SaschaSalamander
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Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Fachbuch

Grüne Smoothies

Vor einiger Zeit wurde ich auf Grüne Smoothies neugierig. Meine ersten Versuche eher wacklig und unsicher, geschmacklich auch nicht wirklich überzeugend. Aber dann fand ich endlich das, was mir schmeckt. Inzwischen trinke ich täglich irgendein Grünzeug und bin begeistert. Rezepte, Infos zu den Kräutern, ein paar Hintergründe, deswegen wollte ich das lesen. Denn ich habe festgestellt, dass ich mich ziemlich gut fühle mit diesen Drinks, wollte erfahren was dahinter steckt, wie sie wirken und vielleicht auch, welche Kräuter welche Wirkung haben. Womit man kombinieren darf, was man vermeiden sollte und vieles mehr. 

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SaschaSalamander 06.06.2014, 08.45 | (0/0) Kommentare | PL

Kleine Veganer-Bibel

Ein Buch, das mich doch recht interessierte. Wobei das Wort "Bibel" mich ziemlich abschreckte und offen gesagt auch störte, denn es ist ein anmaßendes Wort. Erst recht, wenn das Buch von einer Frau geschrieben ist, die selbst keine Veganerin ist. Aber wortwörtlich, man soll das Buch nicht nach dem Umschlag (bzw Titel) beurteilen sondern nach dem Inhalt. Und der sah interessant aus. 

Die Autorin ist Ökotrophologin und Vegetariern und möchte ihre Gedanken und Erfahrungen zum Thema Veganismus mit den Lesern teilen. Es ist kein Koch- und Backbuch, auch kein Plädoyer für reinen Veganismus, sondern einfach die neugierige Auseinandersetzung mit dem Thema, teils sachlich und fundiert, teils narrativ. Schon deswegen ist der Titel leider völlig daneben, nur um es nochmals erwähnt zu haben *g*.

Die Zielgruppe ist mir stellenweise nicht ganz klar. Für Veganer jedenfalls erachte ich es als zu simpel, da alles schon bekannt ist. Ich denke, es richtet sich einfach an Menschen, die entweder einfach neugierig sind, was die Veganer so treiben, oder aber an Menschen, die selbst überlegen, eventuell vegan zu werden aber noch nicht wissen, wo und wie sie ansetzen sollen. Diese Leser finden hier interessante Gedanken über den Umstieg, über die Gründe für das Vegansein und die Probleme wie auch Vorteile, die es im Alltag mit sich bringt. 

Die Autorin plaudert recht viel, erzählt wie sie eigene Erfahrungen sammelt, was sie erlebt, wie sie mit verschiedenen Personen spricht (die Interviews sind nicht in Interview-, sondern in Textform niedergeschrieben). 

Sehr schön finde ich, dass Schocke weder die eine noch die andere Seite in einem schlechten Licht dastehen lässt. Sie betrachtet sehr aufgeschlossen die Fakten, Möglichkeiten und wägt Argumente ab. Es ist eine reflektierte Auseinandersetzung mit einem Thema, das immer mehr Trend wird und auf beiden Seiten für viel Zündstoff sorgt. Da ist es eine angenehme Abwechslung, einmal eine aufgeschlossene Meinung zu lesen, die nicht nur Phrasen betet sondern bewusst hinterfragt, ohne dabei in irgendein Extrem zu verfallen.

Die Rezepte finde ich eine nette Idee, kann offen gesagt aber wenig damit anfangen. Was mich nervt und verschreckt sind Rezepte, die enorm viele Zutaten beinhalten und für die ich erst einmal recherchieren muss, wo man das kauft. Wenn ich für mich selbst etwas erfahren habe, dann dass Veganismus mit sehr einfachen Mitteln umgesetzt werden kann und man dafür nicht tonnenweise fremdartige Sachen kaufen muss. Außerdem ist es sinnlos, wenn zu Hause dann viele Dinge herumstehen, die man nur für ein einziges Rezept braucht und ansonsten mangels Erfahrung dafür keine Verwendung findet.

Eines der Rezepte interessierte mich, der vegane Kaiserschmarrn. Ausprobiert und mit der Konsistenz nicht so ganz zufrieden. Bei meiner späteren Suche im Web fand ich Rezepte hierfür, die wesentlich weniger Zutaten enthielten, einfacher nachzubereiten waren und besser gelangen. Trotzdem, der Gedanke ist nett, und vielleicht gibt es ja auch Leser, die all diese Zutaten als Nichtveganer bereits zu Hause haben oder das Glück haben, in der näheren Umgebung über einen veganen Supermarkt zu verfügen, wo das alles erhältlich ist.

Insgesamt fand ich das Buch jedoch sehr nett zu lesen. Die Gedankengänge sind sympathisch, der Schreibstil ist flüssig, und die Auseinandersetzung mit dem Thema ist zwar nicht extrem tiefgreifend, erreicht dadurch aber vielleicht eine Zielgruppe, die sich sonst nicht unbedingt damit auseinandersetzen würde. 

Wertung: 6,8 von 10 Filo-Platten

SaschaSalamander 04.02.2014, 08.45 | (0/0) Kommentare | PL

Vier Seiten für ein Halleluja

Geschrieben vor zwei oder drei Wochen, auch dieser Beitrag liest sich für mich etwas hölzern, aber manchmal fließt der Text eben nicht. Der Inhalt war mir trotzdem wichtig zu teilen. Hier also meine Gedanken:

*****************************

VIER SEITEN FÜR EIN HALLELUJA von von Hans Peter Roentgen ist ein Schreibratgeber der ziemlich ungewöhnlichen Art. Während andere Titel schreiben, wie man Stil verbessert, den perfekten Plot aufbaut, Charaktere entwickelt, Adverbien ausmerzt, Füllwörter vermeidet und sich einen ungewöhnlichen mitreißenden Konflikt ausdenkt, zieht Roentgen es von der anderen Seite auf: er hat die ersten Seiten verschiedener Texte genommen und diese analysiert. 

Denn wenn ein Autor seinen Text an den Verlag schickt, sind es ebenfalls nur die ersten drei, vier Seiten (wenn überhaupt), die ein Lektor prüft, bevor er sich entscheidet, ob es einen weiteren Blick wert ist oder in der Tonne landet. Ich habe selbst schon oft die Erfahrung gemacht, dass ich auf den ersten Seiten sehen konnte, ob das Buch für mich taugt oder nicht. Ein Autor kann oft nicht aus seiner Haut, und typische Fehler ziehen sich eben durch das gesamte Buch, beginnend bei der ersten Seite. 

Es ist für niemanden leicht, den eigenen Text zu analysieren. Für eigenen Text ist man eben betriebsblind, ob man will oder nicht. Daher ist es schwierig, wenn viele Schreibratgeber fordern, eigene Texte zu überarbeiten und zu überprüfen. Roentgen gibt dem Leser statt dessen die Möglichkeit, mit fremden Texten zu arbeiten. 

Die Texte sind in Stil und Inhalt sehr unterschiedlich. Manche von ihnen sind so katastrophal, dass man schon nach drei oder vier Sätzen das Lesen abbrechen möchte, andere sind so gut, dass man sich fragt, was Roentgen nun womöglich bemängeln könnte. Aber was ein echter Kritiker ist, der findet immer ein Haar in der Suppe ;-)

Es geht Roentgen weniger darum, stilistische Dinge zu bemängeln, dafür gibt es andere Ratgeber. Ihm geht es wirklich darum, die Schwächen des Textes klarzustellen. So schreibt er beispielsweise nicht, dass es sich um Infodump handelt, sondern er erklärt anhand des Beispieles, welche Informationen notwendig sind, welche nicht, und wie man die wichtigen Dinge gut verpacken könnte. Er bemängelt nicht einfach die Perspektive sondern beschreibt, welche anhand des Inhalt des Textes am besten geeignet wäre, was sie bewirkt, was man dafür ändern muss. Die Aufgabe des Lesers ist es dann, den fremden Text entsprechend zu überarbeiten. 

Und so geht Roentgen bei allen Texten vor: Die Kritiken und Anmerkungen, die er bringt, sind niemals abwertend, zeigen einfach nur, wie man es besser machen kann. Wie man aus einem an sich schwachen Text auch noch das Letzte herausholen kann, um ihn aufzufrischen, interessant zu machen. Wie man einen guten Text NOCH besser macht.

Man könnte bemängeln, dass es stellenweise ein wenig chaotisch zugeht, die Kapitel empfinde ich nicht wirklich sortiert, auch ist kein klarer Aufbau zu erkennen, manche Kritikpunkte wiederholen sich, andere werden weniger ausführlich besprochen. Andererseits sehe ich das auch als Vorteil des Buches. Es hebt sich bewusst von starren Formen und Regeln ab, beleuchtet einfach im Hier und Jetzt den aktuellen Text. Dabei betont Roentgen stets, dass dies nur ein Gedanke ist, der auch anders umgesetzt werden könnte, dass seine Lösung nicht der einzig richtige Weg ist (und ich gebe zu, ich hätte es oft anders gemacht. Fand sein Ergebnis zwar oft besser aber hätte auch daran noch gekrittelt, was er aber in jedem Moment auch zulässt). Gewürzt mit einer Prise Selbstironie und einem angenehmen Humor liest sich das Buch sehr flüssig, so gar nicht wie ein tiefschürfender Ratgeber. Und doch kann der Leser für sich, seine eigenen Texte viel herausziehen. Der Sprung von fremden Texten zu den eigenen ist gar nicht mehr so groß, wie er anfangs scheint ... 

SaschaSalamander 05.12.2013, 08.43 | (0/0) Kommentare | PL

Lexikon des bürokratischen Wahnsinns

Kürzlich las ich >MIT EINEM BEIN IM KNAST<. Nette Lektüre, unterhaltsam, aber in manchen Punkten leider auch etwas enttäuschend, da zuviel Selbstdarstellung und zu wenig sachliche Fakten. Ich hatte mir einfach etwas anderes davon versprochen. Dann stieß ich kürzlich auf DAS LEXIKON DES BÜROKRATISCHEN WAHNSINNS. Und das hielt dann auch, was der Klappentext versprach und was ich eigentlich von dem anderen Buch erwartet hatte. 

Das Buch schildert alphabetisch sortiert verschiedene Vorschriften und Gesetze, deren unzähligen Bestimmungen ziemlich wirre Blüten treiben. Doch der Autor ist realistisch: würden alle in Frieden leben und sich nicht an Kleinigkeiten stören, dann gäbe es auch kein Gesetz, welches vorschreibt wann ein Hund wie laut bellen darf und wie viele cm der Baum des Nachbarn über den Gartenzaun ragen darf. Doch da es sowohl im Privatleben wie auch in der Wirtschaft und im Handel immer wieder zu Streiteren kommt, gibt es die seltsamsten und vor allem kompliziertesten Verordnungen. 

Je nachdem, wo der Leser beruflich und privat anzutreffen ist, hatte er bereits mit einigen der geschilderten Situationen zu tun. So kann ich zum Beispiel nur den Kopf schütteln über den Bologna-Prozess, welcher das Studium international vereinfachen soll, im Grunde aber nur national zu Nachteilen und Verwirrung führt. Auch die Arbeitslosenstatistik ist ein ziemlich trauriger Punkt. Künstlersozialabgabe, da kann man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen!

Eltern werden schon mit dem Kinderausweis zu kämpfen gehabt haben, wie soll man für ein Baby ein biometrisches Foto anfertigen oder eine feste Größe eintragen? Und seid Ihr auch schon durch die Läden geflitzt und habt seit Umstellung auf Stromsparlampen verzweifelt nach einer passenden Glühbirne gesucht? Ärgert Ihr Euch auch stets aufs Neue über die Zeitumstellung? 

Mit einfachen Worten gelingt es dem Autor, komplizierte Gesetze so zu beschreiben, dass all der Wahnsinn begreiflich wird. Man möchte nur noch weinen, schreien und sagen "werdet endlich vernünftig!". Aber immerhin, jetzt weiß ich wenigstens, warum bei Medikamenten für Männer Hinweise auf die Stillzeit zu finden sind und bei Medikamenten für Babies erwähnt wird, dass sie keine schweren Maschinen führen dürfen. Auch weiß ich jetzt, warum die Gurken im Handel noch immer gerade sind, obwohl sie eigentlich wieder gebogen sein dürften. Und warum es wichtig ist, dass die Bundeswehr sich um den Sonnenschutz ihrer Soldaten kümmert.

Ein Buch, das mir sehr gefallen hat und das ich absolut empfehlen kann: schnell und gut verständlich zu lesen, klar in einzelne Kapitel geglieder und ideal für einen kurzen Happen zwischendurch. Kein Buch zur Abschaffung der Bürokratie. Aber perfekt, um für ein wenig mehr Einfachheit im Behördenschungel zu plädieren. Schade nur, dass die Personen, die das Buch wohl am meisten betrifft, es nicht lesen werden ;-)

SaschaSalamander 22.08.2013, 08.44 | (0/0) Kommentare | PL

Mit einem Bein im Knast

schmieder_knast_1.jpgWir alle sind Verbrecher. Wir fahren zu schnell, wir stehlen Handtücher aus Hotels, wir betrügen bei der Steuererklärung, wir saugen Filme aus dem Internet. Doch zugeben würden wir es nie. Dabei beläuft sich der volkswirtschaftliche Schaden solcher Untaten auf mehr als eine Billion Euro pro Jahr. Wie wäre es, wenn man ein Jahr lang jeden Tag 24 Stunden von einem Polizisten begleitet würde? Jürgen Schmieder hat es gewagt. Er versucht, ein Jahr lang gesetzeskonform zu leben, im Einklang mit unseren mehr als 100 000 Gesetzen und Verordnungen. Ein schwieriges Unterfangen, wo ihn doch schon deren Lektüre schier in den Wahnsinn treibt. Er sieht sich gezwungen, seine Frau anzuzeigen, verfolgt einen russischen Milliardär, bekommt sogar eine Todesdrohung … Am Ende steht die Erkenntnis, dass es viel zu viele Gesetze gibt, aber kaum jemand dafür sorgt, dass die wirklich wichtigen eingehalten werden.

MIT EINEM BEIN IM KNAST ist ein typisches Beispiel dafür, dass es eigentlich zu wenige Genres in der gesamten Einteilung der Literatur gibt. Die Bestsellerlisten entscheiden i.d.R. nach Romanen und Sachbüchern. Titel wie dieser landen also zwangsläufig unter Sachbüchern. Ich nenne sie allerdings gerne "Plauderbücher" (hab mal den besseren Begriff "narrative Sachbücher" gelesen): wenn ein Journalist sich zu einem Thema schlau macht, einen Selbstversucht wagt und dann ein Sachbuch darüber verfasst, wieviele Gesetze es gibt, wie man glücklich wird, was es mit Nerds auf sich hat, wie man eine gute Beziehung führt, usw. Oder wenn ein hart arbeitender Arzt / Tätowierer / Telefon-Polizist / Undercvover-Polizist / Betsatter / Putzfrau / Gerichtsmediziner / Lehrer / Knastarzt / Mordermittler /  Bundespräsidentenfrau von seinem ereignisreichen Arbeitsleben erzählt.

Alles, was diesen Büchern gemeinsam ist, trifft auch auf MIT EINEM BEIN IM KNAST ZU: es fließen sehr viele persönliche Erfahrungen ein, die Selbstdarstellung der eigenen Persönlichkeit und Meinung steht dem eigentlichen Thema noch voran. Es bietet zwar dem Laien Informationen zum Thema, jedoch keinesfalls sachdienlich und didaktisch. Aber das erwartet der Leser auch nicht. Der Leser will unterhalten werden und mehr erfahren über die schrägen Klienten, schrecklichen Schüler, harten Tattoo-Boys, das Chaos unter deutschen Betten und die Frage, wie man Glück und Erfolg erringen kann. Oder eben, welche schrägen Gesetze es gibt.

Ich habe das Buch gerne gelesen und mich gut dabei unterhalten. Es hat ein paar nette Trivia geboten und mich einige Male laut auflachen lassen. Der Autor schildert einige Gesetze, von denen ich noch nie gehört hatte und die mich schmunzeln ließen. Ja, Deutschland verwaltet sich eines Tages zu Tode, das wird hier wieder sehr deutlich.

Schade allerdings fand ich, dass der Autor maßlos übertreibt und Dinge derart überspitzt, dass man meint, er legt es regelrecht darauf an, alles ins Lächerliche zu ziehen. Es schwingt zuviel Satire mit. Und oft fragte ich mich, ob er die genannten Dinge tatsächlich getan hat (falls ja verstehe ich, wenn ihm ein Großteil der Freunde die Freundschaft gekündigt hat). Es scheint für ihn nur Schwarz-Weiß zu geben. Kein Gesetz wird aktiv, wenn ich zu Hause mit Freunden um Pfennigbeträge Poker spiele, selbst wenn Glücksspiel an sich verboten sein mag. Man kann es auch übertreiben. Und wenn man es übertreibt, kann man aus JEDEM Thema ein Buch machen ...

Ich hätte mir also gewünscht, dass das Thema etwas ernsthafter behandelt würde. Es gibt sehr viele Stolperfallen und auch Verlockungen im Alltag, die selbst gesetzestreue Bürger schnell ins Wanken bringen. Diese benennt er auch, räumt ihnen jedoch nicht mehr Gewicht ein als anderen, eher banalen Themen. Die Möglichkeiten, die das Thema "Kriminalität im Alltag" bietet, hat er nicht ausgereizt sondern fast alle verspielt.

Durch all die vielen Nebensächlichkeiten wirkt das Buch an einigen Stellen aufgebläht und unnötig, und ich habe nach einiger Zeit viele Passagen nur noch übersprungen. Um etwa die Hälfte gekürzt, hätte es dagegen ein recht amüsantes und zwar nicht lehrreiches aber dennoch informatives Buch über das deutsche Gesetz und seine Umsetzung im Alltag sein können. So jedoch ist es ein reines Plauderbuch, das vor lauter Selbstdarstellung leider immer wieder das Ziel vor Augen verliert und die Inszenierung der Sachlichkeit vorzieht.

Trotzdem, ich habe es gerne gelesen.Denn wenn auch nicht bereichert, hat es mich immerhin unterhalten ;-)

SaschaSalamander 17.07.2013, 08.45 | (0/0) Kommentare | PL

Um das Böse zu besiegen

spieker_boese_1.jpgKlappentext:
Es gibt gute Gründe dafür, sich mit dem Bösen auseinanderzusetzen. Das Böse ist nämlich immer. Und überall. Es muss nicht gleich die große Apokalypse sein. Die kleine reicht auch schon. Einmal ins falsche S-Bahn-Abteil zu den falschen Leuten gestiegen und man liegt kurz darauf am Boden, während es Tritte und Schläge hagelt. Sadistische Lehrer, brutale Mitschüler, mobbende Chefs, stalkende Kollegen, Ehrabschneider und Gerüchtestreuer - sie alle können unser Leben infernalisch machen. Darauf muss man sich gefasst machen. Spieker [...] nimmt Bezug auf aktuelle Tragödien, die die Welt erschüttert haben, aber auch auf alltägliche Gefahren im Leben jedes Einzelnen. Und er zeigt, wie man sich gegen das Böse wappnen kann, wenn man es erst erkannt hat. Am Ende, da ist er sich sicher, ist die Liebe stärker.

Der Autor wirft in seinem Buch viele Fragen auf. Diese kann er natürlich nicht beantworten, das maßt er sich nicht an und ist wohl auch nicht möglich. Dennoch bietet das Buch sehr viele interessante Diskussionen und Ansatzpunkte, sich ausführlichere Gedanken über das Thema zu machen.

Markus Spieker geht als überzeugter Christ an die Sache heran. Dem ist prinzipiell nichts entgegenzusetzen, da eigene Erfahrungen und Werte wohl bei jedem Sachbuch in ein Werk einfließen und gerade bei diesem Thema Relgion eine große Rolle spiel. Seine Definition darüber, was böse ist, lässt mich allerdings einige Male mit dem Kopf schütteln. Auch seine Ansicht über einige Themen lassen mich daran zweifeln, ob er wirklich unbefangen an das Thema "Das Böse" herangegangen ist oder nicht doch zu sehr die christlichen Erklärungen zu Rate zieht und zu unaufgeschlossen gegenüber anderen Ideen ist.

Natürlich ist es nicht in Ordnung, den Partner zu betrügen. Aber dass ein Bordellbesuch in der Aufzählung zusammen mit Amoklauf, Mord, Drogen und anderen Dingen, genannt wird, irritiert mich dann doch. Auch seine Einstellung gegenüber Homosexualität zeigt mir, dass er und ich wohl viel Diskussionsgrundlage hätten und niemals an einem Strang ziehen könnten.

Ein weiteres Problem: er benennt stets das Gute und das Böse. Dazwischen gibt es viele Facetten. Diese werden nur selten angesprochen, etwa der Fall der in Amerika zum Tode Verurteilten, die sich dann zum Christentum bekannte. Oder wenn er klar die Schwierigkeit benennt, ob Gewalt zur Abwehr weiterer Gewalt verwendet werden darf. Mir ist das abgesehen von diesen wenigen Ausnahmen trotzdem zu schwarz-weiß, zu eindimensional, zu plakativ. Seine Argumentation zeigt mir, dass er manche Dinge einseitig betrachtet. Und als er beschreibt, dass das Böse oder Gute nicht im Menschen liegt, aber gelernt werden kann, zieht er als Beispiel die Geschwister Scholl und ihre vorbildliche christliche Erziehung heran. Hallelujah, Amen.

Mag sein, dass er beruflich viel mit dem "Bösen" zu tun hat. Und seine Erfahrungen mögen genauso richtig sein wie meine. Aber es sind halt seine persönlichen, keine wissenschaftlich fundierten (Was allerdings seine Lösungsansätze betrifft - da habe ich oft zustimmend genickt. Ja, dem stimme ich in vielen Punkten zu. Und ich sehe da noch sehr viel Handlungsbedarf in unserem Rechtssystem)

Nein, von daher kann ich das Buch nicht empfehlen, weil es Dinge verbreitet, denen ich ganz und gar nicht zustimme. Man empfiehlt nur das, wovon man auch überzeugt ist. Auf der anderen Seite ist das Buch sehr gut geschrieben. Es ist gut gegliedert, die Kapitel sind didaktisch geschickt aufeinander aufgebaut, führen die Diskussion stetig voran, er stellt intelligente Fragen, setzt sich weitreichend und auf verschiedenen Ebenen damit auseinander und bringt zum Abschluss zwar keine Lösungen aber interessante Ansätze und Gedanken. Ich halte es für sehr wichtig, sich damit auseinanderzusetzen.

Auch, wenn ich ihm oftmals nicht zustimmen konnte, hat mich das Buch sehr bereichert. Seine Gedanken haben mir Anlass zum angeregten Nachdenken gegeben. Und um zu sagen "ich bin anderer Meinung" muss man sich erst einmal damit auseinandersetzen, muss eigene Argumente finden, begründen. Ich habe mit anderen Personen viel über einige der Inhalte diskutiert. Manche der Aussagen gingen mir noch später durch den Kopf und haben mich beschäftigt. Von daher - auch, wenn ich es nicht aus Überzeugung empfehlen kann, rate ich dennoch zur Lektüre ;-)

Wertung: ach jeh, wie bewertet man etwas, das gut gemacht ist aber so völlig einigen eigenen Überzeugungen (die ja nicht die einzig richtigen sein müssen) widerspricht? Was für ein Glück, dass ich das nicht muss ...

SaschaSalamander 10.06.2013, 09.11 | (0/0) Kommentare | PL

Tiere in der Stadt

kegel_tiere_1.jpgVORAB

Wie üblich kurz bei Sachbüchern der Hintergrund, mit dem ich das Buch rezensiere: ich liebe Natur und Tiere, und ich gehe dabei gerne in die Tiefe. Ich habe mich als Jugendliche viel engagiert und eingesetzt, etwa beim Bau verschiedener Biotope, beim Erforschen der heimischen Pflanzen- und Tierwelt, habe viel über Pflanzenbestimmung und verschiedene Tierarten gelernt. Auch heute noch bin ich gerne und viel in der Natur. Und ich möchte nicht nur beobachten, sondern auch verstehen.

Aufgewachsen bin ich "auf dem Land", wo ich mit Tieren einen ganz anderen Umgang hatte als derzeit in der Stadt. Hier in der Großstadt erlebe ich nun andere Tiere, die ich ebenso begeistert beobachte. Und ich bin fasziniert, dass selbst inmitten der Häuser, zwischen all den Straßen und mitten unter den Menschen so viele Tiere zu finden sind. Das Buch TIERE IN DER STADT von Bernhard Kegel berührt also ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt und dem ich täglich sehr viel Aufmerksamkeit widme.


AUFBAU
 
Das Buch ist inhaltlich sehr übersichtlich gegliedert. Es zeigt von Beginn an, dass das Buch sich nicht nur auf Deutschland konzentriert, sondern die Städte auf dem gesamten Globus beleuchtet. Anschließend wird in verschiedenen Etappen beschrieben, wie die Natur in den Städten sich entwickelte, welchen Tieren man begegnet, wie der Mensch sich darin auswirkt. Auch auf historische Aspekte geht der Autor ein sowie das Thema Naturkatastrophen und Natur / Stadt im Wandel der Zeit. Denn um die Natur in den Städten zu verstehen, muss man zuvor auch die Stadt selbst als Habitat verstehen, sodass er hierauf viel Gewicht legt. Bei all den Tierarten widmet er besonders den Vögeln und dem winzigen Insekten und anderen Kleintieren sehr viel Raum.

Es gibt nur sehr wenige Bilder, zum Teil alte Zeichnungen, ansonsten vor allem Statistiken oder um mikroskopisch kleine Tiere im Großen zu zeigen. Sehr oft findet man graue Kästen, die zusätzlich zu dem Fließtext Episoden erzählen. Anekdoten, Info, Trivia, Exkurse.

19 Seiten Literaturangabe der Fußnoten, 17 Seiten Aufzählung der Quellen, 10 Seiten alphabetisches Register und eine Seite mit Bildnachweisen. Mag manchen Lesern recht viel vorkommen, so jedoch funktioniert wissenschaftliches Arbeiten. Man erkennt, dass der Autor sehr intensiv recherchiert hat und vor allem neben älteren Schriften auch auf aktuelle Titel Bezug nimmt und nicht nur Bücher sondern auch wissenschaftliche Artikel, Fachzeitschriften und Zeitungsberichte heranzieht.


UMSETZUNG

Obwohl er das Thema sehr fachlich angeht, schreibt er leicht verständlich und in einem flüssigen Duktus. Es ist eine Freude, sich in das Buch zu vertiefen und Kegels Ausführungen zu lauschen. Gelegentlich bindet er Anekdoten ein, bringt den Leser zum Schmunzeln, lockert den gelegentlich recht sachlichen Text ein wenig auf. Trotz der vielen Fußnoten, Quellen und wissenschaftlichen Untermauerung lässt er das Buch in keinem Moment trocken oder langweilig erscheinen.

Auch die Gliederung in gut erkennbare Absätze und Kapitel sowie die zwischendurch eingeschobenen grauen Infokästen sind sehr hilfreich. Oft vermisse ich in anderen Fachbüchern die Lesbarkeit, etwa wenn Text an Text an Text gereiht ist und das Hirn mit Input zugeschüttet wird ohne das Auge zu entlasten. Hier aber klappt alles bestens. Ob dies Kegel zuzuschreiben ist oder dem Verlag, vermag ich nicht zu beurteilen, in der Aufmachung jedenfalls ist es gelungen, es trotz der Wissenschaftlichkeit leserfreundlich zu präsentieren.


PERSÖNLICHE MEINUNG

Das Buch liest sich wunderbar, und man geht danach tatsächlich mit anderen Augen durch die Stadt. Dennoch war ich ein wenig enttäuscht: gut, im Inhaltsverzeichnis wird schnell klar, dass das Augenmerk auf Vögeln und Insekten sowie der Stadt als solcher liegt. Doch die Vermarktung und auch das Cover lassen eigentlich auf etwas anderes schließen. Ich finde es sehr interessant, wie Städte entstanden sind und sich entwickelten, veränderten. Und Milben, Flöhe, Käfer, Spinnen, Asseln, Wanzen, Zecken, Flöhe, Fliegen, Mücken etc gehören selbstverständlich dazu, wenn man über Tiere in der Stadt schreibt, ebenso die unzähligen Vogelarten.

Die deutliche Konzentration vor allem auf diese Bereiche allerdings fand ich sehr schade. Es ist nicht so, dass ich Säugetiere mag und Insekten nicht (ich gehöre sogar zu denen, die lange fasziniert zusehen wie eine Spinne ihre Beute einwickelt oder sich auf den Waldboden setzen, um eine Ameisenstraße zu beobachten), aber ich hätte mir einfach mehr Gewicht auf den Säugetieren gewünscht. Nicht, weil sie niedlich sind, sondern weil sie für mich das Stadtbild prägen und ich ihnen täglich vielfach begegne. Es ist ja nett, wenn ich mir bewusst werde "ah, in meinem Bett sind soundsoviele Milben", aber es wäre auch schön, wenn ich mehr über die Hasen, Eichhörnchen, Füchse, Fledermäuse, Schmetterlinge, Mäuse, Ratten, Dachse, Marder, Maulwürfe erfahren könnte, die sich zwischen den Häusern tummeln. Darüber liest man jedoch kaum etwas.

Der Klappentext verspricht "nimmt uns mit auf Forschungsreise in die Wildnis vor unserer Haustür", das Cover zeigt einen Fuchs. Das impliziert dann doch etwas komplett anderes als das, was man tatsächlich im Buch las (okay, ein Katzenfloh macht sich nicht gut auf dem Buchcover). Auch ist klar, dass ich global denken muss und mir bewusst sein muss, dass es nicht nur um meine eigene kleine Haustür in meiner Stadt in meinem Bundesland geht. Aber ein wenig mehr Konzentration auf Deutschland und weniger Bezüge auf Paris, London, Warschau, Sidney, New York und Co hätte ich deutlich begrüßt. London 1666 ist einfach nicht "vor meiner Haustür", ebensowenig wie Afrika vor 72.000 Jahren oder Manhatten 1650.


FAZIT

Ein wunerschönes Buch, das dem Leser Natur und Stadt näherbringt. Dank des lockeren Stils kann man dem Autor gut folgen, die Texte sind angenehm aufbereitet und präsentiert. Kegel gelingt die Kunst, komplexes Fachwissen unterhaltsam zu verpacken. Allerdings liegt das Gewicht doch sehr auf Insekten und Vögeln. Wer also mehr über die heimischen Vierbeiner lesen möchte, wird etwas enttäuscht werden. Wer diese Erwartung nicht hegt und eine Vorliebe für mikroskopisches Kelingetier und Vögel hat, wird dagegen begeistert sein.

SaschaSalamander 24.05.2013, 08.59 | (0/0) Kommentare | PL

Was gibts zu sehen

gompertz_Kunst_1.jpgVORAB

Vor einer Rezension über Sachbücher ist der Kontext des Kritikers doch wichtig, um es als Kunde einschätzen zu können. Daher also kurz ein Abriß, warum ich dieses Buch rezensiere: ich liebe Literatur und Musik. Aber Kunst? Die optischen Sachen, das, was ich anfassen und sehen kann und nach ästhetischen oder künsterlischen Gesichtspunkten beurteilen muss? In der Schule habe ich absolut nichts über Kunst gelernt, kenne weder antike noch moderne, unser Schwerpunkt lag auf anderen Fächern. Kunst hat sich mir noch nie wirklich erschlossen, immer wieder bin ich bei meinen Selbststudien gescheitert an Theorie, Fakten, Zahlen und Fachbegriffen. Es erschließt sich mir einfach nicht. Nada. Null. Und das frustriert mich. Ich möchte mehr darüber erfahren. Möchte wissen, worauf ich achten muss, wenn ich ein Bild betrachte. Und ich will wissen, warum so völlig abgefahrene Dinge als Kunst betrachtet werden und warum für ein paar belanglose Gegenstände oder hingeklatschte Farbkleckse und akkurat gezirkelte Linien so viel gezahlt wird. Ich möchte es gerne erfassen und mir die Bilder und Objekte länger betrachten, will darin etwas erkennen. Möchte es verstehen.

Dieses Buch sprach mich in seiner Aufmachung sofort an, es wirkt aufgeschlossen, lebendig und vor allem witzig. "Kunst", das klingt immer so trocken und abgehoben. Vielleicht könnte Will Gompertz es ja tatsächlich schaffen, mir das näherzubringen, was die letzten 35 Jahre komplett an mir vorübergezogen ist ...


ZIEL DES BUCHES

Im Vorwort betont der Autor klar, was ihm wichtig ist: "Mein Ehrgeiz war es, ein faktenreiches und lebendiges Buch zu schreiben; es ist nicht als wissenschaftliches Werk gedacht. Es gibt weder Fußnoten noch lange Quellenverzeichnisse, und manchmal habe ich meiner Fantasie freien Lauf gelassen [...]."

Er spricht also nicht den Kunstkenner an, sondern ganz klar den Laien. Der Laie will keine komplizierte Wissenschaft, dafür aber lebendige Fakten. Was nützen dem Anfänger hunderte Querverweise und Randnotizen, die viel zusehr ablenken und es dann doch wieder verkomplizieren? Wer sich wirklich interessiert, der wird von selbst recherchieren. Dieses Buch soll ein erster Einstieg in die Welt der modernen Kunst sein und dem Interessierten Anregungen bieten, sich aus eigenem Antrieb tiefer mit der Materie zu befassen. Es bietet nur die Basis, diese dafür aber gründlich, mit Humor und jeder Menge Background.


AUFBAU

WAS GIBTS ZU SEHEN beginnt mit einer Übersichtskarte "Moderne Kunst" zum Ausklappen, angelehnt an den Plan der Londoner U-Bahn. Schräge Idee, und sofort beginnt der Leser damit, sich die ganzen Abzweigungen, Überschneidungen, Verknüpfungen anzusehen. Man sucht automatisch nach dem, was man bereits kennt, findet dabei Neues, verweilt in dem Plan, es gibt so viel zu entdecken, das Inhaltsverzeichnis mit dem Streckenplan zu vergleichen, sich über einzelne Linien in dem Plan zu wundern. Damit ist der Einstieg schon sehr gut gelungen: der Leser befasst sich mit der Geschichte der modernen Kunst. Er hat zwar noch nichts gelernt, aber er ist jetzt so richtig neugierig. Idealer Einstieg. Das, was man von sich aus entdecken will, prägt sich einfach besser ein als das, was einem vorgesetzt wird.

Das Buch selbst ist dann gegliedert in einzelne Epochen, jedoch nicht komplett chronologisch, da manches sich überschneidet oder nicht klar einzuordnen ist in den Übergängen. Beim Überfliegen findet man sofort einige Cartoons, die den Text ein wenig auflockern. Außerdem schwarz-weiße Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und Objekten sowie einige Farbseiten. Die Abbildungen sind nicht immer exakt dort zu finden, wo sie im Text erwähnt werden, sodass der Leser oft hin und her blättern muss. Geschickt gemacht, da man auf diese Weise nicht stupide konsumiert und darüber hinwegliest sondern sich die Bilder und den Text dazu gewissermaßen "erarbeiten" muss, sich die Inhalte besser einprägt.


UMSETZUNG

Der Autor gibt sich sehr menschlich, niemals abgehoben und dem Publikum fern. Als Neueinsteiger in Sachen Kunst fühlt man sich schnell überfordert oder ausgeschlossen. Gompertz dagegen nimmt den Leser an die Hand, erzählt Anekdoten, erfindet Geschichten. Er erzählt so von den Künstlern, dass man regelrecht mit ihnen mitfiebert, ob ihre Werke nun anerkannt werden oder auf Ablehnung stoßen, man ärgert sich mit Manet über die blasierten Herren von der Kunstakademie und lacht sich gemeinsam mit Duchamps ins Fäustchen.

Das Buch steckt voller Emotionen, und ich habe mich teilweise mehr hineinversetzt und mich beteiligt gefühlt als in so manchem Roman. Dadurch wird die leblose Farbe an der Wand, werden die gerade angeordneten Ziegelsteine auf dem Boden plötzlich lebendig, sie machen mich betroffen, bringen den Leser zum Lachen, lösen Trauer, Wut, Freude, Fröhlichkeit aus. Und ganz nebenbei werden Fachbegriffe (z.B. Pleinair, Readymade ua) nicht erklärt sondern so eingewoben, dass man sie wie nebenbei liest und verinnerlicht. Man lernt hier, ohne dass man es merkt, und am Ende des Kapitels könnte man den Leser wie einen Schüler abfragen, er wäre selbst erstaunt, was er nun auf einmal alles weiß.


PERSÖNLICHE MEINUNG

Ich fühlte mich als Leser ernst genommen und verstanden. WAS GIBTS ZU SEHEN ist wie ein guter Freund, der sagt "so, ich schleif Dich jetzt einfach mal mit in die Galerie, lass uns Spaß haben". Man ist skeptisch, hat keine Lust, aber dann lässt man sich darauf ein. Und hat tatsächlich Spaß. Der Gegenüber erzählt voller Leidenschaft, die Begeisterung reißt mit. Ich hatte sehr oft das Bedürfnis, sofort nachzuschlagen, weiterzuforschen, mich ans Internet zu setzen und mehr über den Künstler, ein spezielles Bild, eine bestimmte Epoche zu erfahren.

Normalerweise kritzele ich nicht in Büchern herum, dafür habe ich Notizzettel. Es war das erste Mal, dass ich mir wünschte, ich könnte mich dazu aufraffen. SO gerne hätte ich überall etwas unterstrichen, am Rand notiert, mit Leuchtstift hervorgehoben, einzelne Passagen mit Linien verbunden, darin gekritzelt. Das Buch schreit danach, benutzt zu werden, nicht nur stupide im Regal zu stehen. Es verlangt nach Aktion, Mitmachen, Beteiligung, es will mehr als nur gelesen werden.

Auch lese ich Fachbücher normalerweise partiell, suche mir einzelne Kapitel heraus oder lese mal dies und mal das. WAS GIBTS ZU SEHEN ist eines der wenigen Bücher, die ich tatsächlich von vorne bis hinten gelesen habe. Am liebsten hätte ich es nonstop an ein, zwei Tagen verschlungen, so spannend fand ich das Gelesene. Ich musste mich regelrecht zwingen, mir etwas Zeit zwischen den einzelnen Kapiteln zu lassen, um das Gelesene auch zu verarbeiten und erfassen statt einfach nur darüber hinwegzurauschen.

Nie hätte ich gedacht, wieviel Aussage und Statement in einem simplen Pinkelbecken steckt, wie hintersinnig, aufwieglerisch und lustvoll ein scheinbar stinklangweiliges Gemälde sein kann. Gompertz hat mir mit seinem Buch eine völlig neue Perspektive eröffnet, wie ich es keinesfalls erwartet hätte.

Nein, ich habe mir nicht alle Daten, Epochen und deren Vertreter gemerkt. Und noch immer, wenn ich ein Bild sehe, kann ich nicht den Künstler benennen und alles darin sehen, was der Fachmann sieht. Aber ich habe viel dazugelernt. Und ich verstehe nun, warum manches als Kunst gesehen wird und anderes nicht. Ich fühle mich nicht mehr ganz so hilflos und schaffe es nun tatsächlich, Kunst als etwas Lebendiges zu sehen, das mich berührt und etwas in mir auslöst. Das ist weit mehr als ich mir von diesem Buch erhofft hatte.


FAZIT

Das Buch hält mehr, als es sowieso schon verspricht. Es führt Anfänger in die Welt der modernen Kunst ein, schenkt ihnen ebenso unterhaltsame wie auch lehrreiche Stunden. Gompertz macht Lust auf mehr, er fixt den Leser an und bietet einen idealen Einstieg, um dann die Welt der modernen Kunst selbständig zu ergründen.

SaschaSalamander 22.05.2013, 08.37 | (0/0) Kommentare | PL

Lust auf Literatur

>LUST AUF LITERATUR< - Na, das ist ein Titel, an dem kann jemand wie ich nicht vorbei! Also habe ich die Kopfhörer aufgesetzt und sofort mit dem Buch von Peter Braun begonnen. Es erzählt in verschiedenen Abschnitten über das Leben und Wirken vereinzelter Autoren, so etwa Goethe, Schiller, Hesse, Lessing, Karl May, die Brüder Mann und einige weitere.

Ziel des Buches ist es, sich von dem langweiligen Stoff der Schule abzuheben. Während der Schulstoff den Jugendlichen oft das Lesen vergällt und die Freude daran nimmt durch trockene Fakten und unnötige Informationen, durch viel zu analytische Gedanken statt einfach mal menschlich an das Werk heranzugehen, möchte der Autor hier die Personen und Werke so vorstellen, dass es Freude bereitet. Er will junge Menschen zum Lesen bewegen und sie dazu bringen, sich auch für anspruchsvolle Literatur zu begeistern, die keinesfalls öde und kompliziert ist.

Dies geht er an, indem er über die Hintergründe der einzelnen Personen erzählt. So berichtet er von den politischen Wirren, sozialen Hintergründen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, unter denen einzelne Werke entstanden sind, erzählt private Anekdoten der Autoren. Oft kann man nur verstehen, was ein Schriftsteller aussagen möchte, wenn man weiß, unter welchen Umständen das Buch geschrieben wurde, und dies wird hier vermittelt.

Ich finde, es ist Peter Braun zum Teil durchaus gelungen, allerdings bezweifle ich, dass er damit wirklich alle jungen Leser begeistert. Mir hätte das Buch (bzw in diesem Fall das Hörbuch) sehr gut gefallen. Allerdings konnte ich mich damals bereits für Literatur begeistern und fand all diese Dinge sehr spannend.

Um Jugendliche allgemein zu begeistern, ist LUST AUF LITERATUR dann aber doch zu speziell. Der Autor begeht einige Fehler, die leider auch in der Schule gemacht wurden: zuviel Input, zu wenig Drumherum. Die Fakten selbst sind interessant, die Anekdoten witzig bzw spannend, und erfreulicherweise vieles, das man in der Schule so niemals hören würde. Aber alles ist so extrem dicht gepackt, dass der Hörer nicht eine Sekunde verschnaufen darf. Beinahe Infodumping. Gut, es IST ein Sachbuch, aber selbst hier erwarte ich gerade für Jugendliche eine gewisse Lesbarkeit statt nur Aneinanderreihung von Informationen.

Dazu kommen sehr viele Exkurse. Es geht Schlag auf Schlag, wobei es einfach nicht mehr möglich ist zu folgen. Zwar gibt es wechselnde Sprecher, doch da es eben kein emotionaler Roman sondern ein sachlicher Text ist, gibt es wenig Schwankung im Vortrag. Es "monoton" zu nennen, wäre böse, doch da eben wenig Hebungen und Senkungen notwendig sind, läuft es stellenweise von der Sprachmelodie darauf hinaus, was das Zuhören auf Dauer doch erschwert.

Das Kapitel um Hauff etwa beginnt mit dem Autoren Tieck (wieder ein Exkurs zum "gestiefelten Kater"), der beim Hören des Gedichtes "Die Glocke" von Schiller vor Lachen vom Stuhl fällt. Es geht weiter mit den Gebrüdern Grimm, dem Zeitalter der Romantik, mit Brentano und Arnim, bevor man dann irgendwann auf Hauff zu sprechen kommt. Zugegeben, da braucht es wirklich viel Sitzfleisch, um hier aufmerksam am Ball zu bleiben! Es mag im Buch anders sein, doch gerade im Hörbuch kam es vor, dass ich bei einem Kapitelwechsel sehr lange keine Ahnung hatte, um wen es nun eigentlich geht und wer der Autor ist, über den gerade gesprochen wird - einfach, weil zu viele Autoren, Werke, Epochen und Hintergründe binnen weniger Minuten benannt werden. Irgendwann erlahmt dann die Lust, schweift man gedanklich ab und findet sich erst einige Minuten später wieder, wenn man den Anschluss bereits verloren hat.

Obwohl ich die Autoren und zum Teil ihr Wirken bereits kannte, und obwohl ich mich für einen sehr aufmerksamen Hörer und interessierten Literaturfreund halte, bin ich einige Male während des Hörens abgeschweift. Es ist einfach unmöglich, jeden einzelnen Satz zu verfolgen. Doch ein Satz baut auf dem anderen auf, für das Verständnis ist absolute Konzentration erforderlich, heftiger als in manch einer Schulstunde (sagt jemand, der tatsächlich sogar gerne zur Schule gegangen ist).

Insgesamt fand ich LUST AUF LITERATUR sehr spannend. Unterhaltsam weniger, dazu muss man sich beim Hörbuch zusehr konzentrieren. Die Informationen sind interessant und machten tatsächlich Lust darauf, sich mit dem entsprechenden Autor und seinem Werk auseinanderzusetzen. Allerdings lockt man damit keine Lesemuffel hinter dem Ofen hervor. Vielleicht ist es als Buch einfacher zu verinnerlichen, als Hörbuch allerdings empfehle ich einen häppchenweisen Genuss, weil es schnell zuviel wird.

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Ergänzung, unabhängig von der Rezension: ich habe einige Rezensionen im Web dazu gelesen. Und ich muss sagen, dass ich erstaunt bin. Getraut sich (des Kaisers neue Kleider) niemand zu sagen, dass die Infos zu schlagartig folgen und dass manches einfach unstrukturiert ist (siehe das Beispiel mit dem Kapitel Hauff), weil die Leute dann glauben zuzugeben, dass sie womöglich dumm seien, sodass lieber jeder die tollen Informationen lobt statt offen zu sagen "too much"? Oder ist es als Hörbuch tatsächlich soviel schwieriger denn als Buch? Oder hatte ich beim Hören einfach ein paar schlechte Tage und war nur nicht aufnahmebereit? All den Lobeshymnen kann ich mich nicht anschließen, auch wenn ich die Grundidee an sich nicht schlecht finde und mich bereits auch auf den zweiten Teil >MEHR LUST AUF LITERATUR< freue ...


SaschaSalamander 11.04.2013, 09.03 | (2/2) Kommentare (RSS) | PL

Tender - Obst

slater_obst_1.jpgZwei Textbeispiele, warum ich das Buch TENDER / OBST von Nigel Slater nicht nur der Rezepte wegen ansprechend finde. Mir gefällt seine Art, Lebensmittel zu betrachten. Nicht schnellschnell, wie es in Zeiten von FastFood und 5Minutenrezepten üblich ist. Sondern voller Genuss. Essen ist Leidenschaft, und das vermittelt er gekonnt:

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S. 087, Aprikosen:
Eine gute Aprikose ist leicht getupft: Sommersprossen in Rot, Rost und Schokolade überziehen ihre Schultern. Vielleicht hat sie auch eine Stelle auf ihrer Schale, die rau aussieht. Ihre samtige Haut strahlt in tiefem, intensivem Orange, so als würde die Flamme einer Kerze leuchten, und dieser Anblick leitet uns im Garten oft zu ihr.

S. 227, Feigen:
Eine Feige ist reif, wenn sich eine Nektarperle am Fruchtansatz zeigt und sich die Schale wölbt. Sie platzt dann leicht auf, weil der Druck des reifen Fruchtfleischs für die Schale zu kräftig wird. Die meisten samthäutigen Feigen, die mir im Sommer und Herbst begegnen, werden meistens in stiller Ehrerbietung verspeist. Diese Früchte kann man nicht wie einen Apfel einfach aus der Hand essen. [...] Das bedeuet nicht, dass ich nicht ein oder zwei Feigen auch gare. Obwohl die Hitze der Konsistenz von Feigen etwas Seidiges verleiht, ereignet sich der wirkliche Höhepunkt, wenn sie die Samen im Inneren probieren. Das warme Fruchtfleisch und die knackigen Samen sind eine Sinnenfreude, wie sie nicht besser sein könnte.

S. 404, Pflaumen:
Wenn ich eine perfekte Pflaume entdeckt habe, fast überreif, mit zartem Fruchtfleisch in einer goldfarbenen Schale mit Purpurflecken, veranstalte ich deswegen ein ziemliches Theater. Wer mich kennt, weiß, dass ich dann einen kleinen Teller und eine Serviette hervorhole. Und sie langsam esse und mir dabei vorstelle, die Zeit würde stehenbleiben. Häufiger begegnet mir eine solche Frucht ohne Vorwarnung und dann gibt es keine andere Möglichkeit, als sie direkt aus der Hand zu essen und den Kern ins lang gewachsene Gras unter den Baum zu spucken.

aus: Nigel Slater: Tender / Obst; Dumont 2013

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Mmmh, diese Aprikose, man möchte nicht einfach nur hineinbeißen, man möchte sie erkunden, erschnuppern, betrachten, sie ist geschildert wie eine zarte Frau, und mit ebendieser Ehrfurcht tritt der Autor ihr gegenüber. Berauschend ...

ich finde Feigen etwas höchst Erotisches, und schon einige Leut sagten mir leider, sie können das nicht nachvollziehen. Aber die Frucht, das Fleisch, die Hülle, das Innere, der Geschmack auf der Zunge, das ist unbeschreiblich. Der Autor hat hier in Worte gefasst, was ich mir jedes Mal denke, sobald ich eine reife Feige in der Hand halte, ich fühle mich von ihm verstanden. Und mal ehrlich - wer bei diesem Text nicht Lust bekommt (worauf auch immer *smile*), der ist wahrlich kein Genießer ;-)

Der Text zu den Pflaumen strahlt etwas aus, das mir sympathisch ist. Das Auskosten des Moments, die Präsenz ganz im Hier und jetzt, Genuss mit allen Sinnen. Das verspielte Kind, das den Kern einfach ins Gras spuckt. Der Blick zum Gras in dem Bewusstsein, dass es nicht einfach nur Gras ist, sondern schon lange gewachsen ist. Ja, er personifiziert das Gras und die Pflaume regelrecht, sie begegnet ihm ohne Vorwarnung. Was er über Pflaumen schreibt, so verhalte ich mich bei Kiwis. Die perfekt reife Kiwi (naja, sofern man bei dem langen Transportweg von "perfekt" sprechen kann, aber ich habe leider keinen Garten und wohne auch nicht in Neuseeland) ist selten, meist ist sie etwas zu hart oder weich. Aber WENN ich mal eine für mich perfekte Kiwi erwische, dann ist das ein Fest, und die im Raum Anwesenden sahen mich irritiert an, was für ein Trara ich wegen so einem kleinen Stück Obst machte ;-)

Er schreibt sehr liebevoll, aber auch direkt, mit einer Portion Selbstironie. Das gefällt mir :-)

SaschaSalamander 21.03.2013, 14.20 | (0/0) Kommentare | PL



 






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