gibt, so gibt es eben auch solche und solche Arbeitgeber.

Zudem hatte ich eigentlich ein witziges Buch erwartet, in dem eine Putzfrau aus ihrem Alltag erzählt und ein paar Dinge "enthüllt". Dass man statt dessen die halbe Biographie der Autorin zu lesen bekommt, macht es nicht wirklich spannender. Eine junge Frau, die Träume hatte, hier nach Deutschland kam und dann böse enttäuscht wurde. Während die Polen so warmherzig und voller Gastfreundschaft sind, sind die Deutschen ziemlich kaltherzig.

Es kommen beim Lesen dieses Buches immer wieder Gedanken in mir auf, die ich hier nicht aussprechen werde. Aber ich schätze, Euch werden beim Lesen dieser Zeilen hier ähnliche Dinge durch den Kopf gegangen sein gerade.

Warum ich trotzdem überfliege und einzelne Kapitel bis zum Ende lesen werde? Der Schreibstil ist angenehm einfach zu lesen. Und, wie gesagt, hier und da sind dann doch ein paar witzige Texte eingestreut, die das halten, was das Buch im Ganzen ursprünglich versprochen hatte. Schade. Es HÄTTE ein gutes Buch werden KÖNNEN.

SaschaSalamander 12.03.2011, 22.14 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Föhn mich nicht zu

serin_foehn_1.jpgNebenbei lese ich momentan FÖHN MICH NICHT ZU. Mal wieder ein Buch eines frustrierten Lehrers. Bücher von Eltern, die über die Lehrer frustriert sind. Bücher von Lehrern, die über Schüler und Eltern frustriert sind. Immer wieder das gleiche Gejammer. Allerdings finde ich dieses hier mal erfrischend anders.

Wenn ich mich bei den Rezis so umsehe (spoilern kann man hier nicht viel, also habe ich es gewagt), scheint vielen entgangen zu sein, dass es sich bei diesem Buch um eine Satire handelt. Zugegeben, der Übergang von der pointierten Darstellung der Realität hin zum Übertreiben ist manchmal nur schwer ersichtlich, aber der gesunde Menschenverstand hilft da enorm weiter.

Das Buch tut mir unglaublich gut, ich lache sehr viel, lese meinem Freund daraus vor. Eigentlich sollte man nicht lachen, denn die Realität ist leider zu traurig, aber Herr Serin hat das eben einfach treffend karikiert. Ich habe selbst schon vor solchen Klassen gestanden (gut, nicht gerade in Neukölln oder Kreuzberg, aber meine Schüler ohne jeglichen Abschluss auf eine Ausbildung vorzubereiten hat sich wohl in vielen Dingen ähnlich angefühlt). Und ich erkenne so manches wieder, das er schreibt.

Ja, unser Schulsystem krankt sehr. Aber man kann es nicht alleine auf die Lehrer schieben oder auf die mangelnde Erziehung durch die Eltern oder auf das Verhalten der Schüler oder auf die schlechten Lehrprläne oder ähnliche Dinge. Sondern es spielen viele Aspekte eine Rolle, und sehr schnell gerät man da in eine Spirale. Ich finde, das hat er hier super dargestellt: mit jeder Menge Humor (gerne auch auf seine eigenen Kosten), kritisch und doch ohne Zeigefinger.

SaschaSalamander 10.03.2011, 08.59 | (0/0) Kommentare | PL

Schlechter Sex

ming_sex_150_1.jpgIn meinem Buchforum, in den Buchhandlungen, im Internet, bei Tauschticket, überall bin ich ständig auf die Buchreihe schlechter Sex" gestoßen. Weil ich sowas wohl noch nicht hatte *vg*, wollte ich doch mal wissen, was andere so darunter verstehen. Will ja schließlich mitreden können, wie sowas ist ;-)

in dem ersten Band der Reihe schildern 33 Frauen ihre (so der Titel) lustigsten, peinlichsten und absurdesten Erlebnisse. Im zweiten Buch dürfen dann die Männer ablästern, im dritten Teil wetzen erneut die Frauen ihre Messer.

Ich versprach mir von dem Buch eine Sammlung von Anekdoten. Denn Sex ist lustig, und manchmal läuft eben auch etwas schief, harmlos aber witzig. Vielleicht Erwischtwerden beim Outdoor, oder wie im Buch geschildert eine vermeintliche Tube Massageöl mit ungewöhnlichem Inhalt, ein zusammengekrachtes Bett mitten im Rollenspiel. Ähnliche Dinge wie diese eben, ein wenig peinlich, aber gutartig und witzig.

Aber die Geschichten haben mich eher erschreckt als amüsiert. Irgendwie taten mir die dort angefeindeten Männer sogar in den meisten Fällen sehr leid. Mit sehr wenigen Ausnahmen ist allen Kurzgeschichten etwas gemeinsam: eine Frau, die sich mit einem Typen abgibt, dessen Namen sie nicht einmal kennt, der ihr unsympathisch ist, sie trinkt dann eine Menge Alkohol, und weil sie einfach mal nicht alleine auf ihr Zimmer gehen  und dort poppen will, nimmt sie diesen Unsympathen eben mal mit.

Dass dieser Mann ihr schon zuvor zuwider war (was nicht negativ für den Mann sein muss, manchmal passen zwei Menschen eben einfach nicht zusammen), spielt keine Rolle, sie hat trotzdem Sex mit ihm. Und ist dann auch noch schockiert, wenn das  billige Kondom reißt (oder er es mittendrin abzieht) und sie in der Broschüre einer Apotheke erfahren muss, dass nicht nur das fehlende Gummi eine Gefahr war, sondern sogar Oralsex Krankheiten übertragen kann! Wenn der Mann zu früh kommt, kann man auch nicht reden und sagen "möchtest Du mich nicht noch anders verwöhnen", sondern dann ist man sofort beleidigt, macht entweder gute Mine zum bösen Spiel oder rennt wutentbrannt aus der Wohnung und bezichtigt ihn anschließend in einem öffentlichen Printmedium als den schlechtesten Liebhaber ever.

Die "Todsünden", die dargestellt werden, sind keine Todsünden, sondern mangelnde Kommunikation. Eine Frau sucht einen Fick für die Nacht (so der Sprachstil des Buches) und gerät an einen Mann, der sich in sie verliebt. Sie serviert ihn eiskalt und gnadenlos vor den Augen der anwesenden Arbeitskollegen ab. Armer Mann, dass er nicht nur das Eine von ihr wollte, sondern tatsächlich Gefühle für sie empfand! In einem anderen Fall wird eine unterschiedliche sexuelle Neigung als Todsünde bezeichnet.

Witzig auch die Doppelmoral der Geschichten. Eine Frau erzählt von ihrem Prollurlaub und davon, wie sich die Männer einen nach dem anderen schnippisch abweist, ärgert sich aber eine halbe Seite später darüber, dass keiner der dort anwesenden Männer sie begehrte und mit ihr etwas anfangen wollte. Später nimmt sie an einer Misswahl des Badeortes teil und ist wütend, als Titten der Gewinnerin mehr wert sind als ihr gesamtes Aussehen und ihre Persönlichkeit. Wie können die Männer es wagen, alle nur "ausziehen" zu rufen! Und dann gewinnt auch noch diese widerwärtige Schlampe, die tatsächlich ihr Oberteil auszog! Als eine Seite später der Mister gewählt wird, steht sie in erster Reihe, um "ausziehen, ausziehen" zu rufen.

Ich wünschte, ich könnte sagen, die Geschichten sind alle erfunden. Aber leider, leider kann ich aus eigener Erfahrung in meiner Tätigkeit als Sozialarbeiter sagen, dass es solche Menschen und Meinungen tatsächlich gibt. Dieses Buch ließ mich immer wieder an "Deutschlands sexuelle Tragödie" denken. Mit dem Unterschied, dass dieses ein Buch ist, welches die traurigen Verhältnisse aufzeigen soll, in welchen Jugendliche heutzutage ihre Vorstellung von Sex entwickeln, "schlechter Sex" dagegen als Normalität dargestellt wird und sich über andere lustig machen soll.

Nennt mich altmodisch, aber - ich bin der Ansicht, guter Sex beginnt im Kopf (jaja, Mund auf, der Spruch ist alt). Man redet, man verführt sich, man lernt sich kennen. Jeder in seinem eigenen Tempo und jeder so, wie er es sich seinen Neigungen entsprechend wünscht. Wer ohne zu fragen mit dem Erstbesten ins Bett steigt (teilweise sind es in diesem Buch ja eher Toiletten, billige Hotelzimmer, Swimmingpools, Swingerclubs und ähnliche Klischees) und davor eine Menge Alkohol konsumiert, der sollte sich nicht wundern, wenn es nicht nach Plan läuft. Ich will dieses Vorgehen nicht verurteilen, jedem wie gesagt sein eigener Stil, aber dann bitte nicht wundern, ...

ich habe alle drei Bücher hier, einzelne Geschichten werde ich wohl überfliegen (sind einfach optimal für eine kurze Sitzung im Bad oder ein paar Seiten vor dem Schlafengehen, ohne Anspruch einfach zum Hirnabschalten). Aber ein weiteres Rezensieren der anderen Bände lohnt sich nicht, denn bereits beim Überfliegen sah ich, dass die Reihe nicht wirklich an Niveau zugelegt hat.  Nur soviel: Das Männerbuch habe ich bereits gelesen, und eines stelle ich fest: Frauen lästern und schimpfen wie der Teufel, obwohl sie eigentlich in den meisten Fällen selbst Schuld tragen. Männer dagegen schneiden für mich in dem zweiten Buch erstaunlich gut ab, geben oft zu verstehen, dass es eben "einfach nicht zusammen gepasst hat" oder dass es an ihrem eigenen Verhalten lag, statt nur bösartig über die Frauen herzuziehen.

Meine Empfehlung? Nun ja, wie gesagt: für jeden, der ab und zu mal etwas braucht, um ein paar Minuten abzuschalten. Keine fortlaufende Handlung, die man sich merken müsste. Heute im Bad mal eine vierseitige Story. Nächste Woche mal zwei Seiten, wenn man nicht einschlafen kann. Aber lehrreiche Erfahrungen, wirkliche Hilfestellungen über "gut" oder "schlecht", das sucht man vergeblich. Doch seichte Unterhaltung, die findet man. Und manchmal sucht man sie ja auch ... es kann nicht immer nur anspruchsvolles Hirnfutter sein. Doch wie gesagt: danach bitte nicht wundern ...

SaschaSalamander 09.12.2009, 10.31 | (0/0) Kommentare | PL



 






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