SaschaSalamander

Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Frauen

Ich darf nicht schlafen

watson_schlafen_1.jpgZwei CDs habe ich bereits gehört, und es ist nett. Reißt mich nicht vom Hocker, wie ich anhand mancher begeisterten Rezensionen erwartet hätte, aber ich finde es sehr spannend. Erwartet hatte ich den Beschreibungen und der Vermarktung nach einen Thriller, bisher mutet es eher an wie ein Drama.

Eine 47jährige Frau wacht täglich aufs Neue auf und hält sich für ein jüngeres Selbst, begreift nicht wie ihr auf einmal eine gereifte Frau gegenüberstehen kann. Täglich erfährt sie von ihrem Ehemann, der ihr völlig fremd ist, dass sie an Amnesie leidet. Und dann ist da noch der Psychiater, der ihr ohne das Wissen des Mannes täglich zu helfen versucht, ihr Gedächtnis wiederzufinden.

Doch, hat was. Ist kein Novum, kennt man aus MEMENTO, und auch sonst gibt es hier und da mal wieder Bücher, in denen jemand seine Identität sucht. Meist tatsächlich ein Thriller, hier aber wie gesagt bisher zumindest ein Drama. Wirkt weniger bedrohlich als vielmehr traurig und mit einem melancholischen Unterton für mich. Aber auf jeden Fall packend, ich bin enorm gespannt auf den Rest des Hörbuches.

Und Andrea Sawatzki könnte mir ja eh die Gebrauchsanleitung meiner Waschmaschine vorlesen, ich würde ihr dennoch lauschen ;-)

SaschaSalamander 14.10.2011, 18.40 | (0/0) Kommentare | PL

7 Stunden im April

preusker_april_1.jpgEinen ausführlichen Text vorab habe ich >hier< bereits geschrieben, denn das "Dahinter" hat mich sehr bewegt. Nun habe ich das Buch abgeschlossen und möchte es Euch vorstellen und auch ans Herz legen als das Buch einer starken Frau, die sich entschieden hat, die ihr von der Gesellschaft auferlegte Opferrolle zu verlassen und sich statt dessen der Öffentlichkeit zu stellen.

Eine Inhaltsangabe des Buches kann ich nicht geben, da es kein Roman ist, sondern eine lose Sammlung an Gedanken, Erinnerungen und Meinungen. Daher möchte ich kurz beschreiben, worum es in dem Buch geht:


ANGABEN PERSON, INHALT DES BUCHES

Susanne Preusker arbeitete bis zum April 2009 als Psychologin in der JVA Straubing, bis sie von einem ihrer Klienten als Geisel genommen und mehrere Stunden missbraucht und bedroht wurde. Ihr bis dahin gelebtes altes Leben gab es nicht mehr, und die Frau, welche in 10 Tagen bereits ihre Hochzeit geplant hatte, stand vor einer komplett neuen Situation. In dem Buch 7 STUNDEN IM APRIL - MEINE GESCHICHTE VOM ÜBERLEBEN erzählt sie nun offen über die Zeit danach. In kurzen Kapiteln von jeweils rund 3 Seiten bringt sie verschiedene Themen und Gedanken zur Sprache. So erzählt sie zum Beispiel, wie eine Panikattacke sich anfühlt und in welchen vermeintlich normalen Situationen diese sie überfällt. Sie berichtet von ihren Gesprächen bei der neuen Therapeutin. Der Leser lernt ihren Ehemann, ihren Sohn kennen und erfährt, welche Auswirkungen die Geiselnahme im Nachhinein auch auf das Familienleben und die Wahrnehmung der Angehörigen hatte. Preusker lässt uns teilhaben an Treffen und Gesprächen mit Freunden, sie berichtet von einem Kontakt mit einer anderen Betroffenen. 7 Stunden sind eine vermeintlich kurze Zeit, und doch kann so viel passieren, können diese wenigen Stunden das Leben vieler Menschen komplett umkrempeln. Die alte Frau Bergmann, wie sie vor ihrer Hochzeit noch hieß, gibt es nicht mehr, nun gibt es nur noch Frau Preusker. Frau Bergmann war Psychologin. Frau Preusker ist eine Frau, die derzeit nicht mehr im Vollzug arbeitet und sich in einem neuen Leben zurechtfinden musste.

Da das Buch aus dem neuen Leben handelt (dieser Begriff des alten und neuen Lebens tauchen sehr oft im Buch auf), erfährt der Leser nichts über die fachliche Seite der Tat. Warum der Täter sie jahrelang belügen konnte, wie sie zum Thema Resozialisierung von Straftätern steht, mit welchen Gefühlen sie damals ihre Arbeit verrichtete, zu all diesen Dingen erfährt der Leser nichts. Das ist auch nicht notwendig, denn dies ist nicht das Ziel der Autorin.

Ihr Ziel ist es, anderen Menschen Mut zu machen. Sie sagt "Wenn es mir mit diesen Geschichten gelingen sollte, nur einem Menschen, der sich in einem ungewollten Leben wiederfindet, Mut zum Überleben zu machen, hat es sich gelohnt". Und im Vorwort schreibt sie "Ich werde jetzt also anfangen, meine Geschichte zu erzählen, ohne genau zu wissen, wie. Mir ist unklar und auch völlig egal, welchem literarischen Genre diese Geschichte zugeordnet werden kann. Mir ist egal, wie lange sie dauert. Mir ist eigentlich auch egal, ob sie jemals verlegt wird. Wichtig ist nur, dass ich anfange." Ihr ist es wichtig, dass ein Opfer sich nicht der Gesellschaft zuliebe verstecken muss, sondern sie will aufrütteln.


SPRACHE, STIL

Ursprünglich hatte ich geplant, das Buch an einem Stück zu lesen. Bei gerade einmal 160 Seiten kein Problem. Dachte ich. Aber ich habe es dann doch auf mehrere Tage ausgedehnt und nur einige wenige Geschichten am Stück gelesen. Manchmal ist es nicht einfach, dem Buch zu folgen, denn die Autorin spricht stellenweise bestimmte Personen an, sodass der Leser als Außenseiter die tiefgreifendere Aussage eher erahnt denn tatsächlich begreift. Dies ist jedoch kein Manko, da auch das, was man ohne Hintergrundwissen verstehen kann, sehr interessant zu lesen ist.

Sie schreibt in sehr kurzen Sätzen, welche ihre Gedankenfetzen hervorragend widerspiegeln. Manchmal schweift sie auch vom Thema ab, plaudert von scheinbaren Banalitäten, bevor sich deren Sinn bald darauf ergibt und aufzeigt, warum gerade dies für die Autorin von solch großer Bedeutung ist. Die Bedeutung einer Sache verschiebt sich, wenn jemand aus dem alten Leben geworfen wurde, dies macht sie dem Leser deutlich klar. Eine alltägliche Situation - in einer Menschenmasse angerempelt zu werden, eine Flasche Öl im Supermarkt zu kaufen - kann zu einer Bedrohung werden und in völlig neuem Licht erscheinen.

Ihre Texte enthalten häufig innere Monologe oder auch Dialoge mit anderen Personen, jedoch schreibt sie diese meist ohne Anführungszeichen. Eben Gedankenfetzen, in denen sie die Gespräche für sich wiederholt. Kein Dialog, sondern ein Gedanke über einen Dialog. Dies ist ungewöhnlich und hemmt zwar nicht den Lesefluss, sorgt jedoch dafür, dass man das Buch sehr genau lesen muss und dadurch tief in ihre Gedankenwelt hineingezogen wird, sich sehr gut in sie hineinversetzen kann.


FAZIT

Es gibt Dinge, die wird ein Mensch ohne entsprechende Vorerfahrung wohl niemals begreifen: das Gefühl einer Panikattacke. Die heftigsten Widersprüche zwischen Verstand und Gefühl. Die Reaktionen der Angehörigen. Aber Frau Preusker beschreibt dies alles sehr eindringlich, sodass man dies sehr gut nachvollziehen kann. Sie weckt Verständnis für Betroffene und dere Situation.

Betroffene Personen werden sich in diesem Buch wiederfinden. Natürlich erlebt jeder sein eigenes Trauma, geht anders damit um, reagiert auf andere Reize, doch vieles ist auch sehr typisch. Dieses Buch zeigt allen Frauen, die unter ähnlichen Problemen leiden, dass sie nicht alleine sind. Es macht Mut, dem neuen Leben selbstbewusst entgegenzutreten. Es zeigt der Öffentlichkeit: wir sind Opfer, und dafür müssen wir uns nicht schämen.

Mit ihrem Buch hat die Autorin einen großen Schritt gewagt, ich wünsche Ihr alles Gute für die weitere Zukunft in ihrem neuen Leben. Und ich danke ihr für dieses Buch.

SaschaSalamander 13.10.2011, 15.34 | (0/0) Kommentare | PL

Sieben Stunden im April

preusker_april_1.jpg Nun habe ich angefangen mit dem Buch SIEBEN STUNDEN IM APRIL. Ein Buch, auf das ich sehr gespannt bin aus den unterschiedlichsten Gründen. Eine Rezension werde ich später darüber schreiben, wenn ich es zu Ende gelesen habe, bisher nur ein paar Gedanken vorab, was für mich das Besondere an diesem Buch ist, warum ich es lese und was ich davon erwarte.

Ein halbes Jahr, nachdem ich meinen Job angetreten hatte, hörte ich in den Nachrichten von einer Geiselnahme in der >JVA Straubing<. Ich war erschrocken und entsetzt, und es gab an diesem Tag kein anderes Thema auf Arbeit, ich habe am Computer alle Newsfeeds abgegrast, Radio gehört und gehofft und gebangt. Ich habe die JVA bereits bei einer Führung besichtigt, hatte also eine recht deutliche Vorstellung davon, was gerade vor sich ging. Viele meiner Kollegen kennen >Frau Preusker< persönlich, sodass man natürlich auch privat bangt und hofft.

Die Autorin ist Psychologin, sie arbeitet in der SothA, der "sozialtherapeutischen Abteilung" unter anderem mit Sexualstraftätern. Sie arbeitet mit den Tätern, kennt die  Opfer aus den Erzählungen des Täters und aus den Akten. Ihr Arbeitsfeld ist das "danach" des Täters, die Frage nach dem "wie kann er sich resozialisieren" und dem "ist Resozialisierung oder Therapie überhaupt möglich", wohl alles recht theoretisch. Und nun wird sie selbst zum Opfer eines Mannes, den sie eine lange Zeit behandelt und betreut hat. Was mag in ihr vorgegangen sein? Ich bin mir sicher, dass egal was sie sich vorgestellt hatte (denn Gedanken, wie es dem Opfer ging, hatte sie sich bestimmt oft gemacht), es komplett anders war. Es gibt Dinge, die kann man nicht begreifen, außer man hat sie selbst erlebt. Eine Erfahrung, die kein Mensch jemals machen möchte: Geisel zu sein, vergewaltigt zu werden, mit dem Tod bedroht werden.

Beruflich hat das sehr viel ausgelöst, die Diskussion ging weiter: "ist SothA überhaupt sinnvoll" und "was kann man tun, um die Sicherheit zu verstärken" und "wie sollte man mit Sexualstraftätern umgehen". Ich habe mir sehr viele Gedanken über diese Themen gemacht, und natürlich hat es auch Auswirkungen auf das eigene Handeln. Ich kann nicht sagen, dass die Angst gestiegen ist, denn man denkt immer "mir kann sowas ja nie passieren", aber die Vorsicht ist gewachsen, und das ist gut, denn wie man sieht, kann es sehr wohl passieren, gerade dann, wenn man nicht damit rechnet.

Frau Preusker war oft im TV zu sehen, war hier und da in Talkshows, und wannimmer ich davon erfuhr, habe ich mir dies natürlich angesehen. Ich finde es gut, dass sie sich nicht versteckt, sondern den Weg in die Öffentlichkeit wagt. Schon einige negative Stimmen habe ich darüber gehört: "na toll, Psychologin will sie sein, und dann passiert ihr sowas, da sieht man mal, was die Psychologen taugen" und "klar, jetzt auch noch Geld damit scheffeln, manche Leuten kriegen wohl nie genug" oder "und, passiert ist trotzdem nix, man lässt die Leute trotzdem wieder frei laufen" (erst recht, weil aktuell wieder ein Sexualstraftäter auf freien Fuß kam, nachdem es wohl einige Pannen im Vollzugsplan gab und er keine Therapie angeboten bekam, das heizt die Gemüter natürlich so richtig an).

Aber, wie gesagt: ich finde es gut, dass sie in die Öffentlichkeit geht. Denn Opfer werden sehr schnell zu Tätern abgestempelt: "selber Schuld, was gibt sie sich auch mit solchen Leuten ab" oder "jaja, therapieren will sie, aber hat wohl nicht geklappt, das hätte ich ihr vorher sagen können" oder "warum hat sie sich denn nicht gewehrt". Opfer finden sehr wenig Hilfe, und wer sich mit Opferpsychologie befasst erfährt, dass für Opfer die Presse weit geringer ist als für das Täter. Und WENN mal eine Presse da ist (z.B. Kampschulte oder die Töchter von Fritzl oder kürzlich hier in Bayern), dann merkt man, wie sehr schnell verurteilt wird, dass die Leute sich doch hätten wehren können.

NEIN, NEIN und nochmals NEIN. Ein Opfer ist ein Opfer, und dafür muss die Öffentlichkeit geschult werden. Keine Frau ist schuld, wenn sie vergewaltigt wird. Hinterher kann man immer schön daherreden, VORHER hätte gehandelt werden müssen. Und wenn Frauen wie Susanne Preusker an die Öfentlichkeit gehen, dann mag es viele geben, die lästern. Aber es gibt auch sehr viele Menschen, denen ihr Mut Kraft gibt zum Weiterleben. Frauen, die erfahren "da ist jemand wie ich, und sie hat es geschafft, also kann auch ich es schaffen". Außerdem rüttelt Frau Preusker auf, sie regt zum Diskutieren an. Auch, wenn die Stimmen oft gegen sie sein mögen, auch negative Publicity ist Publicity und sorgt dafür, dass das Thema immer wieder diskutiert wird, und das ist gut.

Was ich von dem Buch erwarte? Das Buch hat den Untertitel MEINE GESCHICHTE VOM ÜBERLEBEN. Ich erwarte also keine psychologische Analyse (was viele dem Buch negativ ankreiden: die Autorin hätte als Psychologin doch bitteschön eine Abhandlung über das Thema Sozialtherapie schreiben sollen), und ich erwarte auch keine detailgetreue Beschreibung der sieben Stunden der Geiselnahme. Sondern ich erwarte, dass sie erzählt, wie es ihr währenddessen aber vor allem danach ging. Wie sie es geschafft hat, dieses Thema zu bewältigen. Wie sie ihren Alltag meistert. Wie und wodurch sie womöglich getriggert wird und welche Langzeitfolgen das Geschehen bei ihr ausgelöst hat. Wie sie gelernt hat damit zu leben.

Noch habe ich erst wenig Seiten gelesen, aber schon einiges überblättert und scheine in dem Buch genau das zu finden, was ich darin lesen möchte. Ich habe nun ein wenig Zeit und freue mich schon sehr darauf, es am Stück zu lesen. Es ist ein Buch, das ich nicht lange verteilen sondern recht zeitnah lesen möchte, damit der Gesamteindruck auf mich wirken kann. Und ich freue mich, es Euch danach umgehend vorzustellen!

SaschaSalamander 04.10.2011, 09.23 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Die Abenteuer des Raben Ringelsock

DIE ABENTEUER DES RABEN RINGELSOCK ist ein Projekt der bayerischen JVA Aichach, in welcher auch Frauen inhaftiert sind. Bevor ich näher auf das Projekt eingehe, hier eine kurze Information über den Inhalt des kurzen aber doch bewegenden Bilderbuches:

ein kleines Mädchen sitzt abends am Fenster und kann nicht schlafen. Da klopft der kleine Rabe Ringelsock mit seinem Schnabel an die Scheibe. Sie erzählt dem Raben, dass sie traurig ist, denn ihre Mutter ist an einem entfernten Ort namens Gefängnis, und sie fühlt sich einsam. Ohne von ihrer Mutter zu Bett gebracht zu werden kann sie nicht einschlafen. Der kleine Rabe tröstet sie und erzählt seine Geschichte, als auch seine Mutter einmal für lange Zeit von zu Hause fort war und wie er sich über diese Zeit hinwegtröstete, Freunde fand und seine Mutter am Ende endlich wiedersah.

Inhaftierte Frauen sind nicht nur Täterinnen, sondern sie sind oft auch Mütter. Eine Haftstrafe ist somit nicht nur eine Strafe für die Frau, sondern auch für die Angehörigen, ganz besonders die Kinder. Kinder verstehen nicht, warum die Eltern ins Gefängnis müssen, und warum sie nun quasi mitbestraft werden.

Dieses Buch wurde im Rahmen eines Kunstprojektes geschrieben von inhaftierten Müttern. Liebevolle Zeichnungen, ein kindgerechter Text und sehr viel Zuneigung stecken in diesem Büchlein, welches Kinder einerseits trösten soll, andererseits aber auch Gesprächsstoff bietet. Es ist nicht leicht, mit einem Kind über das Thema Gefängnis zu reden, und mit Hilfe des Raben Ringelsock wird der Einstieg erleichtert. Erzieher, Angehörige, ältere Geschwister, sie können dieses Buch zur Hand nehmen und mit kleinen Kindern darüber reden, wie es sich anfühlt. Und es vermittelt auch das Gefühl "Du bist nicht alleine mit Deiner Angst".

Ich finde, über das Thema inhaftierte Eltern gibt es zu wenig Literatur, und umso schöner, dass ich vor einiger Zeit auf dieses Heft aufmerksam wurde. Ob es über die JVA Aichach noch zu beziehen ist, weiß ich nicht. Wer jedoch Interesse hat, kann sich über das Kontaktformular hier im Blog jedoch gerne an mich wenden, dann würde ich nähere Informationen hierzu geben. Auch bei allgemeinen Fragen zum Thema "Eltern in Haft" darfst Du Dich gerne an mich wenden, der erste Schritt ist schließlich immer schwer, oft sogar peinlich, und vielleicht fällt es Dir hier über die Anonymität des Internets leichter ;-)

SaschaSalamander 24.05.2011, 17.37 | (0/0) Kommentare | PL

Unter deutschen Betten

polanska_dtbetten_1.jpgOhweh, ob ich DAS zu Ende lesen werde? Vielleicht überfliege ich es, ein paar nette Momente hat das Buch. Aber die erste Hälfte war sehr enttäuschend, und rezensieren werde ich es nicht, das lohnt sich nicht.

Ich hatte eigentlich mit einer Satire gerechnet. Statt dessen klingt es teilweise sehr gehässig (Satire entlarvt und kann auch böse sein, jedoch auf andere Weise), dann wird sehr viel gejammert. Einerseits erzählt die Autorin immer wieder, dass sie stolz darauf ist und sie Putzfrauen alle mehr Respekt verdient hätten, andererseits hackt sie ziemlich böse auf ihren Arbeitgebern herum, redet sehr respektlos über andere und zeigt sich selbst von einer Seite, die nicht wirklich sympathisch ist.

Klar tut sie mir leid in dem, was sie teilweise erlebt hat, trotzdem ist das Buch eher eine Jammertirade auf die bösen Deutschen, welche sich einbilden, junge Polinnen für einen Hungerlohn als Putzsklavin zu missbrauchen und sich dann auch noch einbilden können, sexuelle Dienste zu bekommen und keinerlei Höflichkeit walten lassen zu müssen im Umgang miteinander. Aber so, wie es eben solche und solche Putzfrauen gibt, so gibt es eben auch solche und solche Arbeitgeber.

Zudem hatte ich eigentlich ein witziges Buch erwartet, in dem eine Putzfrau aus ihrem Alltag erzählt und ein paar Dinge "enthüllt". Dass man statt dessen die halbe Biographie der Autorin zu lesen bekommt, macht es nicht wirklich spannender. Eine junge Frau, die Träume hatte, hier nach Deutschland kam und dann böse enttäuscht wurde. Während die Polen so warmherzig und voller Gastfreundschaft sind, sind die Deutschen ziemlich kaltherzig.

Es kommen beim Lesen dieses Buches immer wieder Gedanken in mir auf, die ich hier nicht aussprechen werde. Aber ich schätze, Euch werden beim Lesen dieser Zeilen hier ähnliche Dinge durch den Kopf gegangen sein gerade.

Warum ich trotzdem überfliege und einzelne Kapitel bis zum Ende lesen werde? Der Schreibstil ist angenehm einfach zu lesen. Und, wie gesagt, hier und da sind dann doch ein paar witzige Texte eingestreut, die das halten, was das Buch im Ganzen ursprünglich versprochen hatte. Schade. Es HÄTTE ein gutes Buch werden KÖNNEN.

SaschaSalamander 12.03.2011, 22.14 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

A Lollypop or a Bullet

sakuraba_lollypop_1.jpgSchon lange habe ich keinen Manga mehr rezensiert. Ich lese sie sehr gerne, aber meist ist einer doch wie der andere. Klar, manche tun sich durch besonders hübsche Zeichnungen oder eine ungewöhnliche Story hervor. Aber meist ist es eben doch nur Manga, was ich sehr gerne lese aber danach einfach wieder beiseite lege. In diesem Fall allerdings würde ich fast eher von einer "Graphic Novel" sprechen. Zu schade, dass dieser Begriff nicht so recht definiert ist. Für mich selbst ist eine Graphic Novel eine Geschichte, welche durch Zeichnungen erzählt wird, ob nun Manga oder Comic, die sich von diesen beiden Genres jedoch in ihrer Komplexität und ihrem Erzählstil abhebt, für mein Empfinden sind meist Dramas in diesem Genre angesiedelt, und während ich Mangas oder Comics nur Fans empfehle, lege ich Graphic Novels auch Neulingen ans Herz, die mit gezeichneten Stories normalerweise wenig anfangen können. Und nun habe ich wieder einmal einen Manga gelesen, der mich sosehr berührt hat, dass ich ihn Euch hier vorstellen möchte.

Nagisa ist schon recht früher erwachsen geworden. Ihre Mutter ist arm, und der Bruder lebt als >Hikkomori< in den Tag hinein (Menschen, die sich komplett zurückziehen ohne Kontakt zur Außenwelt, in Japan mit einem eigenen Begriff belegt und wohl besonders extrem). Sie möchte nach der Schule sofort zum Militär, um Geld verdienen, für sie das einzig Wahre, wenn sie ihre Familie unterstützen will.

Eines Tages kommt eine neue Mitschülerin, Mokuzu. Sie ist die Tochter eines berühmten Stars, und Nagisa hält sich von ihr fern, sie mag dieses verwöhnte Gör nicht, das sich so seltsam benimmt. Doch Mokuzu möchte gerne ihre Freundin werden und lässt nicht locker. Außerdem erzählt sie seltsame Dinge. Sie sei eine Nixe, bald würde ein Sturm kommen und sie müsste, wenn sie keine Freundin fände bis zu diesem Sturm, zu einer Schaumblase auf dem Meer werden. Auch sonst ist Mokuzu sehr seltsam, und doch freundet sich Nagisa nach und nach mit ihr an. In leisen, kaum merklichen Schritten geht der Manga voran und beschreibt die Freundschaft der zwei anfangs scheinbar so ungleichen Mädchen, bis tragische Zwischenfälle die Freundschaft überschatten und Einblick in Mokuzus Schicksal gewähren.

Es ist dem Leser sehr lange unklar, ob es ein Drama ist, ob es ein ungewöhnliches Fantasy-Märchen ist und in welchem Genre die Geschichte anzusiedeln ist. So gerne möchte man Mokuzu glauben, zu wunderschön klingt ihre Geschichte. Und doch gibt es Dinge, die an ihren Erzählungen zweifeln lassen. Wollen wir Menschen nicht an Wunder glauben und müssen alles logisch erklären können? Oder ist Mokuzu nur ein kleines Kind, das der grausamen Realität entfliehen möchte? Kann sie sich wirklich in eine Schaumblase verwandeln, oder war das nur ein einfacher Trick, mit dem sie ihre Klassenkameraden täuschte?

Aber nicht nur dieser Zwiespalt geleitet den Leser voller Spannung von Seite zu Seite. Es sind die sanften Zwischentöne, die es mir besonders angetan haben. Man spürt sehr viel über die Ängste und Wünsche der Protagonistin, die so gerne ein normales Kind wäre und doch schon für ihre Familie sorgen muss. Auf gewisse Weise klagt der Manga an, und doch wird niemals mit dem Finger gezeigt, niemals ein Schuldiger gesucht, sondern immer nur dargestellt und erzählt. Allein was der Leser für sich daraus macht ist entscheidend. Und ein mitfühlender Leser wird sich dem Bann der Erzählung kaum entziehen können, bis er endlich ergründet hat, welches Geheimnis Mokuzu wirklich mit sich trägt.

Ungern möchte ich den Manga hier tiefer analysieren, Charakterstudien betreiben oder näher auf Details der Erzählung eingehen, das würde den Rahmen sprengen, doch die Versuchung ist groß. Nur zwei Taschenbücher voller Zeichnungen, und doch so viel Inhalt, wie es ein Roman gleicher Länge nur schwer vermitteln könnte. Ein modernes Märchen / Drama, das weit mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als nur zwischen "normalen" Mangas in Fanshops zu verkümmern. Ein Manga, den ich jedem feinfühligen Erwachsenen gerne ans Herz legen möchte. Eine Erzählung, die man so schnell nicht wieder vergisst und gerne mit etwas Abstand und dem Wissen über das Ende ein zweites Mal mit neuen Augen lesen wird.

SaschaSalamander 29.11.2010, 20.06 | (0/0) Kommentare | PL

Lolita in Teheran

afisi_lolita_150_1.jpegEigentlich liebe ich Bücher über fremde Kultur. Und Bücher über Bücher sind einfach toll. Insofern wäre "Lolita lesen in Teheran" von der iranischen Literaturprofessorin Azar Nafisi wirklich toll. Aber irgendwie finde ich den Zugang einfach nicht. Die Personen sind sehr lebendig geschildert, die Themen und Bücher und Querverweise und Bezüge von Büchern zu dem Leben der Schülerinnen sind sehr interessant. Trotzdem will mich das Feuer nicht packen, und ich habe abgebrochen. Schade. Vielleicht probiere ich es ein andermal wieder :-)

SaschaSalamander 19.08.2010, 15.52 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Romeo und Julia mal anders

fortier_julia_150_1.jpgIch habe mir extra "Julia" von Anne Fortier reservieren lassen. Ich mag Shakespeare sehr in jeder Form, und gerne lese ich dann auch Werke moderner Autoren, die sich mit seinen Gedichten, Sonetten, Tragödien, Komödien befassen. "Julia" wurde überall riesig groß beworben als DAS Buchereignis 2010, die Bücher lagen stapelweise in den Buchhandlungen, überall nur allerbeste Rezensionen.

Und wieder einmal zeigt sich, dass die Menschen glücklicherweise alle komplett verschieden sind in ihrem Geschmack. Denn ich kann bisher sowas von überhaupt nichts damit anfangen. Die Protagonistin war nun bei dem Schließfach, hat das Kästchen geöffnet, weiter bin ich noch nicht. Aber bisher war es alles eher enttäuschend, und ich musste mich sehr quälen, weiterzuhören. Ich möchte das Buch nicht schlechtreden, denn der Schreibstil ist warm und angenehm, ich kann den Reiz auf manchen Leser durchaus verstehen. Doch mich spricht er eben nicht an. Allerdings werde ich mich bemühen und weiterhören. Vielleicht kommt ja noch ein bisschen was. Die Rückblenden waren bisher sehr schön, vielleicht werden es mehr. Oder vielleicht taucht nun bald eine weitere Person auf (schließlich braucht die moderne Julia doch noch ihren Romeo!), und was es mit den Palio auf sich hat und wie sie verlaufen, wüsste ich auch gerne. Und ob die Dame der gegnerischen Familie ihr nun gut oder böse gesonnen ist. Ich werde es halt nebenbei hören, auf das Ende hoffen und vielleicht irgendwann noch mitgerissen. Wenn nicht, dann hat es eben nicht sollen sein ...

SaschaSalamander 19.07.2010, 11.24 | (0/0) Kommentare | PL

Plötzlich Shakespeare

safier_shakespeare_150_1.jpgRosa ist unglücklich verliebt. In ihren Ex, der inzwischen schon längst eine andere hat. Doch sie kann ihn nicht vergessen, will ihn zurückerobern. Eines Tages besucht sie eine Vorstellung, in der ein Künstler auf der Bühne eine Rückführung durchführt. Sie sucht ihn in seinem Wagen auf, und er will ihr helfen, sie in ein früheres Leben zu versetzen und dort das Geheimnis der wahren Liebe zu finden. Sie schließt die Augen, und schwupps ist sie auf einmal im Körper des Dichters Shakespeare! Mitten in einem Duell! Wie soll sie da nur rauskommen? Natürlich gelingt ihr dies, und dann heißt es sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Eine Frau der Zukunft im Körper eines Mannes der Vergangenheit, dessen Geist im Hintergrund natürlich noch immer aktiv ist und mit Rosas Geist kommuniziert. Es führt zu vielen Verwicklungen und Verwirrungen, bevor Rosa nach und nach dem Geheimnis der wahren Liebe auf die Spur kommt und mit dieser Erkenntnis den Körper ihres früheren Selbst verlassen kann. Doch damit ist die Geschichte noch nicht vorbei, denn das Schicksal geht andere Wege ...

Nun ja, ein sehr netter Roman zwischendurch. David Safier ist ein witziger Autor, auch "Mieses Karma" war schon recht nett geschrieben, auch hier ging es um einen Menschen im fremden Körper. Viel kann ich zu dem Roman gar nicht sagen, denn literarisch zerlegen möchte ich nicht, dafür ist er auch nicht sonderlich geeignet. Er ist einfach ganz klassisch aufgebaut (Einführung der Charaktere, Zusammentreffen, Spannungssteigerung, Missverständnisse, Höhepunkt, Abklingen), und die Handlung ist mehr als vorhersehbar.

Über Tiefe, literarischen Wert oder dergleichen möchte ich gar nicht diskutieren. Es ist einfach nette, seichte Unterhaltung. Aber diese wirklich gut gemacht. Ideal für die Zeit vor dem Schlafengehen, für einen längeren Aufenthalt in der Badewanne. Einfach abschalten, lesen, lächeln und sich ein wenig mit der Hauptperson identifizieren (genauso wie viele weibliche Antiheldinnen a la Bridget Jones oder Titel von Hera Lind etc wird auch Rosa sehr viele Frauen ansprechen). Ein wenig Träumen, und natürlich auch Schmachten, wenn die wahre Liebe endlich ihr Gesicht zeigt.

Empfehlen? Ja, kann ich. Mit der Bitte, keine hohen Erwartungen an das Buch zu stellen, sondern es als einfache, lockere Unterhaltung zu sehen. Wer sich genau das wünscht, wird ab-so-lut zufrieden sein, denn David Safier hat einen sympathischen, warmen, humorvollen Schreibstil, der ihm zu recht viele Fans beschert :-)

SaschaSalamander 16.07.2010, 08.17 | (0/0) Kommentare | PL

Erster Eindruck von Clara

Oh wow, ich weiß nur schwerlich, was ich beschreiben soll. Clara hat mich vom ersten Moment an gefesselt, und es wurde immer intensiver. Ein Buch, wie es in dieser Form nur sehr wenige gibt. Die Handlung ließe sich sehr kurz in zwei, drei Sätzen erklären, und doch bin ich bereits auf Seite 115. Es ist nicht sosehr die Handlung, die mitreißt (wenngleich sie durchaus spannend ist), sondern die fiktive Kunstform der Hyperdramatik, die der Autor beschreibt. Den Umgang der Menschen mit den Kunstwerken, die Gefühle und das Leben der lebenden Leinwände, deren Werdegang, die Objektifizierung von Menschen hin zu leblosen Figuren. In einer solch umwerfenden Ästhetik, allein durch so einfache Sätze. Somoza ist wirklich ein Künstler, und ich vermute, dass das Buch bei mir erst einmal wieder eine gewisse Zeit für "Leere" sorgen wird, bevor ich den nächsten Roman zu mir nehmen kann. "Clara" muss erst einmal verdaut werden, bevor man sich weiterer Kost widmet.

Ich überlege, ob ich das Buch unter "Erotik" einstufen soll, das ist ein sehr weites Feld in diesem Fall. Für mich selbst habe ich mit JA entschieden, denn auch Kunst, Ästhetik und Körper für sich betrachtet sind eine besondere Form der Erotik. Doch dies mag jeder Leser für sich selbst entscheiden ...

Mehr über den Inhalt in einer späteren Rezension. Allerdings begreife ich nun, warum es allen so schwer fällt, das Buch zu beschreiben ...

SaschaSalamander 15.07.2010, 09.49 | (0/0) Kommentare | PL

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